Reizthema Religion – Sind wir wirklich tolerant?

Fanatiker sehen sich als göttlich inspirierte Menschen. Zumindest wenn sie ihre Religion vertreten. Als Buddhistin stehe ich jedem anderen Glauben offen gegenüber. Aber religiöse Fanatiker, die mag ich nicht. Die folgende Geschichte ist genau so passiert. Aber literarisch aufgearbeitet. Manchmal ist es hilfreich Stichworte zu notieren. Weniger hilfreich, sie dann zu verlegen. Aber mein altes Zimmer im Düsseldorfer Elternhaus gibt es noch. Und dort habe ich vor einer Weile wahre Wortschätze gefunden.

November 2007. Draußen ist es bereits dunkel. Das Wetter ist unangenehm und recht kalt. Der Tag an der Uni war lang, heute waren die Vorlesungen Pflicht. Das Karate-Training verspricht Entspannung. Und Spaß, den habe ich. Mit meinen Mädels mache ich Sparring, danach leite ich die Kindergruppe. Die Kleinen sind süß und teilweise sehr begabt. Am Ende der Halle trainieren die Männer. Ein dunkelhaariger Neuling fällt mir auf. Geschätzte 30 Jahre alt. Er wirkt übereifrig und hat einen stechenden Blick, mit dem er alle Frauen mustert.
Sofort wächst mein Widerwille.

„Wer ist das?“, frage ich die Haupttrainerin Adele in einer ruhigen Minute.
„Der ist neu“, sagt Adele und zuckt die Schultern. „Ägypter sagt er. Sein Name ist Pierre. Hat dort angeblich den Braunen Gürtel gemacht. Aber davon war nicht viel zu sehen. Ich habe ihm gesagt wenn er mir entsprechende Papiere bringt und die Katas laufen kann, erkennen wir den an. Bis dahin darf er ihn nicht tragen.“
„Welchen der drei Gürtel denn?“, will ich wissen.
Braungurte gibt es vom 3. bis 1. Kyu. Wobei der 1. höher ist.
„Natürlich den 1.“, sagt Adele und schmunzelt. „Du weißt doch meine Süße, sie sind alle furchtbar gut.“
Maulhelden aller Länder vereinigt euch.

Adele ist halbe Französin, farbig und zehn Jahre älter als ich. Ihr Vater stammt aus Afrika, die Mutter aus Paris. Aber die Familie lebt seit Ewigkeiten in Düsseldorf.
Adele liebt Karate über alles. Und ihren deutschen Ehemann. Und sie ist einige der wenigen Frauen, die mich Süße nennen dürfen.
Die Info reicht mir. Aber ich habe kein gutes Gefühl bei Pierre. Immer wieder sehe ich ihn zu den Mädels gieren. Ich blende ihn vorerst aus und kümmere mich um die Kids, die mit wildem Eifer bei der Sache sind. Nach dem Training bildet sich eine lockere Gruppe. Frauen und Männer, die über dies und jenes sprechen.
Auch Pierre ist dabei und redet einige Sätze mit. Bis die Sache eskaliert.
Diskussionkultur ist anders.

Pierre ist zwar Ägypter, aber französische Vornamen haben in seiner Familie Tradition. Und er ist koptischer Christ, was er unaufgefordert erzählt. Auch von den Übergriffen auf Kopten im Mai 2007 in Bamha, einer Stadt südlich von Kairo.
„Meine Familie lebt dort noch immer“, erklärt er uns mit leichtem Akzent. „Radikale Moslems haben meine Schwester verletzt. Und die Polizei hat weggeschaut. Kopten haben nur Nachteile in Ägypten. Daher habe ich auch in Deutschland studiert.“
Selin, ein in Deutschland geborenes türkisches Mädchen schaut betroffen.
„Ich bin auch Muslimin“, sagt sie leise. „Aber diese Radikalen mag ich nicht.
Das finde ich gut.

Kurz darauf entbrennt eine Diskussion über Religionen und Gott, die ich nur mit halbem Ohr verfolge.
Ich spreche mich mit Adele über das nächste Training ab.
Selin ist es egal, ob jemand Jude, Christ oder Hindu ist. Für sie sind alle Menschen gleich.
„Ich verstehe diese Aufregung um Religion nicht“, fügt sie hinzu. „Wir meinen doch alle das Gleiche.“
„Ich glaube nicht an Gott, oder die Bibel“, wirft Judith ein. „Ich bin auch nicht getauft.“
Pierre giftet los, Auftritt des Narren.

