Entzug auf Raten – Eine Geschichte von der Sucht

Dass ich süchtig bin, habe ich schon eine Weile gewusst. Aber mir war nie klar, wie stark die Sucht fortgeschritten ist. Unruhe erfasst mich. Die Nervosität macht mich unkonzentriert. Die Zahlen und Konzepte vor mir sind nur Schall und Rauch. Zum ersten Mal in meinem Leben will mir etwas nicht gelingen. Die spielerische Leichtigkeit ist weg.

Nun wäre ich nicht meine eigene, ach so perfekte Analystin, wenn ich die Ursache dafür nicht finden könnte. Sofort mache ich mich ans Werk und bewerte meine Situation. Das ist schwieriger als gedacht und wieder schweifen meine Gedanken ab. Selbst Atemübungen wollen nicht helfen. Fast erbost kicke ich gegen den Sessel, der entsetzt nach hinten kippt. So wird das nichts, das ist mir klar. Und Polstermöbel sind undankbare Gegner.

Mit grimmigem Blick tigere ich in die Küche und malträtiere Gemüse und Fleisch. Das fetzt und spritzt und ich bin halbwegs zufrieden mit mir. Nur eine Lösung auf Dauer kann das nicht sein, ich muss mir andere Dinge ausdenken. Vielleicht eine Runde Z? Und hat Wolf nicht von einem neuen Audi gesprochen? Spontan rufe ich an, aber er winkt nur ab.
„Wir sind noch mit dem Steuergerät beschäftigt, du darfst ihn dann die Tage fahren.“
Schneller, höher, weiter.

Halb in Gedanken stecke ich Unterlagen und Laptop in den Rucksack. Erst jetzt wird mir bewusst, was ich da mache. Ein Zeichen, das ist sofort klar! Im Eilschritt geht es die Treppe hinab, der Z wartet schon. Ein Gruß an die Nachbarin, dann erwacht der Motor zum Leben. Ich weiß nun wohin es geht. Aber es gibt immer Momente im Leben, da liegt Nebel auf der Seele und trübt den klaren Blick. Der ist nun weg. Und ich auf meinem Weg.

Der Stuttgarter Verkehr ist und bleibt eine Sache für sich. Selbst schimpfen macht da keinen Sinn. Nur Gelassenheit hilft. Was schwierig ist, wenn die Sucht dagegen spricht. Meine Unruhe wächst, wieso fährt die Nase da vorn nicht endlich weiter? Ganz unjapanisch fange ich an zu fluchen. Lässig fauchend zieht der Z vorbei. Power, die ich meine. Und japanische Schimpfworte sind toll. Mag wer welche lernen?

Fast automatisch wähle ich den Weg zur Uni. Alles andere ist mir heute egal. Um die Zeit weiß ich Yuki in der Mensa. Und falls nicht, so werde ich sie finden. Ich kenne ihren Plan. Eine Kommilitonin sieht mich verwundert an. „Hattest du nicht aufgehört?“, will sie von mir wissen. Ich schenke ihr ein Lachen. „Manche Dinge hören niemals auf“, sage ich orakelhaft und eile weiter. Ewigkeit ich komme!

Ich finde meine Elfe tatsächlich in der Mensa. Wieso nur schaut sie so bedrückt? Mir wird ganz flau im Magen.
„Hey Elfchen“, flüstere ich, „was ist, du siehst so traurig aus.“
Es gibt wenige Dinge auf dieser welt, die mich aus dem Gleichgewicht bringen können. Und Yukis Elfenlachen gehört dazu.
Wortlos schlingt sie die Arme um mich und gibt mir einen Kuss.
„Ihr Zwei seid unglaublich“, höre ich eine Studentin sagen. Aber sie freut sich mit uns und lacht. Liebe ist auch eine Sucht. Was habt ihr denn nun gedacht?

Ich bin völlig ruhig in diesem Moment. Meine Sucht ist vergessen. Ohne Elfe bin ich nichts, das ist mir nun endlich klar. Und ich mag mich nicht mehr von ihr trennen, das entscheide ich spontan. Ich bin noch eingeschrieben an der Uni, das ist mein großes Glück.
Und ab sofort wird dann eben wieder gemeinsam die Zeit verbracht. Einen Abschluss muss ich ja nicht mehr machen. Und arbeiten geht auch dort. Ich bin zu gut für diese Welt.

„Was machst du eigentlich hier?“, will Yuki wissen und blinzelt frech. „Solltest du nicht endlich Geld verdienen?“
Ihr geht es gut, das merke ich.
„Ich war auf Entzug“, sage ich und kitzele sie. „Und das hört ab heute auf. Ich mag wieder die volle Dosis haben. Ist das für dich okay?“
„Aber nur wenn du kochst“, sagt Yuki und meint es alles andere als ernst dabei.
Sie ist glücklich und ich bin es auch. Manchmal muss die Logik den Gefühlen weichen.
Ich liebe dich mein Schatz.

18 Kommentare zu “Entzug auf Raten – Eine Geschichte von der Sucht

  1. Wenn ich könnte, würd ich ewig studieren – nicht nur Poesie und Liebe 🙂 – sondern so alles, was mich interessiert – man müsste Geld verdienen, indem man dahin geht, oder? Gebildete, interessierte Menschen braucht das Land…

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