Dem Mutigen gehört die Welt

„Sei mutig!“, haben schon viele Eltern zu ihren Kindern gesagt und damit die eigene Schwäche kaschiert. Mein Vater hat nie Mut von mir verlangt, ich selbst habe ihn immer bewiesen. Aber was ist Mut, wie passt er in die heutige Welt? Und hat Mut auch etwas mit Tapferkeit zu tun?

Mut und Tapferkeit werden heutzutage meist gleichgesetzt. Und das ist leider falsch. Mut und Tapferkeit sind aber durchaus verwandt. Mut wird als Unerschrockenheit vor Gefahr definiert. Mut kann das Ergebnis einer Überwindung von Angst sein, oder ein zuversichtliches Selbstvertrauen, sich einer Gefahr zu stellen und ein auf sich genommenes Risiko zu meistern. Im zweiten Fall kommt es nicht so weit, sich erschrecken zu lassen, auch wenn die Handelnden sich etwas aussetzen, das eine Gefahr zu enthalten scheint.

Mut hat schon immer mein Leben bestimmt. Angst haben immer nur die anderen. Auch vor mir und das ist gut. Dieses Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Es ist das Ergebnis eines fast lebenslangen Trainings. Nur sollte niemand die Abwesenheit von Angst mit Mut gleichsetzen. Sonst wäre auch der Leichtsinn Mut.

Schon sehe ich die Skepsis meiner LeserInnen wachsen und auf meine schnellen Autos zeigen. Aber was haben die mit Leichtsinn zu tun? Unsere Eltern haben uns vor einigen Jahren die Rennlizenz bezahlt und diverse andere Kurse. Wir sind auf Schwedens Winterseen gedriftet und auch schon Ralley gefahren. Und schnelle Autos sind sicher, da darf Frau mutig sein. Aber habe ich niemals Angst?

Und schon stehen wir vor einem Missvertständnis und wie das Wort Angst meist falsch verstanden wird. Angst, jenes diffuse Gefühl einer Bedrohung, die wenig greifbar ist, kommt in meiner Welt nicht vor. Versagensängste? Nein, danke! Im Gegensatz zur Angst ist Furcht meist rational begründbar und wirklichkeitsgerecht. Sie wird deshalb auch als Realangst bezeichnet. Und wenn die Bremsen bei 200 km/h versagen, dann hat auch eine Mayumi kurfristig reale Angst. Aber dieses Gefühl wird mich nicht stoppen. Ich beweise Mut.

Mein Mut basiert auf (innerer) Stärke, auf dem Handeln nach ethischen Prinzipien. Mut ist ein vitales Antriebsgefühl, das Tapferkeit begleiten kann. Ich habe mich schon mehrfach mutig vor Freundinnen gestellt und sie tapfer vor Übergriffen bewahrt. Und das, obwohl ich wirklich auf verlorenem Posten stand.

Frühling vor einigen Jahren. Wir sind drei lustige Mädels und ein schwuler Mann. Sven ist lieb, wir mögen ihn. Drei südländische Männer kommen auf uns zu. Sie wirken aggressiv und versperren uns den Weg. „Ey was willst du mit die drei Frau?“, wird Sven gefragt. Auf die Idee das Wort an uns zu richten kommt der Anführer der Gruppe nicht.
Sven ist nicht feige, aber wird als Bluter eine Prügelei nicht überleben. Er weiß das und weicht einen Schritt zurück.
Die Männer schauen sich an. Sie haben ihr Opfer gefunden. Aber sie haben die Rechnung ohne mich gemacht.
Ihr Auftritt, Frau Landar!

Ich zeige dem Mann ein Lächeln, Buddha wäre stolz auf mich. „Wir haben keinen Streit mit euch“, sage ich. „Lasst uns bitte gehen.“
Schwarze Augen mustern mich voll Gier, der Mann leckt sich die Lippen. „Kein Streit“, erwidert er. „Aber wie wäre es mit … Spaß?“
Er hebt theatralisch die Arme und seine Kumpels lachen.
„Gute Idee“, sage ich sanft. „Dann geh schon mal auf die Knie und lass die Hose runter. Mein Fuß sieht bestimmt spaßig in deinem Hintern aus.“
Meine Mädels lachen, der Typ wird wild. Er wirft mir Worte in seiner Sprache an den Kopf und stürmt wütend auf mich zu. Und seine Kumpels folgen.
Sechs Fäuste für ein Hallelujah.

