Doko iku no? – Wohin gehst du?

Wenn Yuki und ich japanisch sprechen vermeiden wir Dialekt. Unsere Aussprache ist quasi das „hochdeutsche“ der japanischen Sprache. Aber zumindest ich kann auch anders. Bekanntlich stammen meine Eltern aus der Region Fukuoka. Und dort spricht man Hakata-ben. Zu meinem Glück haben sie Wert darauf gelegt, dass Klein-Mayumi sauber redet. Aber bei Besuchen in Japan hat mir Ken schnell Dialekt vermittelt. Und den kann ich nun perfekt.

Aber keine Angst, dies wird nun kein Sprachführer durchs Japanische. Grammatik, Schriften und Aussprache können Ungeübte in den Wahnsinn treiben. Und wer soll mich dann lesen? Und eigentlich fand ich Fukuoka-Dialekt bisher wenig erwähnenswert. Yuki meint frech, dass sei eine ländliche Sprache. Aber sie versteht das auch.

Auslöser des Beitrags sind zwei junge Japaner, denen wir in der Stadt begegnen. Das Paar steht ratlos auf der Straße. Für mich ist klar, die haben sich verlaufen!
Als sich unsere Blicke treffen leuchten die Augen der Frau hoffnungsvoll.
„Entschuldigung, sprechen Sie Japanisch?“, flüstert sie.
„Ja“, erwidere ich. „Sieht man das nicht?“
Yuki schnauft kurz, der Fettnapf gehört mir.
Aber das Pärchen lacht, Japaner unter sich.

Nach den ersten Worten wird klar woher die beiden kommen. Das ist ganz klar Fukuoka-Dialekt! Sofort verfalle ich in die gleiche Weise und gewinne zwei Herzen für mich. Dumm nur, dass ich die nicht brauche.
„Doko iku to?“, frage ich die Frau und sehe nun vielleicht Japanisch-Sprecher verwirrt. Und nein, das ist kein Fehler!
Die Frage „Wohin gehen Sie / wohin gehst du“, ist mit „Doko iku no / Doko ni iku no“ zu übersetzen. Aber statt der Endsilbe -no, setzt man in Fukuoka -to ein.
Und das habe ich gemacht. Höflich, formell klingt der Satz zwar anders. Aber wir sind im gleichen Alter und niemand sieht das eng.

Das Paar ist auf Hochzeitsreise, die Frau im dritten Monat schwanger. All das erfahren wir in den ersten Minuten und laden die beiden spontan zum Mittagessen ein. Misaki und Naoki sind ihre Namen. Misaki ist Lehrerin und ihr Mann Ingenieur. Und Deutschland finden sie toll.
„Wir sprechen beide etwas Deutsch“, sagt Misaki verlegen. „Aber es hat leider nicht ausgereicht.“
Sie ist die Forschere, die Wortführerin. Ihr Mann bleibt im Hintergrund.
Göttinnen wie wir!

Wir sprechen über Kinder und dass Misaki auch ein Mädchen will.
„Ein Junge wird es!“, meldet sich nun doch Naoki zu Wort. Aber er lacht bei den Worten, er meint sie nicht so.
„Es ist mir völlig egal“, erklärt er. „Wichtig ist, dass es ein Kind der Liebe ist.“
„Liebe ist alles was zählt“, stimme ich zu.
„Haben Sie schon Kinder?“, will Misaki wissen. „Sie wollen doch bestimmt welche?“
Naokis Blick ist bühnenreif. Männer sind schon komisch.

Misaki hat mit einem Blick unsere Ringe gesehen. Und Hand in Hand gingen wir auch.
Sie lächelt verschmitzt bei ihrer Frage und meine Yuki strahlt.
„Ich werde die leibliche Mutter sein“, sagt sie bestimmt. „Mayumi kann schlecht Kinder bekommen.“
Naoki versinkt fast im Boden vor Scham.
„Entschuldigung“, stammelt er. „Ich … ich habe das nicht bemerkt.“
Wie auch? Auf keiner Stirn steht „Lesbe.“

„Kein Problem“, erwidere ich. „Ja, Kinder wollen wir. Mädchen natürlich! Es werden immer Mädchen sein.“
Yuki lacht und fasst mir an die Stirn. „Meine Frau fantasiert gern“, sagt sie frech. „Einen Jungen mag sie ebenso.“
Wir unterhalten uns gut, die Zeit vergeht im Flug. Dann müssen wir leider los.
„Möge Buddhas Segen Sie auf Ihrem Weg begleiten“, sagt Misaki, als wir gehen. „Doko iku no?“, fügt sie fast unhörbar hinzu.
Ich zwinkere ihr zu. Dann gehen wir. Unseren Weg. Immer unterm Regenbogen.

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34 Kommentare zu “Doko iku no? – Wohin gehst du?

  1. … und ihr schillert und leuchtet wie der Regenbogen … Schöne Begegnung. Ich wünsche Euch einen tollen Tag. Liebe Grüße. Melanie

  2. Schön, wenn sich Dialekte treffen! 🙂
    Wir haben ja hier in BRD auch Einiges an dialketischen Grauseligkeiten zu bieten. So kam es, dass ich mich während meiner Unizeit an multikulturellen Abenden mit den meisten Nicht-Muttersprachlern besser verstand, als mit so manchem „Eingeborenen“: Wer Deutsch als Fremdsprache lernt, bemüht sich eben meist um Hochdeutsch, während es von Muttersprachlern oft ganz schön sächselt, hesselt, bayert usw. *Seufz*

    Ach ja: Ich spreche NATÜRLICH IMMER Hochdeutsch – was dachtest Du denn? 😉

    • Dialekte kann ich verstehen, aber nicht wirklich sprechen. Wenn, so ist es ein imitieren. Ich finde manche Dialekte schön, oder lustig. Probleme bereitet mir lediglich tiefstes Bayrisch, oder Plattdeutsch.

  3. Eine schöne Geschichte, ja, aber meine Pupillen stolperten über etwas: “Mayumi kann schlecht Kinder bekommen.” Uik, was steckt denn hinter dieser Aussage, meine Liebe? Ist doch alles in Ordnung, oder? Liebe Grüße nach Elfenheim, Deine Käthe.

    • Als Teenager hatte ich übelste Regelschmerzen. Die Frauenärztin hat Endometriose festgestellt und mir vorsorglich die Pille verschrieben. Und das mir, die ich sie nun wirklich nicht brauche. Aber Hormone helfen sind aber keine Dauerlösung. Eine kleine Operation brachte Linderung. Bei Endometriose ist die Gefahr einer Fehlgeburt aber ungleich höher. Was aber nicht schlimm ist. Ich sah mich nie mit Babybauch. In mir tickt keine Uhr. Die Probleme / Schmerzen sind heute so gut wie verschwunden. Nur bei Überanstrengung treten sie manchmal noch auf.

  4. Von japanischen Dialekten habe ich bisher noch nicht einmal etwas gehört. 😅 Sehr interessant! Natürlich gibt es dort (wie überall) Dialekte. Darüber habe ich irgendwie noch nie nachgedacht.
    Es ist immer wieder faszinierend zu lesen, wie schnell ihr Leute kennenlernt und dann mit ihnen auch tiefere Gespräche führt.

    • Japan ist nicht anders als Deutschland, wenn es um Dialekte geht. In Osaka spricht man anders, als in Tokio.

      Menschen kennenzulernen ist nicht schwer. In diesem Fall ging das aber klar von dem jungen Paar aus. Den Rest machte unsere Offenheit.

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