Die Nebel von Iga – Teil 2

Unsere Reise führt zum Schildkrötenberg, dem übersetzten Namen der Stadt Kameyama in der Präfektur Mie. Ein alter Mann wartet auf uns, den wir Großvater Satoshi nennen. Satoshi hat viele Kanji-Bedeutungen, wird aber meist in Zuammenhang mit Weisheit benutzt. Und weise ist der alte Mann. Das bemerken wir sehr schnell.

Mein Vater hat seinen Besuch schon lange angekündigt und nur Ken und mich als Angehörige mitgebracht. Krieger unter sich. Meine Mutter und Yuki sind im Hotel geblieben. Das war besser so. Satoshi lebt in einem Haus am Stadtrand, in dem die Zeit keine Rolle spielt. Er ist erfreut uns zu sehen. Bisher hat er nichts von unserer Existenz gewusst. Sagt er zumindest. Aber er ist schwer zu durchschauen.

Bei dem Namen des Ahnen winkt er ab.
„Er war nur ein Bauer“, sagt er, „der in Iga Geschäfte machte.“
„Ein kluger Bauer, der das Massaker überlebte“, fügt mein Vater hinzu.
Satoshi nickt und schaut mich dabei an.
Nie zuvor habe ich solche Augen gesehen, der Blick geht bis in die Tiefen meiner Seele.
„Ninja-Frauen hat man man Kunoichi genannt“, sagt er leise. „Sie waren so gut, wie die Männer. Vielleicht sogar noch besser.“
„Kunoichi“, murmele ich. „Das Wort hat man aus dem Kanji für „Onna (Frau)“ gebildet und dafür alle drei Schriften benutzt.“
Satoshi nickt und ich habe verstanden.

Kurz zur Erklärung. Das Kanji für Frau ist 女. Zerlegt man das Zeichen, so ensteht die Hiragana-Silbe ku: く, die Katakana-Silbo no: ノ und das Kanji ichi: 一. Daraus ist Kunoichi gebildet worden. Ist Japanisch nicht einfach toll?

Wir trinken Tee und reden. Aber mehr als ein Austausch von Höflichkeiten scheint es nicht zu sein. Großvater Satoshi ist ein wahrer Meister, das wird mir mit jeder Minute klar. Das Haus ist fast ein Museum, überall Bilder und Schriften. Satoshi war Lehrer und ein geachteter Mann. Seine Frau ist lange tot, seine Söhne sind über das Land verstreut.
„Meine Enkel besuchen mich jedes Jahr“, erzählt er. „Dann berichten sie mir von der Welt. Von fremden Ländern und deren Menschen. Und, wie diese uns Japaner sehen.“
Er schmunzelt bei diesen Worten und mein Vater schaut mich an.
„Die Menschen kämpfen gern“, sagt Satoshi unvermittelt. „Aber sie wissen nicht gegen wen. Sich selbst zu besiegen ist die größte Kunst.“
„Karate ist ein Weg zu Selbstvertrauen und seinem eigenen Ich“, ergreife ich das Wort.
„Ach ja, Karate“, murmelt Satoshi. „Das ist doch dieser China-Stil, der über Okinawa nach Japan kam.“
Und wieder schaut mich mein Vater an. Wir verstehen uns schon immer blind..

Großvater Satoshi hat in seiner Jugend Judo trainiert.
„Eine Hüftverletzung hat mich aber behindert“, sagt er. „Aber Judo als Sport wird überbewertet finde ich.“
Aber es interessiert ihn doch, als die Rede auf unsere Kampfkunst kommt.
„Ja“, sagt er. „Kämpfen ist wohl bei uns Familientradition. Ich würde gern Deutschland besuchen, aber dazu bin ich schon zu alt. Aber einer meiner Enkel war schon dort. Vielleicht kann er euch ja dort mal besuchen.“
„Er ist stets willkommen“, sagt mein Vater.
Satoshi nickt. Familie ist ihm wichtig.

Wir bleiben fast zwei Stunden. Der alte Mann zeigt uns das Haus. Aber wirkliche Informationen bekommen wir keine. Die Nebel von Iga lüften sich nicht völlig an diesem Tag.
Auf dem Weg zum Hotel gibt sich Ken enttäuscht.
„Das war Zeitverschwendung“, findet er.
„Satoshi hat eine ganze Menge gesagt. Frag deine Cousine“, erwidert mein Vater und überlässt mir das Wort.
„Der Ahn hat sich als Frau verkleidet“, erkläre ich, „Nur so gelang es ihm zu überleben. Ein alter Trick der Ninja. Wobei Frauen natürlich wirklich besser sind.“
Ken schnauft gespielt empört. Endlich hat er verstanden. Auch meinen Kommentar.