Gegen drei größere Männer zu kämpfen, ist keine gute Idee für eine kleine Frau. Das grenzt an Tollkühnheit und Übertreibung. Aber so war ich immer schon, kein Mann wird mich jemals dominieren. Den Anführer kann ich zu Boden werfen, dann streift mich ein gemeiner Schlag. Mein Bauch schmerzt, ich kann kaum atmen. Fäuste und Füße rasen auf mich zu, mein Schicksal scheint besiegelt. Aber Schmerzen kann ich ertragen, das habe ich gelernt.
Was nun folgt ist filmreif. Ich wehre mich, die perfekte Kriegerin übernimmt. Es folgt ein doppelter Knockout. Nur Pferde treten härter,
Zu Poden mit den pösen Purschen!

Mit blutiger Nase kommt der Anführer auf die Beine und schaut entsetzt auf seine Freunde. Mut hat der keinen mehr, in seinem Gesicht regiert die Angst.
„Ey is schon gut“, nuschelt er und wankt davon. Seine Kumpels lässt er liegen.
Für meine Freunde bin ich die Heldin. Ich winke nur ab. Wahre Sieger sehen anders aus.
Um Sven zu retten, habe ich Mut bewiesen und tapfer kämpfen müssen. Genau das werde ich immer wieder tun. Angst haben immer nur die anderen. Aber meine Rippen schmerzen, die Narben einer Schlacht.

Ein vermiedener Kampf, ist ein gewonnener Kampf. Dieser Lehrsatz bestimmt mein Leben heutzutage. Aber manchmal müssen wir für andere kämpfen, die sich nicht (mehr) wehren können. Mut und Tapferkeit haben schon immer mein Leben bestimmt. Wo bleibt euer Mut?

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32 Kommentare zu “Dem Mutigen gehört die Welt

  1. Wieso passiert dir das immer wieder, frage ich mich. Diese Geschichten gab es doch schon häufiger, diese Konfrontationen mit Mann. Kein Wunder, dass du es mit Männern nicht hast. Das würde mir irgendwann genauso gehen. Bloß, mir ist das so nie passiert. Liegt es daran, dass ich ein Mann bin. Trotzdem natürlich meine Gratulation zum gewonnenen Kampf und deinen Einsatz für andere. Und ich mag sie auch, deine Geschichten. Danke.

    • Einen Kampf zu vermeiden, wäre der wahre Sieg gewesen. Nur ist das nicht meine Natur und hätte in schwersten Verletzungen, oder dem Tod von Sven geendet. Als Bluter überlebst du keine Schlägerei. Der Fokus des Textes soll aber nicht auf dem Kampf liegen. Ich habe kurz überlegt, ob ich ihn bringen soll. Aber ich wollte an einem besonders krassen Beispiel „Mut und Tapferkeit“ erklären. Und auch, was Angst / Furcht bedeutenn kann. Dankeschön fürs lesen.

    • Noch ein kurzer Zusatz: Im Aikido-Training vor einigen Wochen, hatte ich eine Diskussion Gewalt, Übergriffe betreffend. Ein Mann meinte, dass die angebliche Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung überbewertet sei. Der Mann ist Banker, fährt mit seinem Oberklasse Wagen von seinem Haus zur Bank und wieder zurück. Er kennt die Welt nur aus seiner Sicht, der Schönen und der Reichen. Dort gibt es keine Asylbewerber, keine Demonstranten und und und. Der Mann ist duchaus nett und ein positiv eingestellter Mensch, was ich gut finde. Aber er lebt in einer Scheinwelt. So, wie viele Menschen. Wenn du als (japanische) Frau in der Nacht allein durch dunkle Straßen gehst, siehst du ein anderes Bild der Wirklichkeit. Neonbunte Lichter bescheinen dort eine andere Welt. Alkohol, Drogen spielen sehr oft eine große Rolle. Und wenn du dann wie ich nicht wegschaust, wenn du dich wehrst, kein Opferlämmchen bist, dann gerätst du sehr schnell in Konflikte, die andere Menschen niemals erleben.

