Out with Dad

Es gibt eine kanadische Webserie, von der ich den Titel dieses Beitrags stibizt habe. Wer sie sehen mag, hier ist der Link: Out with Dad.  Out with Dad handelt von Rose Miller und ihrem Coming-out als Lesbe. Aber ich mag keine Geschichten über andere Menschen schreiben, ich schreibe selbst Geschichte(n über mich).

Wieder bin ich auf Zeitreise. Mayumi vor fünfzehn Jahren, einige Zeit nach meinem Coming Out. Der Ort ist unser Keller-Dojo in Düsseldorf, die Akteure mein Vater und ich. Nichts hat sich geändert seit ich meine Eltern schockte. Vielleicht geben sie mir nun noch mehr Aufmerksamkeit. Meine Mutter wirkt hilflos, verunsichert. Aber sie ist tapfer und mein Ego kann sie trösten. Verkehrte Welt.

Mein Vater ist wie immer, er bringt mir weiter Karate und Aikido bei. Natürlich hat er Fragen, natürlich ist es schwer für ihn. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Eltern, haben meine nicht mit Unverständnis reagiert. Ich bin erleichtert. Aber Leidensdruck hat sich bei mir nie aufgebaut. Vom Moment der eigenen Erkenntnis und dem Coming Out gegenüber meinen Eltern, ist nur wenig Zeit vergangen. Das ist wichtig, das ist gut.

„Männer wollen Söhne haben“, sagt mein Vater unvermittelt. „Ein Sohn schreibt die Geschichte der Familie fort. Töchter verschlingt die Zeit. Von ihnen bleiben meist nur Kinder.“
Viele Frauen haben das Talent Worte falsch aufzufassen. Und vermutlich wären meines Vaters Worte ein Affront für sie.
Ich verstehe ihn besser, ich verstehe ihn gut.
Im Dojo gibt es auch Papier und Stifte, dort üben wir oft Kanji-Zeichen.
Lächelnd male ich Mayumi auf das Papier und reiche es meinem Vater.
Auch Töchter können schreiben. Und er versteht.

Ich kenne meinen Vater und weiß wie er denkt. Was er sagte ist nicht die Information. Es sind die unausgesprochenen Gedanken, der Ausdruck in seinem Gesicht.
„Ich würde dich um keinen Preis der Welt hergeben“, steht da. Und „Ich bin stolz auf dich.“
Ja, er hat mir das schon oft gesagt. Auf seine Weise. Männer können seltsam sein. Vor allem, wenn sie aus Japan sind.
„Hast du Angst mich zu verlieren?“, frage ich direkt.
„Ja“, sagt er nach kurzem Zögern. „Wir haben diese Angst. Ich weiß sie ist unbegründet. Wir wussten immer, dass du ein besonderer Mensch bist.“
„Ich bin immer noch ich“, sage ich. „Nichts hat sich geändert. Auch wenn ich nun weiß, was ich bin.“
Wissen ist Macht.

„Wir formen Kinder nach unserem Bild“, fährt mein Vater fort. „Wir erwarten, dass sie so sind wie wir. Oder noch ein Stück besser.“
„Bringst du mir deshalb Karate bei?“, erwidere ich im Scherz.
„Du wirst immer eine Rebellin sein und gegen etwas kämpfen“, sagt mein Vater. „Auch gegen die Dämonen in dir. Karate und Zen-Buddhismus werden dir helfen, um Ruhe zu finden.“
Mein unruhiger Geist hat in den Jahren des Trainings viel gelernt. Noch immer bin ich wilder, als die meisten Menschen. Und doch hat mir Budo viel gebracht.
Mein Coming Out war keine große Sache für mich. Kurz nachgedacht und dann nach vorn marschiert. Diplomatie ist anders, aber es war der richtige Schritt.

