Die kleine Schwester

„Ich mache dich kaputt!“
Mit jedem Wort traf auch ein Schlag den Kopf des Mannes, der bereits hilflos am Boden lag.
Die Männer lachten, sie hatten ihr Opfer gefunden.
Plötzlich Stimmen, schnelle Schritte. „Stehenbleiben, Polizei!“
In letzter Sekunde konnte der Notarzt den Verletzten retten. Sein Herz stand bereits still.
Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Das Surren des Handys riss Hiko aus dem Schlaf. Nur mühsam fand sie in die Realität zurück.
„Mama“, stand auf dem Display und Hiko lächelte. Aber dies war kein Tag für Fröhlichkeit.
„Yoshi liegt im Krankenhaus“, hörte sie ihre Mutter leise sagen. „Böse Menschen haben ihn fast umgebracht.“
Hiko schloss kurz die Augen. Der Schock saß tief, dann kam die Kälte.
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie knapp. „Gib mir eine Stunde. Dann will ich alles wissen. Alles, hörst du?“
Und ein Wesen schwebt vom Himmel herab, dunkel, kalt und fügelschnell.
Wenn Engel hassen.

Hiko Omura war in Japan geboren, lebte aber seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Japan hatte sie seit Jahren nicht gesehen, das Land interessierte sie nicht mehr. Die Menschen dort waren ihr suspekt. Ewig Gestrige, zu klein und zu traditionell.
Hiko war Japan entwachsen und das drückte sich auch bei ihrer Körpergröße aus. Eine Größe von 1 Meter 78 und 75 Kilo Körpergewicht sind für Japanerinnen beachtlich. Aber nicht, wenn man die Weltmeisterin im Jiu-Jitsu ist.
Ein, zwei, drei, es ist vorbei.

Düsseldorf im Regen ist keine schöne Stadt. Und Düsseldorf hat durchaus Schattenseiten. Hiko kannte sie alle, die Dunkelheit war ihr Revier.
Mit unbewegtem Gesicht stand sie neben ihren Eltern, die noch immer fassungslos auf Yoshi sahen. Oder besser auf ein zerschlagenes Bündel Mensch, das nur noch entfernt an den Erstgeborenen der Familie erinnerte.
„Was ist passiert?“, kam Hikos Frage. Aber ihre Eltern hatten keine Worte.
Ein grauer Mann betrat den Raum. Unscheinbar, nur seine Augen lebten. Und die erkannten Hiko sofort.
„Kriminalhauptkommissar Koprowski“, stellte er sich trotzdem vor. „Ich hätte da einige Fragen, Herr und Frau Omura.“
Aber die Antwort kennt oft nur der Wind.

Hiko musterte den alten Polizisten kühl. Sie waren sich schon begegnet. Damals, als sie noch in Düsseldorf lebte. Damals, als sie allein gegen eine Horde Männer stand. Und niemand da war, sie zu schützen. Damals, als er noch ihr Sensei war. Für die Presse war es ein gefundes Fressen. Die Schlagzeile „Karate-Kämpferin mischt Schlägertruppe auf“, machte sie bekannt. Zwar verstand Hiko nicht viel von Karate, aber gut kicken konnte sie. Das und ihre Würfe, waren den Männern weniger gut bekommen.
Zu Boden mit dir du Schuft!

Yoshi Omura konnte kein Karate, jegliche Gewalt war ihm zuwider. Der junge Mann war ein Computer Nerd. Und Kraft gebrauchte er nur gegen die Tastatur, die seiner Meinung nach immer viel zu langsam reagierte. Yoshi war beliebt, immer gut gelaunt und stets hilfsbereit. Streit war nie sein Ding. Aber Umwelt und Politik. Dafür setzte er sich ein.
Yoshi war nur 1 Meter 70 groß. Und doch neckte er Hiko ständig als „kleine Schwester.“ Geschwisterliebe der besonderen Art.
Und es änderte sich auch nichts als Hiko eines Tages verkündete, dass sie Frauen liebe und lesbisch war.
Auch Frauen können Frauen lieben.

