Ein unmoralisches Angebot

Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft, die Wirtschaft boomt wie nie. Manager bekommen Traumgehälter und auch BeraterInnen sind gefragt. Wie sehr, habe ich in den letzten Wochen gesehen. Ohne Werbung, nur durch gute Leistung, bin ich zu mehreren neuen Aufträgen gekommen. Aber die hielten sich alle im Rahmen. Bis es zu dem Kracher kam.

Das Telefon klingelt, eine Männerstimme meldet sich.
„Dr. Carsten Diepholz von der Firma Imperfekt. (Alle Namen in diesem Artikel sind geändert) Spreche ich mit der Unternehmensberatung Landar & Co.?“
Als ich bejahe legt der Anrufer sofort los.
„Es geht um die Sanierung einer Tochterfirma“, erklärt er mir. „Wir haben die Produktpalette gestrafft, aber den Gewinn noch nicht maximiert. Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel, Frau Dr. Landar. Wir möchten, dass Sie sich die Zahlen anschauen und ein klares Konzept erstellen. Aber ich sage es gleich, wir möchten auch bei den Personalkosten sparen. Und wenn wir Leute entlassen müssen, so ist das auch legitim. Wir zahlen Ihnen  – Summe zensiert -. Was sagen Sie dazu?“

Nun bringen mich Worte kaum aus der Fassung. Und solche Angebote lehne ich normalerweise ab. Aber jedem Angebot liegt auch ein gewisser Zauber inne. Und die Frage, verdirbt Geld wirklich die Moral? Aber was ist Moral überhaupt? Das werde ich erklären.

Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. (Quelle Wikipedia). Moral für mich bedeutet auch, dass sich Menschen nicht auf Kosten anderer Menschen bereichern sollen. Dazu fällt mir eine Formel für den kategorischen Imperativ von Kant ein: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde! Und diese Maxime vertrete ich nicht.

Yuki und mir geht es finanziell gut. Das war nie anders, aber wir haben das niemals ausgenutzt. Weder bin ich früher Sportwagen gefahren, noch hat Yuki jemals Schuhe von Gucci getragen. Wir sind immer normal geblieben. Und unsere Eltern sind das auch. Wir haben uns vorgenommen stets auf dem moralisch einwandfreien Weg zu bleiben und nie auf Kosten anderer Menschen Geld zu verdienen. Zumindest nicht, wenn es dabei um Gehaltskürzungen, oder Entlassungen geht. Und das soll so bleiben.

„Die Deutschen haben sich die Nächstenliebe abgewöhnt“, hat der CDU-Politiker Heiner Geißler gesagt. Und da folgt Deutschland einem weltweiten Trend. Aber zurück zu dem Anruf, zurück zu einem Angebot, das wenig moralisch ist. Dr. Diepholz hat mir eine unverschämt hohe Summe genannt, die mich sofort misstrauisch macht. Wer so viel Geld vergibt, der rechnet mit mehreren Millionen Reingewinn. Das muss ich genauer wissen.

Eine Besprechung vor Ort wird angesetzt. Auch Yuki ist skeptisch, als ich sie informiere. Aber sie kommt natürlich mit. Der Z ist denkbar ungeeignet für ein Meeting dieser Art. Zu allem Überfluss ist der Q3 zur Zeit defekt. Nissan hat Ersatz in Form eines Qashqai, den sie uns zur Verfügung stellen. Turbo, Diesel, aber lahm. Dafür entspanntes Fahren und das hat einen positiven Effekt. Elfchen mag nicht immer rasen. Frau kommt auch gemäßigt an ihr Ziel.

