Autoren heute – Zwischen Wortmagie und Banalität

Wir alle, die wir einen Blog betreiben, sind Autoren. Als Autoren werden für gewöhnlich Schriftsteller bezeichnet, die eigenständig und ohne direkten Auftrag kreativ arbeiten. Als Autor gilt der Urheber oder Schöpfer eines Werkes. Aber nicht jeder Autor schreibt perfekt. Zum Schreiben gehört neben Technik auch Talent. Daran mangelt es oft. Oder der Autor besitzt viel Talent, weiß aber nichts von der Technik des geschriebenen Wortes. Und da fangen oft die Missverständnisse an.

Eifersüchtig wird über den eigenen Beitrag gewacht und jede Kritik sofort im Keim erstickt. Thema verfehlt, setzen, durchgefallen. Als Autor muss ich dafür sorgen, dass mein Wort verstanden wird. Und ich muss offen für Kritik sein, wenn ich diese nicht explizit verneine. Nur warum verneine ich Kritik? Bin ich als Autor bereits so gut, dass ich keine Fehler mache? Die wenigsten Autoren sind begnadete Schreiber. Erst ein Lektorat macht aus dem Rohdiamanten einen Edelstein.

Nun ist ein Blog meist nur ein Blog und dort gibt es selten Literatur. Allenfalls gute Unterhaltung zwischen Küche, Kind und Job. Alles legitim, alles gut. Frage ich aber als Autor nach der Meinung meiner Leser, so sollte ich Kritik annehmen. Und genau das gelingt den meisten Menschen nicht. Sie sind begnadete Erzähler, aber sie zeigen mir kein Bild. Und ohne Bilder bleibt auch die Story auf der Strecke.

Ein Beispiel: „Der Himmel war grau. Es schneite.“ Als Leser habe ich nun Informationen erhalten. Da ich weiß, wie Schnee, oder ein grauer Himmel aussieht, kann ich mir ein Bild damit erstellen. Aber große Kunst ist das nicht. Der erste Satz eignet sich für ein Haiku, aber nicht für einen Roman. Und dass es schneit, hat mir der Autor auch nur erzählt. Er Autor sollte sich vorstellen seine Informationen mit einem Sehbehinderten zu teilen. Der kennt die Farbe grau, der kennt auch Schnee. Aber um wie viel bunter wird die Welt dieses Menschen werden, wenn man ihm gemalte Worte präsentiert?

Deutschland gilt als Land der Dichter und Denker. Aber davon kann ich nicht viel spüren. Die Zeit der großen Autoren und Philosophen scheint vorbei zu sein. Es ist allenfalls noch Mittelmaß, was aus deutschen Hirnen quillt. Trash-Kultur und Handy-Manie tragen ihren Teil dazu bei, um die Massen weiter zu verblöden. Und ein TV-Programm auf Kitsch-Niveau macht die Sache ebenfalls nicht besser. Aber ist Deutschland wirklich auf dem absteigenden Ast, wenn es um Dichter und Denker geht? Gibt es wirklich keine großen AutorInnen mehr?

Große Autoren werden gern in den Himmel gehoben und als moralisches Vorbild angesehen. Jeder Leser will so sein wie sie. Und genau das ist der Fehler. Die meisten Künstler sind schräg und etwas anders, als die Masse. Was sie in Büchern schreiben und wirklich meinen, hat oft wenig miteinander zu tun. Politische Schriftsteller sucht man meist vergebens. Der Zeitgeist hat sie heimgesucht und die Bequemlichkeit hat sie müde gemacht. Aus Denkern werden so oft nur gefällige Wortakrobaten, die uns halbgaren Einheitsbrei servieren. Würzig ist anders.

Schuld daran sind aber auch Verlage und das deutsche Schulsystem. Nur mühsam kam in Deutschland die Idee voran, Kurse für kreatives Schreiben einzuführen. Während in den USA ganze Generationen von Nachwuchsautoren bereits in der Schule gefördert werden, paukt man hierzulande BWL. Und das ist knochentrocken, wie die Schreiberin dieser Zeilen weiß. Verlage machen es sich heute einfach. Ihre Pförtner, Lektoren genannt, wachen mit Argusaugen über den Erfolg. Was nicht ins Programm passt wird einfach ignoriert.

Aber zurück zu den Autoren und Blogs, den Foren und der Facebook-Manie. Immer wieder begegnen mir dort Menschen, die sich von der Welt unverstanden fühlen. Wortreich versuchen sie sich zu artikulieren, aber kommen niemals auf den Punkt. Oft gehören sie zur Gruppe der „Anonymen Supermenschen“, die lediglich an ihrem Computer die Helden sind. Dort erstellen sie hochkomplizierte, oder nichtssagende Profile und klagen ihr Leid hinaus in die Welt. Sie hoffen auf rege Diskussionen, aber sie führen sie dann nicht. Das Problem dieser Spezies: Sie wissen selbst nicht, wer sie sind. Noch weniger, was sie wollen.