„Manchmal müssen wir kämpfen, un den Frieden zu bewahren“, hatte Koprowski einst gesagt. „Aber niemals um des reinen Kampfes willen, niemals nur für einen Sieg.“
Hiko war mit 18 Jahren erstmals Weltmeisterin geworden. Ein Triumph der besonderen Art. Im Finale hatte sie die langjährige japanische Weltmeisterin geschlagen, die diesen Titel viele Jahre trug. Aber Hikos Weg war nicht nur Sport.
Als Studentin jobbte sie in einem Szene-Club und stand dort als Security ihre Frau im Leben. Bis eines Tages diese Männer kamen.
Zu Fünft verlangten sie Zugang, aber Hiko verstellte ihnen den Weg.
„Nur für Frauen“, hatte sie gesagt. „Männer sind hier unerwünscht.“
Aber der Phallus hat immer das letzte Wort.

Koprowski war damals gerufen worden und sah sich die jammernden Männer an.
Hiko stand unverletzt an der Tür, flankiert von nun einem Dutzend anderer Mädels. Und die schauten alle nicht seht nett.
Koprowski hatte sich unwohl gefühlt, als er seine Fragen stellte. Aber der Fall war klar, die Videoüberwachung konnte nicht lügen.
Notwehr gegen stadtbekannte Schläger stand in seinem Bericht. Das war vor nun zehn Jahren.
Hiko war keine Weltmeisterin mehr, sie hatte den Titel schon vor Jahren abgelegt. Heute war sie Sensei mit eigener Jiu-Jitsu-Schule. Und mit einem blonden Engel liiert.
Aber Veronika spielte in dieser Geschichte keine Rolle.

Koprowski hatte ein ungutes Gefühl, als er Hikos eisige Miene sah. Er wusste wozu diese Frau fähig war.
Hikos Eltern konnten nicht viel sagen. Nur, dass Yoshi auf einen Umweltskandal gestoßen war. Zusammen mit Freunden wollte er an die Presse gehen.
Auch Politiker können unehrlich sein.
„Finden Sie diese Menschen, Herr Kommissar“, bat Hikos Vater. „Finden und bestrafen Sie sie!“
Aber das Gesetz hat oft Lücken und Koprowski wusste das.
Manchmal müssen Menschen kämpfen.

„Reden wir draußen kurz“, sagte Hiko und ging mit dem Beamten auf den Flur. „Geben Sie mir einen Namen, Sensei“, verlangte sie knapp. „Sie wissen doch genau, wer das war.“
„Die Täter kennen wir nicht“, wich Koprowski aus. „Dein Bruder war einer großen Sache auf der Spur. Aber das ging auch durch die Presse. Mehr als den Namen des Umweltministers Lindemann habe ich noch nicht. Und der genießt Immunität, aber das weißt du sehr genau.“
Hiko lächelte. Aber mit Freude hatte das nichts zu tun. Sie hatte auch gelächelt, als sie ihre Gegnerin besiegte und Weltmeisterin geworden war.
Auch Koprowski hatte damals gelacht. Er, der nie Weltmeister gewesen war, hatte es als ihr Trainer geschafft. Aber Zeiten ändern sich, die Rollen waren vertauscht.
Hiko hatte noch immer Respekt vor ihrem alten Meister. Aber die wahre Meisterin war nun sie.
Ein Engel mit kalten Augen.

„Pieter van der Valk“, murmelte Koprowski. „Er ist Lindemanns Bodyguard und war früher Söldner in Afrika. Der Mann ist knallhart und weicht Lindemann kaum von der Seite. Ich vermute er hat die Sache eingefädelt. Selbst beteiligt war der nicht.“
Koprowski sah seine ehemalige Schülerin fast flehend an.
„Gegen den kannst du nicht gewinnen“, sagte er. „Der ist gleich mehrere Nummern zu groß für dich. Überlass das der Polizei …“
„Der die Hände gebunden sind“, unterbrach ihn Hiko ruppig. „Mir aber nicht. Daher überlassen Sie ihn besser mir.“
„Manchmal müssen wir kämpfen“, sagte Koprowski leise. „Wir müssen es für andere tun. Weil sie es nicht mehr können.“
Yoshi Omuras Herz blieb noch zweimal stehen in dieser Nacht. Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Pieter van der Valk war Geschäftsmann. Zumindest sah er sich selbst als solchen an. Seine Ware war sein Körper und sein pragmatischer Verstand. Einzelkämpfer bei der Armee, Kampfsport-Experte, Scharfschütze, Söldner. Mit seinen 35 Jahren blickte er auf ein bewegtes Leben zurück. Und er hatte mehr als ein Dutzend Leichen im Keller. Aber der Tod war für ihn nur ein Geschäft. Gefühle hatten nur die anderen.
Pieters Unternehmen boomte, Sicherheit stand hoch im Kurs. Und sein Konto auch.
Umso tiefer kam der Fall, als ihn der Stoß in den Rücken traf.
Mit der Eleganz des Panthers kam er auf die Füße, als er eine kräftige Japanerin sah.
„Yoshi Omura ist mein Bruder“, hörte er sie sagen. „Du hast zehn Sekunden, dann wird es bitter für dich.“
Engel lügen nie.