„Dann werden Sie jetzt mit mir ein Problem haben!“, sagt er mit lauter Stimme und macht einen halben Schritt auf die erschrockene Judith zu.
Ich wittere Gefahr und bin mit einem Satz bei der Gruppe und stelle mich schützend vor Judith. 1,62 Meter Mayumi Power pur gegen locker 1,85 Maulheld Pierre.
„Welches Problem soll sie haben?“, frage ich ihn sanft. „In diesem Dojo gilt Respekt. Und den lässt du zur Zeit vermissen.“
„Ich glaube an Gott!“, lässt Pierre mich wissen und seine Augen funkeln. „Und das muss jeder respektieren!“
„Niemand hat etwas gegen Gott und deinen Glauben gesagt“, erkläre ich ihm. „Aber Judith glaubt an keinen Gott. Und das hast auch du zu respektieren. Das nennt man Toleranz.“
Aber Pierre lässt das nicht gelten und holt zum religiösen Rundumschlag aus. Mit sich überschlagender Stimme bringt er seine Argumente vor.
Bin ich im falschen Film?

„Stop!“, rufe ich und unterbreche seinen Redefluss. „Hast du mir überhaupt zugehört?“
Aber mit dem Mann ist nicht zu reden. Reizthema Religion, ich sehe schon.
„Ich bin Buddhistin“, sage ich. „Aber ich toleriere jede Religion. Hast du damit auch ein Problem?“
Pierre hat und das lässt er mich wissen. Er hat sich in Rage geredet, Schweiß steht auf seiner Stirn. Der Mann wirkt angespannt, er ist Fanatiker. Und das ist niemals gut.
„Ich will, dass sie sich bei mir entschuldigt“, geifert er. „Sie hat meinen Gott beleidigt. Und du geh mir aus dem Weg!“
Er macht den Fehler, den die meisten nur einmal machen, und greift nach mir.
Woher soll der Maulheld wissen, dass ich auch Aikido kann?
Auf die Knie ihr Bauern, Japan ist zu Gast.

Ich fixiere Pierre am Boden und er kreischt und zetert überlaut.
Aber er kann sich nicht rühren. Und er ist clever genug und versucht es auch nicht.
Aikido in Reinkultur, Pierre ist besiegt von seiner Kraft.
Adele samt Dojo-Besitzer sind neben mir und fordern Pierre zum gehen auf. Ich lasse ihn los und wie ein geprügelter Hund dackelt er davon.
„Dieser Verein braucht keine Fanatiker“, gibt ihm Adele mit auf den Weg. „Wir sind alle Schwestern und Brüder. Egal ob Moslem, Buddhist, Hindu oder Christ.“
Toleranz kann so einfach sein.

21 Kommentare zu “Reizthema Religion – Sind wir wirklich tolerant?

      • Ja, aber gerade diese Religionen, die einen Gott verehren, sind so festgelegt in ihrem Weg. Mich fragte mal eine sehr nette Muslima: „Buddhistin? Dann glaubst du ja nicht an Gott!“ Als ich ihr das bestätigte, war ich praktisch nicht mehr existent für sie. Schade!

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      • Ja, ich kenne diese Denkweise. Dazu muss ich aber sagen, dass viele andere Religionen kein richtiges Bild vom Buddhismus haben. Sie beharren starr auf ihrem Glauben und dass er der einzig richtige ist. Und das ist wirklich schade.

        Selin, dieses türkische Mädchen, war da völlig aufgeschlossen. Ich wünschte mir mehr Menschen wie sie.