„Willst du den Auftrag wirklich annehmen?“, fragt Yuki auf der Autobahn. Wir haben uns in Schale geworfen und sehen zum anbeißen aus. Sagt Yuki! Ich nasche nicht an mir.
„Das kommt darauf an“, erwidere ich. „Auf keinen Fall, werde ich über Leichen gehen! Ich entlasse keine Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, um irgendwelche fetten Geldsäcke noch reicher zu machen. Aber wenn ich das vermeiden kann und ein anderes Konzept präsentiere, sind wir dem Ziel eigenes Haus ein gutes Stück näher gekommen.“
„Papa sagt, sie wollen uns das Geld geben“, meint Yuki. „Also dein Papa und mein Papa …“
„Hm“, mache ich und hole tief Luft. „Ich weiß, dass die wieder etwas aushecken. Aber ich habe auch meinen Stolz.“
Lasst uns stolz und aufrecht sein!

Nebel und Nieselregen verderben uns die Laune nicht. Entspannt gleiten wir nach zwei Stunden Fahrt auf den Firmenhof und ernten prompt bewundernde Blicke.
Noch im Nissan haben wir die Sneakers mit den Heels getauscht. Das, so wissen wir, kommt bei Mann immer an. Und auch (kurze) Röcke, auf die wir verzichtet haben.
Eine Solariumgebräunte Frau mit Hollywood-Lächeln nimmt uns in Empfang. Wir werden taxiert und eingeschätzt. Aber die Dame findet keinen Makel. Wir schon, ihr linker Absatz ist schief. Und O-Beine hat sie auch. Ja, auch Lesben können Zicken sein.

Dr. Diepholz erweist sich älter, als seine Stimme vermuten lässt. Das Haar ist gefärbt und er hat üblen Mundgeruch. Magenprobleme diagnostiziere ich sofort. Vermutlich auch zu viel Kaffee, wie ein recht frischer Fleck auf der Krawatte zeigt. Wo sind wir hier nur hingeraten?
„Hallo Frau Dr. Landar“, begrüßt er mich mit aufgesetzem Lächeln. „Und wer ist ihre hübsche Begleiterin?“
„Ihr Name ist auch Landar“, erwidere ich trocken. „Sie ist meine Frau.“
Yuki lächelt und sagt „Guten Tag.“
Ich liebe meine Elfe!

Dr. Diepholz zuckt nur leicht zusammen, der Mann hat sich erstaunlich gut im Griff.
„Na, das ist ja mal was,“ sagt er. „Wenn Sie mir dann bitte folgen würden? Oder kann ich sonst noch etwas für sie tun?“
„Grüner Tee wäre gut“, sage ich. „Und wo ist die Toilette bitte?“
Während wir unsere Näschen pudern fängt Yuki an zu lachen.
„Hast du sein Gesicht gesehen?“, fragt sie amüsiert.
„Ja,“, sage ich. „Den habe ich schockiert.“
Spaß muss sein. Das wird fein.

Fünf Männer und die Hollywood-Dame sitzen uns gegenüber. Die Fakten liegen auf dem Tisch.
„Es ist mir egal, wie Sie das machen“, sagt der Firmenchef Dr. Heinrich Großkotz. „Dr. Diepholz sagte, dass sie erstaunlich gut für ihr Alter sind. Man hat sie uns auch wärmstens empfohlen. Überzeugen Sie mich!“
Ich mustere die bereits älteren Männer, deren Anzüge so grau, wie ihre Schläfen sind. Aber würdevoll ist anders, ich bin unter Geier geraten. Aasfresser, um es genauer zu sagen. Und solche Typen mag ich nicht.
„Nun, dann wissen Sie, dass ich anders arbeite“, beginne ich. „Den Gewinn zu optimieren ist leicht. Aber ich werde keinesfalls nur die Gehälter der Manager mehren. Eine gute Firma lebt von zufriedenen Mitarbeitern, die stolz auf ihr Unternehmen sind. Genau da setzt mein Konzept immer an. Mit Entlassungen und Gehaltskürzungen erreichen Sie das genaue Gegenteil. Wir möchten im Gegenteil einen Anreiz für die Beschäftigten schaffen, der ihnen einen Leistungsbonus verspricht. Zufriedende Mitarbeiter machen a. weniger krank und arbeiten b. super motiviert. Wir müssen den Stolz der Menschen wecken, die nur für genau diese Firman arbeiten wollen.“
Unverständnis liegt schwer im Raum. Keiner hat verstanden.

