Höflichkeit ist (k)eine Zier

Ein Satz von Goethe hat meine Kreativität geweckt. Danke dafür, lieber Bernd. Er lautet „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ und stammt aus Faust 2. Für mich als deutsche Japanerin ist dieser Satz sehr interessant. Kenne ich doch beide Welten.

Japaner haben Höflichkeit in ihren Genen. So zumindest scheint es oft. Ein Beispiel dafür ist meine Mutter, gegen die ich wirklich ein Frechdachs bin. Von meiner Mutter gibt es nie ein böses Wort zu hören. Sie beherrscht die Kunst japanischer Höflichkeit perfekt.

Aber warum ist der Japaner so, was macht uns so anders, so (scheinbar) distanziert? Wieder reise ich in der Zeit zurück, ins Japan des späten Mittelalters. Das Tokugawa-Shogunat isoliert Japan vom Rest der Welt. Mehr als 200 Jahre wird die Familie Japan mit eiserner Hand beherrschen. Und doch gibt es keinen Krieg.

Japan ist nicht reich an Bodenschätzen und die bewohnbare Fläche sehr begrenzt. Die Menschen müssen lernen oft auf engstem Raum zu leben. Ohne Streit, ohne böse Worte. Das funktioniert deshalb so gut, da es kaum soziale Konflikte gibt. Die begrenzten Ressourcen werden effektiv genutzt und so etwas wie allgemeiner Wohlstand ist verbreitet.

Aber auch die innere Distanz zu anderen Menschen, die in jener Zeit entsteht. Man begegnet sich täglich, man erweist sich gegenseitig Respekt. Ist es Lüge, wenn man andere Menschen grüßt? Amerikaner beherrschen die Höflichkeit sehr gut. Viel besser, als die Deutschen das tun. Wobei ich die Frage „Wie geht’s?, doch lieber ehrlich beantworte, statt mit dem typischen „I am fine, how are you doing today?“

Die von mir sehr geschätzte japanische Schriftstellerin Hisako Matsubara hat es so formuliert:

„Das ist die Essenz japanischer Höflichkeit: Verhalte dich so, daß der andere sein Ansehen wahren – besser noch – mehren kann.“

Versteht ihr, was das heißt? Und was es für alle bedeutet? Der Deutsche sieht Dinge viel zu negativ. Schwarz. Weiß. Keine andere Farbe. Kein anderes Bier. Und doch gibt es sie, die „Fifty Shades of Grey.“ Und ich meine nicht den Film. Höflichkeit erweise ich auch Feinden. Zumindest bevor es den Mittelfinger gibt.

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34 Kommentare zu “Höflichkeit ist (k)eine Zier

  1. Jetzt wäre es spannend zu schauen, warum der/ die deutschen, so sind, wie sie sind.
    Ich komme aus Westfalen, Schweigen zum Beispiel, darf man nicht mit Unhöflichkeit verwechseln, alles ist immer auch eine Sache des eigenen Standpunktes und Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Ich bin viel gereist und habe japanische Touristen oft als sehr unhöflich wahrgenommen, teilweise arrogant. Aber es sind Bilder in mir und Arroganz wohl eine Kompensation von eigener Unsicherheit.
    Ein komplexes Thema, dem man sich sehr achtsam nähern sollte.

    • Ich kenne beide Seiten: Deutschland und Japan. Die Mentalitäten beider Völker sind völlig unterschiedlich und kaum zu vergleichen. Der Japaner ist meist distanziert, was Deutsche / Europäer als (sehr!) arrogant empfinden. In Wirklichkeit respektiert er aber nur „deinen“ Freiraum und will dir nicht zu nahe treten. Das kann durchaus in totalem ignorieren deiner Person resultieren.

      AmerikanerInnen empfinden Deutsche als unhöflich und sehr direkt. Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen und kenne das Ruhrgebiet sehr gut. Die dortige Sprache finde ich lustig und kann damit auch. Nur mit der Sprache hapert es, ich spreche keinen Dialekt.