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  1. Fanatismus tut selten Gut(es) – nicht nur in der Religion, auch bei Ernährungsfragen (vegan, vegetarisch, kohlehydratarm, etc.), auf der Arbeit, in der Politik, etc.
    Ich selber bin konfessionslos, schon sehr lange. Der Grund war die sehr starre Haltung der Kirche, als es darum ging, die Unterweisung zu besuchen. Das gab für mich den Ausschlag, mich von dieser Kirche zu lösen und meinen eigenen Glauben zu finden. Auf diesem Weg habe ich in viele Religionen hineingesehen, aber keine gefunden, die mich hätte halten können. Bis auf den Buddhismus. Darin scheine ich mich zu erkennen und für mich persönlich ist es ein guter Weg zu gehen. Ob ich mich jemals Buddhistin nennen werde, weiss ich nicht. Momentan bin ich eine Lernende – ich versuche, das Dharma zu praktizieren und mich mit den Lehren Buddhas auseinanderzusetzen. Anderen Religionen gegenüber, auch meiner ehemaligen, bin ich aufgeschlossen. Jede birgt interessante Aspekte. Auf religiöse Diskussionen lasse ich mich dennoch nur sehr selten ein. Denn in vielen Fällen erkennt man in solchen, wie wenig Toleranz bei einigen religiösen Anhängern vorhanden ist. Die ich zwar nie im Leben als fanatisch bezeichnen würde und die oftmals von sich sagen, dass sie tolerant seien. Die dann aber doch meinen, dass ihre Religion die einzig wahre ist. Sie verwechseln dabei, dass ihre Religion die einzig wahre für sie selber ist. Und dass das nicht grundsätzlich für alle anderen Menschen auf dieser Welt gelten muss. Dabei wäre doch das gelebte Toleranz. Und so einfach. 🙂
    Liebe Grüsse
    Charlotte

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    • Über Politik und Religion zu sprechen endet oft in unschönen Worten. Die Gemüter erhitzen sich ohne Grund und aus Freunden werden plötzlich Gegner.

      Yuki und ich waren schon in Kirchen. Wir haben damit kein Problem. Für uns sind sie ein Ort der Stille. Und das finden wir gut. Weniger gut finden wir die meist blutige Geschichte und wie die Menschen sich wegen eines Glaubens verfolgten.

      Heute, mit der Weisheit meiner 30 Jahre, hätte ich versucht mit Pierre zu diskutieren. Nicht im Dojo! Dort gilt es Respekt vor dem, oder der Sensei zu haben. Auch den anderen Schülern gegenüber. Aber seine fantatischen Beweggründe hätten mich schon interessiert. Warum er so handelte, wie er es doch bei den Moslems ablehnte.

      Aber vielleicht tat ihm die Lektion gut. Ich weiß es aber nicht, er kam nie wieder.

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  2. wieder und wieder liebe ich deine Geschichten, aber das nur am rand! Toleranz in der Religion ist wirklich das kleingedruckte unter allen Schriften die vor allem Fanatiker nicht zu lesen im stande sind und nach der regel „zu viel von etwas ist immer gift“ trifft es auch die Religion obwohl man doch glauben könnte dass genau sehr religiöse menschen das respektieren doch dem ist nicht so und so bleibt die Struktur einer Religion immer nur heil solange man nicht an den standsäulen rüttelt, doch wagt jemand ein wort dagegen oder stellt es in frage werden auf einmal nicht die Säulen der Religion hinterfragt sondern der mensch der glaubend fühlt sich angegriffen und bekämpft den scheinbaren angriff auf seine leibeigenen Säulen – bullshit! das leben ist leben im sein und in der Veränderung und das hat noch keine Religion wirklich begriffen, es wird nur an alten werten festgehalten auch wenn sich die zeit zwischen 1750 v. chr bis hin zur Zeitrechnung 700 n.chr die zeit aller Weltreligionen verändert hat! oder?

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    • Vielleicht lag es an Pierres Vorgeschichte. Seiner Familie. Ich weiß es leider nicht.

      Mit meinem japanischen Hintergrund, der Vermischung von Buddhismus und Shintō-Religion, der Toleranz für jeden anderen Glauben, lehne ich religiöse Fanatiker ab. Und das sollten alle Menschen. Ich fände das gut.

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  3. Schade, wenn sich jemand seines Glaubens so unsicher ist, dass jede andere Meinung ihm wie ein Angriff erscheint 😦 Wenn Gott so schnell beleidigt wäre, wie manche Fanatiker das glauben, wäre er ein ganz schön armes Würstchen. Warum wollen manche Gläubige Gott klein(lich) machen? Weil er ihnen dann näher scheint?