„Ich werde also keinen Schwiegersohn haben“, sagt mein Vater. „Das ist schon ärgerlich. Ich hoffte so, auch deinen Mann im Dojo zu begrüßen.“
Schalk blitzt in seinen Augen. Nur ich kann ihn sehen.
„Pech gehabt, lieber Papa“, erwidere ich frech.
„Dann werde ich deine Kinder trainieren“, beschließt er. „Du willst doch welche haben?“
„Papa!“, entfährt es mir empört. „Die Kinder bekommt natürlich meine Frau. Und du wirst dann zwei Töchter haben. Das ist doch kein Problem für dich?“
„Wenn ich sie auch unterichten darf“, sagt er augenzwinkernd. „Und nun konzentrier dich wieder. Es gibt noch viel zu tun.“
„Ja, Chef“, sage ich.
Und das habe ich nur zu ihm gesagt.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist von Liebe und Respekt geprägt. Und auch, wenn ich meist von meinem Vater schreibe, sind die Gefühle für meine Mutter ebenso tief. Sie hat mich Sanftheit gelehrt, das liegt in ihren Genen. Dabei kann sie trotzden bestimmend sein. Meine Mutter hat mich wie Kuchenteig geformt. Nie mit Gewalt, immer mit einem Lächeln und sanfter Hand. Und nicht nur dafür liebe ich sie.

Mein Vater konnte durchaus etwas ruppiger sein. Im Nachhinein betrachtet, hat er mich oft wie einen Jungen behandelt. Aber mit Engelsgeduld, hat er mir immer wieder die Techniken des Karate und Aikido gezeigt. Auch den Schwertkampf und die Kanji-Zeichen.
„Du bist besser als jeder Junge, den ich mir vielleicht gewünscht hätte“, sagt er unvermittelt.
Und das ist das höchste Lob von seiner Seite. An diesem Tag wachse ich auf zwei Meter. Aber sofort stutzt mein Vater mich mit Würfen auf meine wahre Größe.
Wisst ihr nun warum ich so klein geblieben bin?

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23 Kommentare zu “Out with Dad

  1. Ein sehr schöner Text, danke dafür! Nicht jeder hat das Glück, eine so tiefe und starke Beziehung zu seinen Eltern zu haben. Erhalte sie dir. Sowas kann so schnell vorbei sein.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂

      Meine Eltern sind keine „Ultra-Konservativen.“ Das war / ist mein großes Glück. Traditionen ja, sie mit Zwang durchsetzen, nein. Schon ihr Schritt nach Deutschland zeigte, dass sie anders sind. Weltoffener, als viele Japaner.

  2. Es ist schon schade, da geben sie ein Lob, das den anderen auf zwei Meter wachsen lässt und dann können sie es nicht stehen lassen.

    Ich versuche es stehen zu lassen. Ob es mir immer gelungen ist, wird sich später zeigen.

    • Ich leihe ihn dir aus, okay? Mal schauen, ob du dann immer noch so begeistert bist 😉

      Aber es stimmt schon, mein Papa mag Ecken und Kanten haben, aber er ist ein sehr weiser und herzensguter Mann. In einer anderen Familie wäre ich nicht so gut gediehen und hätte beim Coming Out Probleme gehabt.

  3. “Männer wollen Söhne haben”, sagt mein Vater unvermittelt. “Ein Sohn schreibt die Geschichte der Familie fort. Töchter verschlingt die Zeit. Von ihnen bleiben meist nur Kinder.”
    Viele Frauen haben das Talent Worte falsch aufzufassen. Und vermutlich wären meines Vaters Worte ein Affront für sie.
    .
    Finde ich sehr beachtlich, dass du das nicht als abwertend empfunden hast !

    • Man muss meinen Papa bei solchen Aussagen genau im Auge haben. Ich konnte sein Lachen sehen, die feine Ironie. Als Fremder stehst du solchen Worten hilflos gegenüber. Aber bedenke, ich war täglich Tochter und Schülerin.

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