Liebe mit Hindernissen

Fernbeziehungen haben ihre ganz eigene Qualität und erfordern das eine oder andere Opfer. Ich weiß wovon ich spreche, Yuki und ich haben genau das praktiziert. Zwei Jahre sind wir gependelt. Düsseldorf – Stuttgart fahre ich nun im Schlaf. An diese Zeit muss ich kurz denken, während der Rallye S1 um die Kurve schießt. Aber das ist kein Autotest Bericht.

„200 – Gerade – Fünf (Eine 200 Meter Gerade, die im 5. Gang gefahren wird)!“, liest Yuki vor und ich trete das Gaspedal voll durch.
Der Audi S1 (A1) stürmt brutal nach vorn, die Beschleunigung presst uns in den Sitz.
Die Autobahn hatte da weniger zu bieten, Und der brave Corolla raste nicht.
Oft saß ich auch entspannt im Zug und habe Musik gehört.
Die Sehnsucht verleiht nicht immer Flügel.

„Bremsen! – 50 – L – 2 (Bremspunkt – In 50 Meter – Linkskurve – 2. Gang)“, höre ich und handele sofort.
„Rechts – 50 – 2 – Gerade – 100 – Wald!“, kommt danach. Und das muss ich nicht übersetzen.
Im Gegensatz zur Autobahn kennt eine Rallyestrecke keinen Stau. Nur schlechte Straßen, oder matschiges Gelände. Und das ist Hindernis genug.
Wolfs Anruf letzte Woche kommt nicht überraschend, die Rallye war schon eine Weile geplant.
„Wir haben den S1 jetzt fertig“, sagt er stolz. „Und das ist ein richtiger Kracher.“
Ich hab‘ Spaß, ich geb‘ Gas.

Rallye Autos haben mit der Serie nicht mehr viel zu tun. Um die brutalen Anforderungen zu überstehen bedarf es so vieler Umbaumaßnahmen, dass ich sie nicht nennen werde. Sonst wird das hier ein Datenblatt. Und das mag keiner lesen.
Es ist heiß, als wir mit dem Z zur Strecke kommen. Baseballkappen schützen vor der prallen Sonne. Der Roadster erntet gierige Blicke. Dann werden wir gemustert.
„Jemand ein Autogramm?“, frage ich in die Runde. „Bilder kosten extra.“
Verlegenes Lachen folgt meinen Worten und Wolf verdreht die Augen.
„Sei friedlich“, sagt er leise. „Hier gibt es keine Gefahr.“
Trau, schau, wem.

Auch im Zug gab es immer wieder Baggerversuche. Witzigerweise auch von Frau. Nun ist auf keiner Stirn das Wort „Lesbe“ tätowiert. Aber ein Gaydar hilft.
Meist kam das Dummgeblubber von Mann. Das liegt in deren Genen. Und nicht immer waren sie jung.
Aber eine scharfe Zunge nimmt Mann meist den Schneid. Und meine schneidet richtig gut.
Yuki hatte zu der Zeit einen Verehrer, der einfach nicht locker lassen wollte. Er war Student und machte gern Bilder von Frauen. Und das nicht immer angezogen.
Nun ist Eifersucht ein Zustand, den ich niemals kannte. Aber was mein ist, ist mein. Und das habe ich dem Kerl gesagt.
„Du bist nicht immer hier“, kam die Antwort im tiefschwäbischen Akzent. „Wir werden ja sehen, wer gewinnt.“
Ich habe ihn ausgelacht.

„100 – R4 (Eine 100 Meter lange Rechtskurve, die im 4. Gang gefahren wird)“, höre ich Yukis Stimme.
Sie liest aus dem Gebetbuch vor und das ist nicht die Bibel. Im Fachjargon werden die Notizen der Fahrer „Gebetbuch“ genannt und vom Co-Pilot vorgelesen. Aufgezeichnet werden sie vorm Start. Wir durften die Strecke zwei mal fahren und ich habe Yuki diktiert. Den Streckenverlauf gab es von Wolf. Daher stammen auch die Meterzahlen.
Es ist schon eine Weile her, dass ich solche Wagen gefahren habe. Aber Hindernisse waren immer mein Ding. Und ich habe sie alle überwunden.
Trotz Allrad stelle ich den Wagen quer und Yuki quietscht vor Schreck. Oder waren es doch die Reifen?
Gib Gummi du As!

Wir haben die Rallye nicht gewonnen. Aber darum ging es nie. Es war ein Test unter extremen Bedingungen, den der Rallye S1 bestanden hat. Bestand(en) hat auch unsere Liebe. Trotz Hindernis und Gegenwind. Wobei ich auf unserer Fahrt durchs Leben nicht immer die Fahrerin bin. Wir fahren gemeinsam ins Glück.

15 Kommentare zu “Liebe mit Hindernissen

  1. „Meist kam das Dummgeblubber von Mann. Das liegt in deren Genen.“ Hier lerne ich Dinge über mich, die ich noch nie wusste…

    Und wie ist das dann bei Frauen? Deren Gene sorgen weniger fürs Blubberreden als fürs -schreiben?

    Gefällt mir

  2. Der letzte Absatz ist einfach nur süß (vor allem der letzte Satz)! Jeder, der schon eine längere Beziehung führt, wird dir beipflichten. Gut, dass ihr beide steuert, denn sonst würde die Waage ins Ungleichgewicht geraten. 🙂
    Dass ihr beiden schon bei einer Rallye mitgemacht habt, ist natürlich mal wieder super cool (Jugendjargon, ich weiß…)!👍

    PS: Ich mache ja gerade nach 6 Jahren die Erfahrung mit einer Fernbeziehung. Jetzt kann ich wieder schätzen, was für mich zuvor zur Routine geworden ist.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s