Ich trage meine Punkte vor, die ich nicht detailliert erörtern werde. Zwar hören die Männer zu, aber ihre Skepsis wächst. Klar, sie sehen ihre Tantiemen beschnitten und anders umverteilt. Dass sie damit langfristig mehr Erfolg haben werden, ist ihnen nur schwer zu vermitteln. Es lockt das schnelle Geld.
Dr. Großkotz bittet schließlich zum Mittagessen. Er hat Spezialitäten aus Asien bestellt, die ausgezeichnet schmecken. Und mit Stäbchen essen kann er auch.
Wieder gibt es Tee, der allen mundet. Noch in der Kantine geht die Sitzung weiter und endet dort abrupt.
„Also vielen Dank für diese interessanen Ausführungen, Frau Dr. Landar“, verabschiedet sich der Firmenchef. „Wir besprechen das intern und werden uns bei Ihnen melden. Dr. Diepholz wird ihnen einen Scheck ausstellen. Es hat mich wirklich sehr gefreut.“
Er rauscht davon, den Mann werden wir nie wiedersehen.

„Schwer zu überzeugen, der Alte“, murmelt Dr. Diepholz überraschend offen.
Er reicht mir einen Scheck, bei dessen Anblick Yuki fast schwindelig wird. Aber das verraten (mir) nur ihre Augen.
Ich zeige mich unbeeindruckt und nicke kurz. Für die Summe müssen andere einen Monat schuften.
„Also ich persönlich halte ihre Ideen für gut“, sagt Dr. Diepholz beim Abschied. „Aber bei diesen Betonköpfen läuft man gegen die Wand. Und unter uns gesagt, ich bin auch gegen Entlassungen! Aber ich brauche meinen Job. Was also soll ich machen?“
„Nein zu sagen wäre ein Anfang“, erwidere ich. „Ein kleines Wort, mit großer Wirkung.“
Ob er das verstanden hat?

Auf dem Weg nach Hause fliegen die Heels auf die Rückbank und die Sneakers übernehmen. Das unmoralische Angebot ist vom Tisch. Ich werde keine Beschäftigten wegsanieren. Geld ist nicht alles auf der Welt, was zählt sind Menschen und Moral.

40 Kommentare zu “Ein unmoralisches Angebot

  1. Deine Haltung verdient Achtung.
    Dein Artikel, den ich sehr gern gelesen habe, zeigt aber auch, dass erst das Geld ausreichend zu Verfügung habend, in die Lage setzt, weise zu entscheiden.
    Klasse gemacht, verehrte Schreibfreundin mit Elfe, wenn das nun die oberen Zehntausend lesen und danach handeln ist die Welt gerettet.
    Liebe Grüße in einen schönen Tag.

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    • Ich hätte diesen Auftrag auch dann abgelehnt, wenn ich arm wie eine Kirchenmaus wäre. Natürlich kann ich es mir eher leisten einen Auftrag abzulehnen, aber Geld spielt in meinem Leben nicht die entscheidende Rolle. Sicherheit dagegen schon. Daher das taktisch gewählte BWL-Studium. In dieser Branche werde ich die Ausnahme bleiben, das steht fest. Und ob ich weiter als Unternehmensberaterin tätig sein werde, hängt von anderen Faktoren ab. Es macht Spaß Firmen zu retten, Menschen eine Zukunft zu geben. Es macht keinen Spaß maximalen Profit zu erwirtschaften und Beschäftigte auf die Straße zu setzen.

