Mein (fast) perfektes Leben

Mein Leben ist perfekt, das sehen zumindest viele Menschen so. Liebe, Beruf und gutes Elternhaus, was kann es schöneres geben? Die (scheinbaren) Vorteile überwiegen bei mir. Auch finanziell war ich stets ohne Sorgen. Aber ist das alles reines Glück?

Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Meine Eltern haben hart für ihren Erfolg gearbeitet und mir wurde ebenfalls nichts geschenkt. Ein fast lebenslanges Training, ein gezieltes Studium, haben mich zu der erfolgreichen Frau von heute gemacht.

„Aber du hattest auch Glück“, höre ich andere Menschen sagen. Und das sehe ich mit anderen Augen. Jeder Mensch hat Chancen. Aber nicht jeder Mensch kann sie nutzen. Versagensangst, Unsicherheit hemmmen das wahre Potenzial. Und das emotionale Chaos im Kopf.

Die vielzitierte Liebe wirft uns oft völlig aus der Bahn. Statt nach vorn zu gehen verharren wir regungslos auf der immer gleichen Stelle. Wir drehen uns im Kreis und suchen nach der rettenden Tür, die uns ins Paradies führen soll. Aber wir finden sie natürlich nicht. Dabei ist sie immer nebenan.

Ich bin behütet aufgewachsen. Dafür aber in einem mir völlig fremden Land. Ich war die Japanerin, die Andere. Aber genau das habe ich zu meinem Vorteil genutzt! Mit Fünf bist du nicht lesbisch und Liebe ist nur ein mysteriöses Wort. Und doch war ich der (heimliche) Star in meiner Klasse. Das Mädchen, das sie alle faszinierte.

Mit Sieben habe ich mir erstmals auch bei Mann Respekt verschafft. An die blutige Nase hat der Junge noch lange gedacht. Damals ist mein Zorn erwacht. Nicht gegen Mann, aber gegen ein Verhalten, das Mädchen als dumm und minderwertig erachtet. Dumm nur, dass meine Noten besser waren. Dumm auch, dass Mann kein Thema (gewesen) ist.

Japan war ein fremdes Land. Mein erster bewusster Besuch hat mich zutiefst schockiert. Plötzlich sollte ich still sein und süße Kleidchen tragen. Und dagegen habe ich mich vehement gewehrt! Die Toleranz meiner Eltern und Tante, hat damals mein junges Leben gerettet. Und die Begegnung mit Cousin Ken. Das war „Liebe“ auf den ersten Blick.

Klein Mayumi war oft wild und mehr Junge, als Mädchen. Und schon damals, habe ich andere Menschen beschützt. Wenn überhaupt von Glück die Rede ist, dann war es mein Glück in Deutschland aufzuwachsen. Auch, wenn ich dort die Außenseiterin war, so hat mir der „Goldene Westen“ alle Freiheiten beschert. Als Lesbe in Japan wäre ich gestorben.

Maßgeblich hat mein Vater mein Leben geprägt. Seine Weitsicht, seine Geduld, haben auch meine Mutter überzeugt. Und plötzlich zog ich, wenn auch selten, von mir aus Kleider an. Überhaupt habe ich immer nur das gemacht, was mein kleiner Dickkopf für gut befunden hat. Dabei war ich nie wirklich ungezogen.

Aber ohne große Regeln kannst du als Kind auch keine brechen. So einfach kann das Leben sein. Ich zitiere mich an dieser Stelle selbst: „Meine Eltern haben mir sehr große Freiheiten gelassen. Ich glaube sie haben erkannt, dass eine weiche Erziehung meinen Dickkopf eher “besiegt”, als Härte. Das passende Sprichwort stammt von Laotse: Nichts auf der Welt ist so weich und nachgiebig wie das Wasser. Und doch bezwingt es das Harte und Starke.“

Mein Leben ist perfekt, so wie es ist. Aus dem wilden Bach der frühen Jahre, ist ein ruhiger Fluss geworden. Wer die eigene Stärke kennt muss selten kämpfen. Auch nicht gegen sich.

Advertisements

14 Kommentare zu “Mein (fast) perfektes Leben

  1. „Wer die eigene Stärke kennt muss selten kämpfen. Auch nicht gegen sich.“ Und das spart enorm viel Energie, die man „gewinnbringender“ einsetzen kann. 😉
    Aber wie hört man auf, gegen sich selbst zu kämpfen?

  2. Ein Quäntchen Glück ist wohl meistens mit dabei. So zum Beispiel dass Du in die Familie hineingeboren bist, in die Du hineingeboren bist. Das sage ich bei mir auch immer. Wer weiss, wo ich heute stehen würde, hätte ich Eltern gehabt, die mir keine schöne Kindheit geschenkt hätten, bei denen ich unerwünscht gewesen wäre, die mich nicht gefördert hätten, etc. Solche Dinge sind in meinen Augen schon massgeblich für den späteren Verlauf eines Lebens. Und das mit den Chancen: es gibt genug Menschen, die jeden Chancen nutzen möchten, die sich ihnen bieten würde – aber es bietet sich keine. Ich kenne genug solche Beispiele. Und sich in solchen Situationen anzunehmen, wie man ist, bzw. die Situation anzunehmen, wie sie ist, ist alles andere als einfach…

    • War es nur Glück, dass sich meine Eltern fanden und (ver)liebten? War es mein Glück, dass sie nach Deutschland gingen und ich glücklich aufgewachsen bin? Glück im ersten Satz impliziert den Zufall, als tragendes Element. Und gibt es den wirklich, oder bestimmen wir den entscheidenden Moment selbst? Vielleicht kann man wirklich von „Glück“ sprechen, um den Handlungen meiner Eltern einen einfachen Namen zu geben. Alles andere ist pure Philosophie.

      Du schreibst von Menschen, die jede Chance nutzen wollen. Das ist ein passiver Zustand, der nie zum Ziel führen wird. Sie warten auf ihr Glück, aber handeln nicht. Wer wartet, der wartet ein Leben lang. Oder er (sie) bewirbt sich (aktiv geworden) beim Fernsehen und trifft einen netten Mann 😉 Du verstehst was ich meine?

      Spekulationen darüber, wo wir heute stünden wenn …, sie führen zu nichts. Mir gefällt es da wo ich bin. Wo wollte ich auch anders sein?

      Philosophisch-glückliche Grüße

  3. Dennoch glaube ich, dass wir Glück haben, dass wir nicht in einem Entwicklungsland geboren worden sind, indem absolute Armut herrscht. Durch unseren Geburtsort hatten wir demnach schon mehr Chancen als andere Menschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s