  2. Ich antworte auf die Frage „wie geht’s?“ auch gerne mal mit „Nicht gut!“ Das verblüfft und macht viele Menschen sprachlos. Aber warum soll ich mich verbiegen? Höflich lügen tue ich allenfalls bei Kunden oder Menschen, die mir persönlich nicht wichtig sind. LG Ulrike

    • „Wie geht’s?“, ist zur Floskel verkommen, was ich schade finde. Mir liegt die deutsche Art übrigens mehr, als die allzu höflich-japanische. Aber das hast du bestimmt schon gewusst 😉

  3. Na, also, in Deutschland gibt es doch deutlich mehr Biersorten als nur Schwarz- und Weißbier. Du kannst uns viel vorwerfen, aber das nicht 😛

    Höflichkeit ist immer auch eine Frage der Kultur – was bei den einen als höflich gilt, ist bei den anderen vielleicht schon ein grober Verstoß. Wenn man in eine fremde Kultur kommt, muss man das lernen wie eine neue Sprache. Manches, was anderen unhöflich vorkommt, ist eben die deutsche Art der Höflichkeit. In Amerika wäre es der Gipfel der Dreistigkeit, auf die Frage „Seh ich darin dick aus?“ mit „Ja“ zu antworten; in Deutschland gälte es als mies, jemanden in Klamotten, die ihm nicht stehen, dem Spott anderer preiszugeben, nur um keine unangenehme Wahrheit sagen zu müssen.

    Dass die Höflichkeit in Japan aber den Alltag mehr durchdringt als in Deutschland (z.B. beim Vordrängeln vs. Schlangestehen, draußen laut sein vs. Zurückhaltung üben, etc.), kann ich mir gut vorstellen, und ich stimme dir zu, dass es vermutlich an der Enge des Zusammenlebens liegt. Als krasses Beispiel für das Gegenteil habe ich mal von einem Dschungelvolk in Südostasien gelesen (ich weiß leider nicht mehr, wie es hieß), dessen Angehörige meist einzeln oder in sehr kleinen Gruppen herumziehen und sich nur einmal im Jahr zu einem großen Fest treffen. Weil sie sich sonst bei Konflikten einfach aus dem Weg gehen, haben sie keine Verhaltensregeln für Streitfälle entwickelt, und so kommt es bei diesem Fest immer wieder zu Gewaltausbrüchen. In Japan ist das Aus-dem-Weg-Gehen sicher viel schwieriger, also hat die Gesellschaft Formen entwickelt, ohne Gewalt mit Konflikten umzugehen. Das ist eigentlich gut – man sollte ja immer versuchen, einen Konflikt erst einmal ohne Gewalt und mit möglichst wenig Schaden für alle Beteiligten zu lösen. Vielleicht könnten wir Deutschen da von Japan lernen? 😉

  4. Interessanter Vergleich. Ich habe auch immer spekuliert, dass man im dicht bevölkerten Japan eben lernen musste, höflich miteinander umzugehen, sonst kann das ja nicht klappen. Hier könnte man dann einfach wegziehen. 😉
    Die Distanz hilft dabei ja vielleicht einfach, sich nicht mit jedem der (gefühlt) 1000 Menschen auseinander setzen zu müssen, die einem täglich auf dem Weg von und zur Arbeit begegnen. Und natürlich würde sich bei mangelnder Distanz, also wenn man zuviel von sich preisgibt, auch viel schneller ein schlechter Ruf verbreiten, den die 1000 Menschen weitertragen könnten. Meinst du da könnte ich mit meinem laienpsychologischen Herumgerate ungefähr richtig liegen? 🙂

    • Wegziehen kannst du auch in Japan. Nur, wohin? 😀 Von einer (Groß)Stadt in eine andere? Die Probleme bleiben gleich, auch wenn es regional Unterschiede gibt. Japans bewohnbare Fläche ist kleiner, als man glaubt. Und die Infrastruktur in den Städten wirklich gut.

      Ich glaube aber, dass sich durch Japans Isolation viel verändert hat. Worte wie Ehre, das Gesicht verlieren, sind auch heute noch aktuell. Das gab es so in Deutschland auch. Irgendwann im Mittelalter. Japan fehlen Reformen, die aber nicht mit brachialer Gewalt kommen dürfen.

      Und was den schlechten Ruf betrifft, so unterscheiden Japaner in Japan sich schon von im Ausland lebenden Japanern. Wir werden anders angesehen.

      • Das meine ich ja 😀 Egal wo man hingeht, überall sind viele Menschen.
        Das kann sehr gut sein, ja. In Deutschland wurde ja immer lustig umhergehandelt und aus- und eingewandert, da konnte man sich eine richtige Isolation nie lange leisten. Bei einem „Inselstaat“ wie Japan sieht das schon anders aus. Reformen, die mit Gewalt durchgesetzt werden funktionieren vermutlich ohnehin fast nie.
        Inwiefern werdet ihr anders angesehen? 🙂

      • Japaner machen durchaus Unterschiede, ob jemand in Japan geboren, aufgewachsen ist, dort lebt und ob er von japanischen Eltern stammt. So bin ich eine „Issei“, zwar in Japan geboren, aber lebe nicht dort.