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  2. Liebe Nandalya!
    Ach, was ist mir Dein Beitrag herzerfrischend! 🙂
    Nicht, dass ich jetzt alle BWLer&Co. verteufen will. Aber ich bin schon zu oft auf Solche getroffen, denen es nur um „Gewinnmaximierung“ und „Kostensenkungen“, „Einsparungen im Personalsektor“ und Dergleichen ging. Da werden zu oft aus Menschen reine Schlagworte und von den Folgen einer solchen Beratung wird sich distanziert: Man mache ja schließlich nur seine Arbeit, eventuell darauf folgende Kündigungen wären ja nichts Persönliches, sondern fänden aus rein „betriebswirtschaftlichen Gründen“ statt.
    Es ist sehr schön zu wissen, dass es auch Menschen wie Dich gibt, die es kümmert, was sie „anrichten“ können und die sich auch mit möglichen Folgen auseinandersatzen. Die sich weigern, das Spielchen mitzuspielen und eben nicht nur lieb Kind bei denen machen wollen, denen der finanzielle Gewinn nie groß genug sein kann! Danke dafür! 🙂

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    • BWL ist eine durchaus tolle Sache. Analysen, Strategien und letztlich ein Gewinn. Aber wie beim Karate gibt es immer mehrere Wege. Und ein weicherer Stil schützt auch vor eigenen Verletzungen. Denn herzlos war ich noch nie.

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  3. Prima! DAS ist für mich gute BWL! Davon gibt es leider viel zu wenig.
    Ich bin vollkommen deiner Meinung.. Von zufriedenen Mitarbeitern hat man mehr.. Unternehmen sehen das aber nicht. Und so viel anderes auch nicht. Mein Grund, warum ich mich auf das Personalmanagement spezialisiert habe – da liegt so viel im Argen. Und es wird nicht mehr lange dauern, dann werden einige Unternehmen über ihr mager betriebenes Personalmanagement stolpern. Es wird ohnehin kaum ernst genommen. Personal kann ja jeder, verstehste? 😉

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  4. Der Diepholz wird ja gegen Schluss doch noch ein wenig sympathisch. Aber nur ein wenig.

    Aus der Position der Mitarbeiterin verstehe ich deine Argumentation voll und ganz, da ich das bei mir immer selber beobachten kann: Bin ich frustriert, bin ich öfters krank (ich fühle mich dann wirklich krank, aber wenn man unzufrieden ist, wirkt sich das auf den Körper aus) und in der Zeit wo ich da bin, arbeite ich schlechter. Da bin ich dann gerne mal mit rumjammern beschäftigt. Bietet man mir hingegen Chancen, um mehr zu verdienen, mich weiterzuentwickeln, … und ich kriege dazu noch spannende Aufgaben, dann leiste ich deutlich mehr. Super, dass du so argumentierst. Weiter so.

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    • Dieser Dr. D. mag anders denken, aber hängt sklavisch am Geldhahn seines Chefs.

      Ich sehe meine Tätigeit mit japanischen Augen. Nicht wörtlich 😀 aber mit japanischer Motivation. In Japan sind Menschen stolz für IHRE Firma zu arbeiten und das wird auch honoriert. Dafür sind andere Dinge wieder schlechter. Arbeit als Modell, hat sowieso ausgedient. Selbstverwirklichung sieht anders aus. Aber das ist nun sehr philosophisch gedacht.

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  5. Hmm – erinnert mich an das Unverständnis, das ich ernte wenn ich immer wieder meinen Kunden erzähle, ihre Prozessa dann zu optimieren wenn es Ihnen gut geht, um ihre Mitarbeiter von Tagesgeschäft zu entlasten, damit die andere (neue) Themen angehen können.

    Blicke erinnern dann in der Regel an Rindviecher vor der Apotheke.

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    • Musst du nicht. Ich mag ja auch keine Anwälte, oder Journalisten 😀 Spaß beiseite, ich gebe dir recht. Die Branche ist verrufen und nur auf Profit getrimmt. Das habe ich nicht nötig. Ich mache nur Aufträge, die mir zusagen. Coaching ist ein anderer Zweig. Aber auf meine Art. Vielleicht schreibe ich mal etwas darüber 🙂

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  6. Du bereicherst dich also nicht an dem Leid anderer. Das finde ich gut! 👍 Meine beste Freundin (Thailänderin) würde jetzt sagen, dass so etwas auch nicht gut fürs Kharma wäre. Da sieht man es mal wieder, dass Klischees gegenüber BWLern eben einfach nur Klischees sind. 😉

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