Der dressierte Mensch

„Dressier mich nicht!“, hat einst die Mutter einer Freundin zu ihr gesagt und ließ mich ratlos zurück. Damals, das war in den 1990er Jahren und ich noch ein Kind. Damals war mir nicht klar, was das Wort in diesem Kontext bedeutet. Aber ich habe es hinterfragt und auch verstanden. Aber verstehen muss ich Dressurversuche nicht.

Die genervte Mutter hat in Notwehr gehandelt und es nicht wirklich böse gemeint. Meine Freundin konnte ein richtiger Quälgeist sein und tausend Dinge fordern. Das habe selbst ich als Alpha nie gemacht. Ich habe sie mir genommen. Vielleicht auch eine Form der Dressur. Und das Wort bringt mich zum eigentlichen Sinn des Artikels, dem dressierten Mensch. Fremdbestimmt und in eine Schablone gepresst. Alles gut?

Ich setze das Wort „Erziehung“ und „Dressur“ absichtlich gleich. Egal ob es sich dabei um Kinder oder Erwachsene handelt. Erziehung nicht im Sinn von Eltern – Kind, Erziehung des Bürgers durch die Gesellschaft. Dem Einzelnen wird vorgegeben, wie er zu sein hat. Und wie nicht. Frau muss lieb sein und Kinder kriegen und Mann muss sie ernähren. Ein Affront sondersgleichen, wenn das wer anders sieht.

Natürlich ist ein gesundes Maß an Erziehung wichtig. Aber das Kind, der Mensch, darf nie zum dressierten Subjekt verkommen. Leider passiert das viel zu oft. Ein Stöckchen wird geworfen und das Männlein hüpft. Frau natürlich auch, wie sollte es anders sein. Wir sind doch lieb und brav und süß und gehorchen unser Leben lang. Träumt weiter ihr Nasen, ich gehorche nicht.

Aber wie im Karate braucht auch das Leben gewisse Regeln. Selbst mir als Alphamädchen ist das klar. Nur passte ich nie in die mir vorgegebene Rolle. Das Gute daran: Meine Eltern vermieden die harte Dressur. Wer meine Mutter und ihr Lächeln kennt, der weiß was sanfte Dominanz bedeutet. Ein leises „Bitte“ von ihr und klein Mayumi sprang. Nicht immer und nicht ohne Widerworte. Aber meine Mutter ist klug.

Mein Papa ist noch eine Ecke klüger und hat nicht nur Karate im Sinn. Aber er lebt Budo und Zen und hat mich auf diesen Weg gewiesen. Nie mit Zwang, nie mit Dressur. Aber die Regeln befolgte ich doch. Und genau diese Regeln halfen mir später, die der Gesellschaft abzulehnen. Sie halfen mir, um meinen eigenen Weg zu gehen. Ungezähmt und ohne die ultimative Dressur.

Die meisten Menschen sind heute dressiert und quasi auf ihre Schrumpfform reduziert: den Homo obediens, den gehorchenden Menschen. „Yes Sir / Ma’am!“, klingt es im Militär und ganze Legionen marschieren mit. Fein dressiert im Gleichschritt … gegen die Wand. „Dressiert mich nicht!“, rufe ich allen Dompteuren zu, die das seit Jahren gern versuchen.

Und ich rufe allen meinen LeserInnen zu „Macht die Augen auf und lernt den Ungehorsam. Damit aus dem Chaos eine neue Ordnung entsteht. Seid nicht angepasst und lasst euch nicht dressieren. Aber dressiert auch eure Kinder nicht.“ Meine Eltern haben das bei mir verstanden. Sie formten mich mit sanfter Hand. Vielleicht auch eine Form des Karate. Sayonara!

17 Kommentare zu “Der dressierte Mensch

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