Ihrer Meinung nach sind sie das Maß aller Dinge und alle anderen müssen nun so sein, wie sie es gern hätten. Da das aber in der Regel nicht so ist, gibt es bald den ersten Streit. Wortreich werden Besucher der Seite belehrt, wie sie einen Beitrag zu sehen haben. Und da fange ich meist an zu lachen. Ein Gedicht steht für sich selbst. Ein Leser kann niemals die Intention des Autors erfassen. Er wird es immer auf seine Weise interpretieren. Was ist daran verkehrt?

„Du MUSST das so und so sehen weil …!“, wird dann geschrieben. Aber muss ich das? Ich lese Worte und fühle mich in einen Text. Aber kryptische Botschaften kann nur die NSA entschlüsseln. Und nur der Autor kennt seine eigene Intention. Gute Autoren vermögen Gefühle und Bilder zu vermitteln. Schlechten Schreibern fällt das schwer. Sie führen wahren Krieg gegen jeden, der sie nicht versteht. Immer sind die anderen schuld. Das Leben dieser Menschen ist eine einzige Schlingerfahrt. Sie drehen sich im Kreis wie ein Hund, der seinen Schwanz verfolgt. Hoffnungslos.

Nun ist es nicht jedem gegeben sich richtig auszudrücken. Manche brauchen einen halben Roman, statt etwas mit wenigen Sätzen präzise auf den Punkt zu bringen. Die Kunst des Haiku, oder Senryū hilft dabei. Ein Haiku schreiben ist nicht schwer. 5 – 7 – 5, ist keine Formel und auch keine magische Zahl. Und dann wieder doch. Mit Wortmagie erreicht man immer Leser. Aber nie mit Banalität.

 

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34 Kommentare zu “Autoren heute – Zwischen Wortmagie und Banalität

  1. Bravo! Diese Deine Texte, ich liebe sie. Und möchte einen wie den hier ausdrucken, vertausendfachvielfältigen und vom Himmel fallen lassen. Nochmals: Bravo, Mayumi! Ich sende Grußküsse.

  2. Du schreibst mir aus der Seele! Ich freue mich immer schon auf Deine Artikel, denn sie sind gut und verständlich geschrieben. Wenn man erstmal das Geschriebene erklären muss, dann hat man schon verloren. Ich zähle Dich auf jeden Fall zu den guten Autoren.
    Liebe Grüße
    Ulrike

  3. Ein sehr interessanter Gedanke. Ich hatte heute morgen genau die entgegengesetzte Idee im Kopf: Wie sehr sich doch das Schreiben vervielfältigt hat und massenhaft geworden ist im Vergleich zu den großen Dichtern und Denkern älterer Zeit. Und dadurch Größe nicht mehr das sein kann, was sie früher einmal war (exklusiv). Heute setzt sich die breite Masse mit Literatur auseinander.

    Aber dennoch hast du Recht, was die Qualität und den Umgang mit – der eigenen – Kunst angeht in Bezug auf Gelassenheit und Offenheit. Kunst fängt die Essenz ein und lässt sie dann beim Empfänger wieder frei – so sieht jeder die Idee in seiner ihm eigenen Wahrnehmung.

    • Ja, die Masse schreibt. Ob gut ist dann eine ganz andere Sache. Aber ein Blog ist ein Blog und meist keine Literatur. Die gibt’s im Forum nebenan 😀

  4. „Wortreich werden Besucher der Seite belehrt, wie sie einen Beitrag zu sehen haben.“ – Nee, da stehe ich auch nicht drauf 😛 Wenn ein Text von allen Lesern falsch verstanden wird, dann sollte man doch wenigstens drüber nachdenken, ob man das verständlicher hätte schreiben können, oder? Außerdem finde ich persönlich es immer interessant zu sehen, wie andere meine Texte lesen. Manchmal entdecken sie Facetten, die ich selber gar nicht gesehen habe. Ist doch spannend!

  5. Merci für diesen schönen Beitrag, nebst wertvollem Inhalt und Möglichkeit des dazu lernens. . Haiku Übungen liegen nun auf meinem Tische.
    Es grüßt und stellt sich vor,
    Frau Ahnungslos 🙂

  6. Da hauste wieder auf den Putz 🙂

    Ich glaube, dass du in vielem Recht hast. Aber ich denke auch, dass es neben solchen und solchen Schreibern auch solche und solche Leser gibt. Manche möchten keine kunstvollen Sätze mit wortgewaltigen Bildern vorgesetzt bekommen, sondern leichte Kost. Und da schneit es eben, statt dass Kristalle sich aus Puderwolken weich Richtung Erde wiegen 😉

    • Es gibt Autoren und Leser. Und Lektoren. Nun rate, wer von denen wirklich gut schreiben und lesen kann.