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    • Vielleicht lag es einfach an seiner eigenen Person und falsch verstandener Frömmigkeit. Ein solches Verhalten ist mir selbst bei homophoben Christen noch nicht begegnet. Als ich Pierre damals vor mir sah glaubte ich einen fanatischen Islamisten zu sehen. Aber Pierre war lediglich ein normaler Mann mit vielleicht zu großem Temperament. Aber diese oft und gern genommene Ausrede, die lasse ich nicht gelten. Vor allem nicht in (m)einem Dojo und vor Sensei und anderen SchülerInnen.

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  4. Ich habe täglich mit einem moslemischen Ägypter zu tun, der jedem versucht seine Religion aufzuzwingen, weil sie so toll ist. Es gibt oft Diskussionen bezüglich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Es ist immer wieder anstrengend und schockierend. Trotz 20 Jahren in Deutschland hat sich seine Einstellung kaum verändert. Schade, denn die Toleranz ist bei ihm auch fast gar nicht vorhanden. Homosexualität ist z. B. ein sehr heißes Thema. Er ist nämlich der Meinung, in seinem Land gibt es keine Schwulen und Lesben. Es wäre ohnehin eine Krankheit, die man heilen kann. Es ist mühsam und zwecklos ihn aufzuklären. :-/.

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    • In Ägypten und ganz „Arabien“ war Homosexualität schon immer verbreitet. Leider werden viele Menschen dort von (Hass)Predigern dumm gehalten und für deren Zwecke verführt.

      Stell dir nur vor, dass es in Deutschland keinen Luther gegeben hätte. Also auch keine Reform der Kirche(n). Ob dann noch immer Bischöfe die Landesfürsten wären? Eine gruselige Vorstellung für mich.

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  5. Ich verachte, wie diese Fanatiker ihre Religon auslegen/umsetzung und das was sich viele unter dem Deckmantel der Relegion herausnehmen. Sollte es irgendwo einen Gott geben, hätte er Gewalt, Intoleranz, Krieg, Hass, Töten im Namen von Religonen, Unterdrückung, Verfolgungen, Rechtsauslegungen usw. in seinem Namen nie gewollt. Erst am Wochenende gab es in meiner arabischen Familie im Namen Gottes wieder einen Vorfall, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt und wenn ich daran denke, wie mein eigener Bruder mit mir umging, im Namen Gottes, versteht sich…Nein…Wenn Religonen zum Gesetz werden, bedrohen sie Freiheiten…

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  6. Fanatiker sind eine faszinierende Art von Menschen für mich, obgleich ich Atheist bin, sage ich das. Ich weiß das alles im Universum wiederverwertet wird, in der Ein oder Anderen Form eben, welche genau, das kommt eben auf die Elementaren Bausteine des Lebens an.

    Dennoch akzeptiere ich das es auch Menschen gibt die an eine höhere Macht glauben, eben Gott oder auch einen aufgestiegenen oder transzendiertes Wesen, etwa Buddha. Ich unterhalte und mitunter diskutiere auch gerne mit Gläubigen Menschen über ihre Ansichten dazu und meine, aber mit Fanatikern lege ich mich nur sehr selten an. Menschen mit einem Tunnelblick sind zwar faszinierend, aber gleichzeitig auch extrem langweilig…

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    • Einen Tunnelblick zu haben finde ich wenig spannend. Den Fokus auf etwas zu richten macht nur selten Sinn.

      Zwar bin ich Buddhistin, aber ich leben einen eigenen Glauben. Für mich sind alle Menschen und alle Religionen gleich. Kirchen sind ein Ort der Stille und Besinnung auch für mich. Womit ich so überhaupt nicht kann, ist dieses extreme „Leiden“ von Christen, diese Angst vor Teufel, Jenseits und Tod. Aber ich akzeptiere diesen Glauben und zwinge meinen niemand auf.

      Ich behaupte sogar, dass es die Fanatiker sind, die immer mehr Menschen von den klassichen Religionen weg treiben. Glaube ist immer im Menschen selbst. Er braucht dafür keine Religion. Die sollte wenn überhaupt den Weg nur weisen. Gehen muss ihn dann der Mensch allein.

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