  5. Es ist schon interessant, was in den verschiedenen Kulturen als höflich oder unhöflich wahrgenommen wird. Ich selbst sehe schon große Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland.
    Aber da man nicht alles wissen, nicht jede kulturelle „Eigenheit“ kennen kann, halte ich mich immer an mein Motto: Ein herzliches Lächeln versteht jeder! 🙂

  6. Ich bin Österreicherin und in meinem Land sehen die Dinge wieder anders aus als in Deutschland. „Wir“ empfinden die Norddeutschen oft als unhöflich, weil zu direkt und unsubtil. In Wien beleidigt man einander lächelnd und mit geschliffener Sprache und es ist für Außenstehende wahrscheinlich sehr schwierig festzustellen, ob gerade beleidigt oder gelobt wird 😀 Ich sehe da gewisse Parallelen zu den japanischen Umgangsformen……. Aber man muss eben in jeder Kultur die Codes kennen, sonst fällt man unangenehm auf …
    Der Grundsatz, dass man sich so verhalten soll, dass alle Beteiligten ihr Ansehen wahren oder sogar mehren sollen, gefällt mir eigentlich gut. Nur in engen freundschaftlichen oder Liebesbeziehungen habe ich doch gerne zusätzlich zu gegenseitigem Respekt auch mehr Ehrlichkeit und Nähe.

    • In Österreich scheint mir die „Alte Zeit“ noch lebendiger. Alt meine ich nun nicht negativ. Aber die Höflichkeit vergangener Epochen ist in Deutschland abhanden gekommen, was ich schade finde.

      In Gesprächen mit AmerikanerInnen, EngländerInnen habe ich erfahren, wie diese Menschen über Deutsche denken. Obwohl sie die deutsche Gründlichkeit durchaus schätzen, lehnen sie die sehr direkte Art der Deutschen ab. Amerikaner brauchen Small Talk, um warm zu werden. Sie verpacken ein „No“ in weiches Weißbrot. Der Brite wird, wie der Japaner, selten bis nie ein „No“ sagen.

      Ich kann beides, sehr direkt, oder sehr diplomatisch sein. Und ich kann Menschen beleidigen, ohne dass sie es bemerken. Den Mittelfinger gibt’s nur in extremen Fällen. Meine Waffe ist meist mein Verstand.

      Schönes Wochenende dir! 🙂

  7. ich weiß nicht, was Du mit dem Mittelfinger hast – laut Sendung mit der Maus von heute ist er nur ein Symbol für die Zahl vier 😉 (Einführung ins binäre Zählen)
    Sonst kann ich dazu nur sagen: Höflichkeit ist regional sehr unterschiedlich, Du kennst das ja sicher:
    Kommt ein Schwabe in eine Gastwirtschaft mit 3 Tischen, an denen jeweils jemand sitzt. Sagt er zu seiner Begleitung: Komm mir ganget widr, s’isch ja älles besetzt….

    • Ich mag die Sendung mit der Maus, an die erinnere ich mich gern. Weißt du, mein Mittelfinger hat eine Art Eigenleben. Der war (ist) meine harmlose Antwort auf dumme Anmache. 😉

      Warst du schon mal in NRW? Die Menschen dort tragen das Herz oft auf der Zunge. Vor allem im Pott. Von denen konnte selbst ich noch etwas lernen. Ob das dann so gut war … na ja 😀

  8. Würdest du Japaner im Vergleich zu Deutschen generalisierend als optimistischer bezeichnen? Höflichkeit und Respekt halte ich für wichtige Tugenden, wie auch Achtsamkeit.

    • Diese düstere Stimmung in Europa, geboren aus einer Mischung von christlich verordneter Erbsünde und Schuld, gibt es in Japan nicht. Die Menschen konzentrieren sich auf das Wesentliche und nicht auf einen imaginären, toten Gott.

      • Aber ist gibt Karma. Demnach wird man für schlechte Taten auch bestraft oder in einem anderen Leben als etwas Niederers wiedergeboren, auch wenn kein Gott der Richter ist. Da mir Gerechtigkeit wichtig ist, halte ich von der Idee des Karmas viel! 🙂

      • Ob ich im nächsten Leben ein Regenwürmchen werde? 😉 Bis dahin trete ich aber noch auf diverse Zehen. Immer höflich versteht sich. Das pöbeln überlasse ich meist den anderen, die sich damit stets eine Blöße geben.

      • Ein Regenwurm!?! 😂 Ich werde wahrscheinlich eine Ameise werden, weil ich als Kind zu viele von denen zerquetscht habe. Dabei sind es echt nützliche Viehcher. Dies bezüglich war ich wirklich ein dummes Kind.

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