Pieter wusste, wer Yoshi Omura war. Er kannte auch das Feuerkind.
„Hiko Omura“, dehnte er um Zeit zu gewinnen. „Das wird interessant.“
Seine Hand zuckte gedankenschnell zur Waffe und senkte sich langsam wieder.
Der Grund hieß Werner Koprowski. Und der stand mit gezogener Pistole hinter ihm.
„Du hast noch fünf Sekunden“, sagte der Beamte. „Dann schieße ich dir ins Knie.“
Auch Engel schießen blaue Bohnen.

„Was wollt ihr Leute?“, versuchte van der Valk sein Glück. „Ich bin Geschäftsmann und verkaufe …“
„… den Tod“, unterbrach ihn Hiko kalt. „Aber mein Bruder hat es überlebt. Und damit das so bleibt werde ich ihn beschützen. Jetzt rede, oder ich breche dir alle Knochen.“
Koprowski fischte die Pistole aus Pieters Jacke und trat einen Schritt zurück.
„Dein Zeuge, Hiko“, sagte er. „Ich kümmere mich um den Rest.“
Fäuste liegen schwer im Magen.

Pieter van der Valk war ein ausgebuffter Typ. Aber gegen Hiko hatte er keine Chance. Was immer er auch versuchte ging daneben. Es war wenig sportlich, was Hiko zeigte, aber ihre Griffe saßen. Noch schwieg der Söldner und Hiko verlagerte kuz ihr Gewicht. Mit einem hässlichen Geräusch gab Pieters Schulter nach. Ausgekugelt hing der Arm nach unten.
„Ich … ich kann nicht“, presste Pieter hervor. „Sonst bringen sie mich um!“
Hiko lächelte. Ein Ruck, ein Schrei und Pieters Handgegelenk brach wie ein dürrer Zweig.
„Rede, sonst kommem deine Finger einer nach dem anderen dran,“ versprach die Japanerin.
Angst löst oft die Zunge. Und Worte fließen klar wie Wasser.

Das SEK stürmte noch in der gleichen Nacht eine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Garath und nahm drei Männer fest. Laut Polizeibericht leisteten die Verhafteten erheblichen Wiederstand. Die Beamten mussten Gewalt anwenden. Die Beteiligung von Werner Koprowski und Hiko Omura verschwieg man. Auch, dass sie die Männer allein überwältigt hatte.
Ja, Engel können hassen.
Pieter van der Valk redete auch nach dieser Nacht weiter und Herbert Lindemann setzte sich ins Ausland ab. Er verlor seine Immunität und wurde in Abwesenheit verurteilt. Gefunden hat man ihn nie.

Yoshi Omura lag 2 Monate im künstlichen Koma. Die Knochenbrüche heilten, das Schädel-Hirn-Trauma blieb.
Yoshi brauchte fast ein Jahr, bis er wieder sprechen konnte.
„Wo … wo ist meine kleine Schwester?“, waren seine ersten Worte.
„Hier“, sagte Hiko und nahm seine Hand.
Ein Engel mit nun warmen Augen.

34 Kommentare zu “Die kleine Schwester

      • Ach Nandalychen! Wenn eine Fiktion wie die Realität klingt, macht es die Realität nicht fiktiv, sondern die Fiktion zum traurigen Spiegelbild.
        Und natürlich: 😛

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      • Wenn darfst du mich gern Mayumi-chan nennen. Das Anhängsel ist dem deutschen „chen“ ähnlich. Schwester Biest passt aber auch.

        Um deine Frage nach dem „Warum“ zu beantworten: Ein Stimmungsbild von mir. So entstand der Text. Aber natürlich steckt in Hiko ein Teil von mir. Und Typen wie dem Söldner bin ich bereits begegnet. Mit Konsequenzen.