      Es geht nicht um wortgewaltige Bilder. Dass es schneite darf auch in einem Roman stehen. Aber an der richtigen Stelle. Beim Wetterbericht.

      Die Puderwolken lässt du besser in der Dose. Der Satz ist nun wirklich Kitsch. 😉

      • Du meinst das mit der Scheeflocke?!

        „Oh“, Alexandra riss erstaunt ihre melancholischen Augen auf.

        „Was erstaunt dich so?“, erkundigte sich Iwan.

        „Obwohl erst Oktober, taumelt der Schnee schon“, erwiderte sie.

        „Dabei sehen die Wolken überhaupt nicht zuckerwattrig genug aus“, stellte Iwan fest.

      • Diese Fragen – in vermutlich noch schärferer Form – würden sie dir in einem Literaturforum stellen:

        Wie reißt man Augen auf? Tut das nicht weh? Wie macht man das erstaunt? Wie können Augen melancholisch sein? Zeig mir die Melancholie.“Oh“ impliziert doch bereits Erstaunen. Verstehst du, was ich meine? Ein offener Mund, aufgerissene Augen sind Überraschung, Erstaunen, Schock etc. Und das melancholisch bleibt weg. Das ist unnötiger Ballast für den Satz.

        Man erkundigt sich nicht. Man fragt. Erkundigt ist wieder nur erzählt. Und warum fragt Iwan nach ihrem Staunen? Das wissen wir doch schon.

        Der Schnee taumelt? Ist er betrunken? Und welcher Schnee überhaupt?

        Zuckerwattrig ist ein übertriebenes Bild. Und schon wenn Iwan es sagt stellt er es fest.

        Aber wie du siehst kommt eine Infomation innerhalb eines Dialogs viel lebendiger an. Und der Leser kann vielleicht noch etwas über die Protagonisten lernen. Oder du lässt das Radio, oder TV-Programm über das Wetter sprechen. Als Hintergrund Info. Dann können auch banale Sätze wie „Es schneit“ kommen.

        So ginge es auch:

        Aexandras Zähne klapperten leicht. (Ihr ist kalt, oder sie fühlt sich nicht wohl)
        „Alles in Ordnung?“, fragte Iwan. (Er ist besorgt, aber das Wort geht bereits aus dem Text hervor)
        „Schau“, erwiderte sie und ging zum Fenster.
        Iwan folgte ihr und blickte auf eine verzauberte Welt in Weiß.

        Kein perfektes Beispiel, aber minimale Infos. Keine unnötigen Worte. Selbst die Info „Schnee“ fehlt. Aber sie ist doch vorhanden. Wobei man normalerweise nicht übers Wetter Dialoge führen soll. Es sei denn, sie führen die Handlung voran.

        Alles klar? 😀

      • Gut, dass ich in keinster Weise auch nur einen Satz, den ich als überzogenes Beispiel schrieb, so schreiben würde. (Glaub ich.) Sonst hättest du mich am Boden zerdrückt.

        🙂

        PS Ob eine Welt verzaubert ist, ist Ansichtssache. 😛

  7. Ich vermeine einen Zusammenhang zwischen Deinem Sport und Deinen Worten zu erkennen. Präzise, konzentriert. Dabei muß man notgedrungen seine eigene Art zu schreiben reflektieren und dabei schneide ich, selbstkritisch betrachtet, nicht allzu gut ab. Wenn so mancher wüsste wie lange ich an Sätzen herumfeile … und trotzdem weiß ich genau dass sich meine Deutschlehrerin dabei an den Kopf fassen würde. Letztlich reicht es mir aber wenn der Inhalt gut und halbwegs unterhaltsam vermittelt wird; mehr ist bei mir nicht drin. Oder sagen wir mal der Aufwand würde in keinem Verhältnis zu der mir verfügbaren Zeit und Lust stehen. Deswegen jedoch garnicht zu schreiben? Nein, sorry, das kann ich mir nicht vorstellen.

    Oops, bin ich tatsächlich der Einzige in Deinen Gastkommentaren der SEINEN eigenen Schreibstil kritisch betrachtet hat 😀 ? Nun ja, Literatur kann man kaufen. Wer das bei Blogs erwartet kann Glück haben; erwarten sollte er es aber nicht. Allerdings … wenn ich die wöchentliche Top10 Liste der beliebtesten wordpress-Beiträge sehe, dann wird sogar MIR schlecht (aber eher thematisch begründet) 😉

    • Gut erkannt. Ich kann auch anders. Aber nicht in (m)einem Blog. 😉

      Es geht nicht um den Schreibstil meiner Leser. Der Artikel entstand, als ich wieder einmal durch Literaturforen eilte und die dortigen Verbrechen sah. 😀

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