„Wenn seine Enkel kommen trainiert er sie natürlich“, führe ich die Ausführungen fort. „Sie haben andere Kampfkünste gelernt und mit Ninjutsu kombiniert. Satoshi ist daran zwar interessiert, aber hält wenig davon. Das hat er klar gesagt.“
„Du meinst die Andeutung der Hüftprobleme?“, will Ken wissen.
„Ja“, erwidere ich. „Judo war nur eine Ablenkung. Vermutlich hat er sich heimlich über die Judoka amüsiert. Tritte mag er nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass er sie kann. Und er hält absolut nichts von sportlichen Wettkämpfen. Auch das hat er gesagt.“
„Und die Sache mit dem Enkel?“, will Ken wissen. „Soll das heißen, dass ein Ninja nach Deutschland kommt?“
„So in etwa“, erwidere ich amüsiert. Aber ein klassicher Ninja wird er kaum sein. Ich bin gespannt, wie lange es dauert. Aber glaub mir, er wird sich melden.“
Und genau das ist im November geschehen.

Von einem überraschenden Besuch und einem Blick in die Vergangenheit erzählt Teil 3. Auch, wer die Ninja wirklich waren.

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22 Kommentare zu “Die Nebel von Iga – Teil 2

    • Großvater Satoshi war ein Schlitzohr. Aber wer Japan und Japaner kennt, der kann auch zwischen den Zeilen lesen. Klar hätte ich den Text auch in einer Folge schreiben können, so war das auch geplant. Aber ich wollte dann auch die Gespräche zeigen, die ich schon literarisch gestrafft habe. Und so gab es dann plötzlich Teil 2, der auch nicht reichte. Und ultralange Texte liest kein Mensch. Also heißt es für dich bis Freitag warten, dann kommt Teil 3. 🙂

      • Meiner Erfahrung nach verlieren Leser schnell das Interesse, wenn der Text eine bestimme Länge überschreitet. Ich nehme mich da nicht aus. Der andere Grund ist mangelnde Zeit. Ich mag nicht mehr täglich bloggen. Daher waren die drei Teile genau richtig. 🙂

  1. „Ist Japanisch nicht einfach toll?“ – Auf jeden Fall! Die Kombination der Schriftsysteme macht es sicher nicht einfach zu lernen, aber spannend fände ich es schon. Gerade deswegen.

    Auch wenn die Nebel sich nicht vollständig gelüftet haben, war es offensichtlich eine beeindruckende Begegnung. Klingt nicht nach Zeitverschwendung 😉 Ich bin gespannt, was du über euren Ninja zu berichten hast!

    • Es gibt Diskussionen darüber, die Schrift zu ändern. Das kaum zu schlagende Gegenargument lautet, dass damit die japanische Eigenidentität verloren geht und nicht mehr alle Worte korrekt ausgedrückt werden können. Mittlerweile sind es vier Schriften, die du lernen musst. Romanji, also die lateinischen Buchstaben, haben auch noch Einzug gehalten.

      Ja, Großvater Satoshi hat mich beeindruckt. Er hatte Humor, er war weise und sehr an Tradition interessiert. Worüber ich mir noch unschlüssig bin: haben wir sein wahres Gesicht gesehen, oder trug er eine Maske? Oder ist die Maske das Ninjutsu?

  2. Uh, meine Schattenfreundin, da geht´s ja weiter… Ich bin am Ball, gespannt, erfreut und reise echt gerade mit. Gott ist das schön, wenn Worte Bilder malen. Mehr bitte 🙂
    Herzliche Grüße 🙂

    • Hiragana und Katakana Zeichen sind aus den Kanji gebildet worden. Warum das Rad neu erfinden, wenn es schon existiert? Ursprünglich ist die Hiragana Schrift nur von Frauen benutzt worden und das Katakana von Mönchen, die chinesische Schriften übersetzten. Die haben es also „erfunden.“ Beides sind im Endeffekt vereinfachte Kanji, die aber die japanischen Laute besser abbilden können. Wobei Katakana heute für Fremdworte genutzt wird und Hiragana für die normalen Worte.

  3. Nun lese ich auch hier endlich weiter. Lese und lerne dazu, was natürlich eine bonfortionöse Kombination ist. Ein weiteres mal meinen Herzdank dafür, liebe Mayumi. So, jetzt den dritten Teil einverpupillieren…

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