      Ein weiteres Beispiel, um dir zu verdeutlichen wie Frauen denken: Eine Freundin ging am Sonntag gegen 21 Uhr durch die Stadt. Vor einer Kneipe standen mehr als 2 Dutzend Männer, die ein heftig diskutierendes Männerpaar umringten. Sie hatte Angst, hat sie erzählt und sich dann doch mit all ihrem Mut an den Leuten vorbei gemogelt. Nein, die hätten ihr nichts getan, aber die Masse hat sie erschreckt. Du wärst vermutlich mit einem schrägen Seitenblick vorbei und hättest über Fußball nachgedacht. 😉

      • In Ansehung einiger Tischgespräche möchte ich dir zustimmen, das meine Äußerung wahrscheinlich sehr von heiler Welt geprägt war.

        Das findet sich doch häufig. Gerade gestern hatte ich ein Erlebnis, das so in Richtung Middelhoff ging; der glaubte wahrscheinlich tatsächlich, dass das was er so machte in Ordnung ist oder hatte, wie Juristen es formulieren, keinerlei Unrechtsbewusstsein.

  2. Wow! Ein sehr nachdenkenswerter Artikel! Ich werde ja auch manchmal als mutig bezeichnet, in bezug auf meine Reisen z.B., aber ich bin alles andere als mutig. Und kämpfen, so körperlich, kann ich gar nicht. Du hast meinen großen überzeugten Respekt! LG Ulrike

    • Der Kampf war vielleicht vermeidbar, meine Reaktion war natürlich Provokation pur. Aber ich habe damit das Ziel von Sven weg auf mich gerichtet und ihn so gerettet. Dieses besonders krasse Beispiel soll nur verdeutlichen, was Mut, was Tapferkeit ist. Und wie man Angst / Furcht begegnen kann. Wirklich stolz bin ich auf diese gewonnenen Kämpfe nicht.

  3. Mut hatte der Anführer in deiner Geschichte nie gehabt. Zu dritt drei Frauen und einen Mann angreifen ist nicht mutig, sondern zeugt nur davon, dass er sich mächtig fühlt, und diese Macht gerne ausnutzt.

    Ich versuche auch mutig zu sein. Dass ich es kann, habe ich auch schon bewiesen. Meine Reisen, die ich alleine unternehme („Das traust du dich wirklich?“ – Ja, weil sonst komme ich nicht weg). Und dann natürlich das Auswandern. Österreich ist jetzt vielleicht nicht so mutig, werden sich einige denken. Trotzdem habe ich den Schritt gewagt, mein altes Leben komplett hinter mir zu lassen. Auch wenn die Sprache noch die gleiche ist, und ich „nur“ im Nachbarland bin.

    Ich spüre aber noch die Angst. Wenn ich Bereitschaftsdienst habe, und das Telefon klingelt, ist kurzzeitig die Angst da, dass ich dem anrufenden Arbeitskollege nicht helfen kann. Und auch vor meinen Reisen habe ich immer Angst. Da fällt mir dann immer ein, was so alles schief laufen könnte…

    • Angst ist wirklich nur ein Gefühl, das niemals Macht über uns haben sollte. Weißt du, ich bin Maulhelden wie denen öfter in meinem Leben begegnet. Meist reichen Worte, aber die Typen waren ziemlich schräg drauf. Und ich musste einfach handeln, um Sven zu schützen. Angst hatte ich keine.

