Warum Karate nicht bei Olympia ist

Seit einigen Jahren liegt mir ein Thema am Herz, das in der Sportwelt höchst umstritten ist. Karate soll olympischer Sport werden, das ist das erklärte Ziel. Und darüber streiten mein Vater und ich. Antonio Espinos, der Präsident des Weltverbandes kämpft seit Jahren für dieses Ziel. Leider auch gegen Traditionalisten, wie meinen Vater.

Nun haben mein Vater und ich nicht wirklich Streit, wir sind nur anderer Meinung. In der Öffentlichkeit wird kaum Notiz vom Bestreben der Karateka genommen, die sich selbst nicht einig sind. Und ich werde auch erklären warum.

Klassisches Karate ist kein Wettkampf Sport. Klassisches Karate ist Kunst, Philosophie und reine Selbstverteidigung. Ich behaupte an dieser Stelle, dass die wenigsten Menschen jemals echtes Karate gesehen haben. Bei der WM in Bremen gab es Sport-Karate zu sehen. So, wie es auch Sport-Judo gibt. Und Sport-Taekwon-Do. Mit der wahren Kunst hat das wenig zu tun.

Aber was genau ist echtes Karate, was macht die Unterschiede aus? Im Sport geht es um Punkte. Der Punktbeste gewinnt. Selbst im Vollkontakt-Karate oder MMA gibt es Regeln. Die gibt es im Karate nicht. Ein Schlag, ein Tritt, der Gegner liegt. Und richig geschlagen steht er niemals wieder auf.

Aber Karateka werden das nicht machen. Nur in allerhöchster Not. Karate ist ein Lebensstil, Karate ist pure Disziplin. Kämpfen lernen, um nicht kämpfen zu müssen. Aber jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Genau an dieser Stelle scheiden sich dann auch die Geister. Tradition steht gegen Fortschritt.

Ich kenne beide Seiten. Im Olymppischen Kommitee ist man seit Jahren zwigespalten. Sport-Karate wirkt oft wenig attraktiv. Das daraus abgeleitete Kickboxen ist moderner, aber alles andere als Kunst. Ein Dilemma, wie man schnell erkennt. Wer will schon prügelnde Kickboxer bei Olympia sehen.

Ich bin dafür Sport-Karate zu Olympia zu bringen. Dann aber mit anderen Regeln, als sie bisher üblich sind. Und genau davor hat man beim IOC auch Angst. Was die Welt oft vergisst, auch im Judo gibt es Tritte. Nur werden die im Wettkampf nie gezeigt. So gibt es auch im Karate Hebel und Würfe, die dem Judo und Jiu-Jitsu sehr ähnlich sind.

Karate könnte also Judo die Show stehlen. Und Sport-Taekwon-Do ist ohnehin ein schlechter Witz. Nur auf Kicks zu setzen kann niemals funktionieren. Aber den Menschen gefällt das, also bleibt man auch dabei. Die Karate-Stile sind anders. Und sie unterscheiden sich auch stark.

In Deutschland ist das Shotokan-Karate weit verbreitet, aber Goyu-Ryu holt stark auf. Shotokan setzt viel zu sehr auf Kraft und das ist niemals gut. Für Männer mag das funktionieren, aber Frauen haben deutlich weniger Körpergewicht. Goyu-Ryu ist hart und weich. Wir müssen keinen Kick zum Kopf zeigen, der Gegner fällt auch so.

Aus meinen Worten mögen aufmerksame LeserInnen erkennen, wo ein weiteres Problem beim Karate ist. Es gibt kein einheitliches Karate! Außerhalb von Prüfungen, ist mein Stil ein richtig bunter Mix. Munter vermische ich Tai Chi, Hung Gar, Wing Chun (chinesiche Stile), mit Krav Maga (Israel), Karate und Aikido. Aber alles instinktiv.

Dieser Mix zeigt meine Meinung zu olympischem Karate. Ich stehe für Fortschritt und wahre trotzdem die Tradition. Und damit das so bleibt muss ich nun zu meiner Elfe und sie traditionell bekochen. Oder sie mich. Das diskutieren wir ganz fortschrittlich aus.

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15 Kommentare zu “Warum Karate nicht bei Olympia ist

  1. Aha, das klingt wirklich nicht so, als wäre es ein einfaches Thema. Die Befürchtung, dass Karate dem Judo die Show stehlen könnte, kommt mir aber sehr realistisch vor.

    • Sport-Karate wirkt oft langweilig. Der Grund: Die GegnerInnen belauern sich und sind auf dem gleichen Niveau. Das dynamischere, aber nur auf Kicks setzende Taekwond-Do ist für Zuschauer attraktiver. Echtes Karate siehst du nie im TV! Selbst Judo zeigt nur noch, was abfällig als „Kittelreißen“ bezeichnet wird. Die können viel, viel mehr! Es ist ein sehr komplexes und schwieriges Thema. Aber Sport-Karate kann für mehr Verständnis sorgen, für Karate als Kunst. Das zumindest ist meine Überzeugung.

  2. Ihr diskutiert das aus? Ich dachte, es gibt ein Match, und wer gewinnt, darf es sich aussuchen 😛

    Meinst du denn, wenn Sport-Karate mit veränderten Regeln zur olympischen Disziplin würde, dass dann auch andere Sport-Karate-Turniere ihre Regeln anpassen würden? Olympia ist ja ziemlich prestigeträchtig, aber ich habe keine Ahnung, wie viel Einfluss es tatsächlich auf „normale“ (also davon unabhängige) Wettbewerbe hat.

    • Yuki hat einen zu hohen Dan im Kissenwurf für mich, da habe ich Ärmste keine Chance 😀

      Ich weiß nicht, ob du jemals „echtes“ Karate und Sport-Karate gesehen hast. Oder, was im Karate wirklich möglich ist. Die Hebel, Würfe, Griffe, die es durchaus gibt! Zumindest in den Okinawa-Stilen. Der Fokus beim Karate wird meist auf die Distanz gelegt. Belauern, blitzschnelles (einmaliges) Zuschlagen (Kicken) und damit den Punkt gemacht. Wie ich bereits schrieb, ist Taekwon-Do durch die vielen Kicks attraktiver. Karate ist aber kompletter.

      Genau da haben wir das Problem: Der Verband gegen den IOC, die verschiedenen Idee, die Fortschrittlichen, die Traditionalisten. Taekwon-Do hat nur einen Stil, wenn auch verschiedene Verbände. Die fetzen sich lieber untereinander 😀

      Ich denke, dass der Weltverband, die Trainer, die Offiziellen, auch die Schüler, ALLE ihren Teil beitragen müssen, um Karate wieder attraktiver zu machen. Dann kann das IOC einfach nicht mehr daran vorbei! Osu! 😀

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