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      • Hm… „Mayumi-Chan“ hat für mein Ohr leider eine Silbe zu viel!
        Aber keine Sorge, Schwester Biest: Sooo oft werde ich Dir schon nicht nandalchenmäßig über’s Haar wuscheln, wer weiß, ob Du mich dann nicht beißt? 😉

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  1. Moin! Diesmal tue ich mich schwer damit, ein „Gefällt mir“ zu geben. Dein Artikel ist gut geschrieben. Aber mir kommt zu viel Gewalt drin vor. Ich lehne vor allem Folter als Mittel von ganzem Herzen ab. Ich wünsche Dir -trotzdem- eine schöne Woche! LG Ulrike

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  2. Eine spannende Geschichte.
    Bei mir werden Fragen wach:
    Ist wirklich Hass das leitende Motiv für Hiko?
    Ich verstehe die Geschichte auch als Einfordern von Gerechtigkeit. Dient es der Gerechtigkeit, zur Selbstjustiz zu greifen, weil die Akteure die Justiz als zu lasch empfinden?
    Ist hier die Gewalt wirklich das letzte Mittel, wie es in den Kampfsportarten ja gelehrt und betont wird?
    Du kennst mich wohl gut genug und weißt daher, dass es mir nicht um eine von oben aufgepfropfte Moral geht, die ich gewahrt wissen will. Situatives Handeln erfordert jedoch Maßstäbe, damit das Gute erreicht werden kann. Ich bin neugierig…

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    • Als Autorin müsste ich dir nun ein Lächeln schenken und auf dichterische Freiheit weisen. Ein fiktiver Text, ohne Moral. Aber in Hiko steckt natürlich auch ein Teil von mir. So, wie in dem ganzen Text. Hass? Nein. Hiko war eiskalt. Rache? Vielleicht. Es ist Fakt, dass ich sofort reagiere, wenn Yuki oder mir eine Gefahr droht. Ich kann dann zur Furie werden, die aber nie die Nerven verliert. Wahres Karate kennt keine Gewalt, keinen Hass, keine Rache. Das gilt für die gesamte Kampfkunst.

      Nun ist es schwierig einer fiktiven Person in einer Kurzgeschichte auch eine umfassende Persönlichkeit zu geben. Hikos Welt lag in Scherben. Ihr über alles geliebter Bruder fast tot im Krankenhaus. In ihrem Kopf war nur noch der Wunsch nach Vergeltung, nach Gerechtigkeit. Wie ich schon Ulrike schrieb, so ist Gewalt nie die Lösung. Aber der Text zeigt, wie Menschen reagieren. Nicht zwingend, aber im Einzelfall. Natürlich hätte ich nun auch darüber schreiben können, wie eine andere Hiko nun schluchzend am Bett des Bruders sitzt. Wie sie mit dem Schicksal hadert und wie nichts passiert. Aber ich habe Hiko als starke Frau geschrieben. Eine Frau, die ihren Weg geht. Und für sie war das der Weg der Stärke, der körperlichen Gewalt. Nenn es eine Laune von mir, meine andere Seite, die neben Elfen und Gedichten existiert. Feuer und Wasser, Lava und Eis. Im Endeffekt ist die Geschichte aber pure Fiktion und hat nichts mit lebenden, oder toten Personen zu tun. Dankeschön fürs lesen. Artiger Knicks 😉

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  3. Spannend! Und hart. Aber leider ist die Welt das manchmal 😦 Es wäre schön, wenn Menschen wie Hiko ihre Kraft nur im Wettkampf einsetzen müssten. Aber es ist gut, wenn Menschen wie sie und Koprowski auf der Seite von Menschen wie Yoshi stehen 🙂 Sonst würden die Lindemanns und van der Valks noch mehr über alle hinwegtrampeln. So gibt es wenigstens in der Geschichte ein Happy End, und in der Realität die Hoffnung.

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  4. Schöner Text! Und diese fiktive Welt kommt mir bekannt vor, wenn auch aus anderen Gründen. In mir steckt kein Kampfkünstler, und ich hatte das große Glück, noch nie körperliche Gewalt zu erleben. Aber diese düstere und gnadenlose Welt ist das düstere Spiegelbild der unsrigen, und sie wird es immer sein. Das Gegenstück zum mit Weichzeichner übergossenen Musterglück der Werbefamilien.

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