      Ich verstehe sehr gut, was du sagst. Aber du überwindest Angst und Furcht und gehst mutig deinen Weg. Und das finde ich gut! 🙂

  4. Bis hierher habe ich mitgelesen, liebe Nandalya… Und sehe mein Statement aus meinem letzten Kommentar auf’s Neue bestätigt! Deine Blogbeiträge lese ich gerne… Danke an Dich! Frank

  5. Im Krieger-Modus müsste ich erst einmal lernen, meine Wut zu beherrschen. Hut ab! Drei Männer auf einmal sind echt heftig! 👍 Von meinem Vater wurde ich zur Tapferkeit erzogen. Sein damaliger Lieblingssatz: „Indianer kennen keinen Schmerz.“ Zum Mut hat mich leider niemand erzogen. Das macht das Training an sich. Dennoch habe ich Ängste, die nicht alle reale Ängste sind. Höhenangst ist eine davon. Ich tue alles dafür sie loszuwerden. Ich gehe Klettern, Bouldern, auf Hochseilgärten, besteige den Dom, springe von Fünfmeterbrettern und mit Piri war ich sogar schon einmal Paragleiten. Die Angst ist leider immer noch da. 😅

    • Der Trick ist doch einfach. Ich habe die Typen wütend gemacht. Sie konnten nicht klar denken und haben mich dabei noch unterschätzt. Klar kann das in die Hose gehen. Aber daran denke ich nicht in diesem Moment. Wer meine Familie, Freunde oder mich attackiert, ist – bildlich gesprochen „tot.“ gesprochen.

      Hast du Angst oder Furcht? Das sind zwei Paar Schuhe.

      • An deiner Stelle hätte ich genauso gehandelt, aber sicherlich mit weniger Erfolg. 😉 Ich habe einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
        Wenn ich z. B. auf einem Hochseilgarten stehe und unter mir den Boden in 15 Metern Entfernung sehe, dann fängt mein Körper an zu zittern. Den Parcours mache ich mit viel Überwindung dann trotzdem, kann aber das Zittern nicht unterdrücken. Ist es dann Furcht oder Angst? Vielleicht bin ich ja in einem vorigen Leben in den Tod gestürzt oder so etwas. 😬

      • Das ist Furcht / Realangst. Angst dagegen ist meist irrational. Sie ist ein diffuses kaum greifbares Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung.
        Warum mit weniger Erfolg? Augen, Kehlkopf, Unterleib sind die Ziele. Ich habe keinerlei Hemmungen hart zuzuschlagen wenn erforderlich. Daher gewinne ich und nicht die anderen.

      • Vielen Dank für die Erklärung zum Thema „Angst“.
        Jemanden in den Unterleib zu treten oder auf die Augen zu schlagen, wäre für mich jetzt auch nicht das Ding. Absichtlich den Kehlkopf zu treffen, wodurch der Andere ersticken kann schon. Das würde ich vermutlich nur anwenden, wenn es ums Überleben geht. In so einer Situation war ich noch nie.

      • Gemeint war die Halsgrube unterhalb des eigentlichen Kehlkopfes. Ein Stich / Druck mit Mittel- und Zeigefinger ist dort sehr effektiv.

      • Ach so, das beruhigt mich. 😉 Von Akupressurpunkten etc. habe ich leider wenig Ahnung. Bei uns heißt es immer nur, dass man die Mitte angreifen soll, wie auch die Rippen oder die Niere.

      • Das ist zwar richtig, aber die Mitte ist recht groß beim Menschen. Ich empfehle dir einen Besuch in einem Krav Maga Club. Vielleicht ein Wochenendseminar mit deiner Partnerin. Mir haben diese Blicke über den Tellerrand enorm in meiner Entwicklung geholfen. Im Krav Maga finden sich dir bekannte aber auch unbekannte Elemente. Und die zu sehen und zu lernen macht Spaß.

      • Dann muss sie auch wissen, was „Kung Fu“ wirklich bedeutet. Nämlich etwas durch harte, geduldige Arbeit erreichtes. Es ist also quasi die Meisterschaft selbst. Und das kann auch ein Besuch im Krav Maga sein, das als Wushu gelten würde.

      • Bei den Inneren Stilen braucht man gar keine Kraft. Darum mag sie diese Stile am Meisten. 😉 Natürlich wusste ich schon, was Kung Fu bedeutet. 😝

      • Ich habe Yi Man schon mitgeteilt, dass ich dort unbedingt hin möchte. 😃 Da sie mal gerne nicht in China Urlaub machen würde, war sie von der Idee mäßig angetan. Aber ich werde mich mit der Zeit durchsetzen. 😀

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