Verliebt in eine Elfe – Teil 2

Wir haben Spaß beim Tai Chi und meine Elfe ist perfekt. Ein Bild der Anmut. Grazie pur.
Bewundernde Blicke kommen auch von Frau. Und ich bin stolz darauf Yuki an meiner Seite zu wissen. Die Frau heißt Brigitte und hat vor langer Zeit Germanistik studiert. Sie ist 79, aber geistig und körperlich fit. Sie ist Lehrerin gewesen und hat den Weltkrieg erlebt. Und davor hat sie noch heute Angst.
„Seit mein Mann gestorben ist komme ich allein hierher“, erzählt sie uns beim Abendessen.
Wie selbstverständlich hat sie uns an ihren Tisch gebeten. Diese Frau ist Leben pur.

Und Krieg, die Sorge um Europas Osten, ist auch ein Thema für sie.
Vom Dritten Reich weiß sie so einiges zu berichten. Zumindest das, was sie als junges Mädchen sah. Sie versucht sich an das Touristen-Japanisch zu erinneren, das sie vor langer Zeit erlernte.
„Ich fand Japan wunderschön“, sagt sie verträumt. „Die Menschen, die Kultur, das ganze Ambiente. Ich war gerne dort.“
Wir helfen ihr und der Traum wird wahr.
Nur als wir über Japans Alphabete sprechen gibt Brigitte auf.
„Dafür war ich schon damals zu alt“, sagt sie mit jugendlichem Lachen.
Aber Neues zu lernen muss keine Frage des Alters sein.

Wir reden lange an diesem Abend. Über Japan, Studium und Literatur.
Brigitte hat viel zu erzählen aus ihrer Welt. Aber sie führt keinen Monolog.
Selten höflich und achtsam ist unser Gespräch. Drei Frauen, drei Seelen, eine Natur.
Dass wir Kampfsport machen findet sie toll.
„Ich dachte es mir schon im Garten“, sagt sie. „Ihr Tai Chi war zu perfekt.“
Interessiert hört sie zu, als ich ihr von meinem Sport erzähle. Und dass ich unterrichten will.
„Sie werden gut darin sein“, sagt sie bestimmt. „Ich kann das fühlen.“

Brigitte weiß, dass wir zusammen sind. Nicht nur die Eheringe haben ihr das erzählt.
Ich mag die alte Dame sehr. So und nicht anders müssen Großmütter sein.
Sie fragt ob wir auch Kinder wollen und entschuldigt sich sofort für den Fauxpax.
„Kein Ding“, sagt Yuki und strahlt sie an. „Wir sind nicht so empfindlich. Aber wir wollen keine Kinder in einer Welt wissen, die so homopbob eingestellt ist.“
Brigitte nickt und wirkt traurig für einen Moment.
„Ich vermisse die Zeit mit meinen Kindern“, erzählt sie uns. „Die kleinen Glücksmomente, jeden Tag.“
Sie erzählt von ihren Töchtern und dass die auch schon Großmütter sind. Und der erste Urenkel ist auch schon auf dem Weg.
Brigitte ist stolz auf ihre große Familie. Sie sieht sie oft, aber ist auch gern allein.

Als Yuki von ihren auf Eis gelegten Plänen spricht wiegt Brigitte leicht den Kopf.
„Ich kann Sie gut verstehen“, sagt sie. „Meine Enkelin Britta ist Feuer und Flamme für den Lehrberuf. Aber die Schule hat sich stark verändert. Und nicht alle Schüler sind so nett wie Sie.“
Mehr muss die alte Frau nicht sagen, wir haben uns verstanden.
Oberstudienrätin ist sie gewesen. Natürlich mit Doktortitel. Alles ganz standesgemäß.
Aber eingebildet ist sie nicht. Diese Frau blieb bodenständig.
Ich erzähle ihr von Düsseldorf und wie ich BWL gemastert habe. Und von meinem letzten Titel, den ich in drei langen Jahren schrieb und seit einer Weile tragen darf.
„Und meine Elfe will das auch“, füge ich schmunzelnd hinzu.
„Sie zwingt mich dazu unter Androhung von Liebesfolter“, gibt Yuki prompt zum Besten. „Sehen Sie nur, wie sehr ich leide!“
Die alte Frau muss herzlich lachen.
„Ihr seid ein wunderschönes Paar“, sagt sie zum Abschied leise. „Ich freue mich für euer Glück.“
Verständnis kann so einfach sein.

Am Ostermontag gebe ich mit Yuki eine private Trainingstunde im Hoteleigenen Gym.
Wir zeigen den Staunenden, wie einfach Aikido anzuwenden ist. Und wie effektiv.
Eigentlich hatten wir nur für uns selbst üben wollen. Aber vor allem bei Frau ist Neugier schnell geweckt.
Und schon führen wir einige Techniken vor.
Ein etwas beleibter Herr meldet sich zu Wort.
„Was halten Sie von Judo?“, möchte er wissen. „Das habe ich früher mal gemacht.“
„Warum haben Sie aufgehört?“, frage ich zurück.
„Keine Zeit“, sagt er und verdreht die Augen. „Und fett bin ich mittlerweile auch.“
Alles lacht und er herzlich mit.

„Judo ist gut“, sage ich. „Aber vor allem für Frauen halte ich Wen-Do, Krav Maga, oder Wing Chun für sehr viel besser.“
Ich zeige den Leuten einiges aus der Praxis. Prompt macht sich bei Mann die Skepsis breit.
„Aber Frauen sind doch viel schwächer als Männer“, sagt ein anderer Ehemann. „Ich wiege 95 kg. Mich könnten sie nie werfen.“
Der beleibte Herr grinst bei den Worten seines Artgenossen. Er hat den Fehler sofort erkannt.
„Da täuscht du dich gewaltig, Franz“, lässt er ihn wissen. „Richtig ausgeführt hat das mit Kraft nicht viel zu tun.“
„Richtig“, sage ich und bitte den 95 kg Mann zu mir auf die Matte.
„Machen Sie irgendetwas“, fordere ich ihn auf. „Packen Sie mich am Arm, oder halten Sie mich fest.“
Wusstet ihr, dass der Mond in Asien (scheinbar) auf dem Rücken liegt? Und da liegt der Mann gleich auch.

Ungelenk greift er nach mir und landet prompt am Boden.
Er beweist Humor und rappelt sich lachend auf.
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht“, lässt er mich wissen. „Wie lange machen Sie das schon?“
„Fast 26 Jahre“, gebe ich zurück. „Praktisch mein ganzes Leben lang.
Wir demonstrieren eine Reihe verschiedenster Techniken und beantworten geduldig die Fragen.
Auch Brigitte ist da und winkt uns freundlich zu.
„Wunderbar“, sagt sie immer wieder und freut sich wie ein Kind.

Ein Ehepaar aus unserer Nähe ist besonders interessiert. Der Mann ist Juwelier und sehr auf Sicherheit bedacht.
Er fragt, ob ich ihn und seine Familie unterrichten kann.
„Wir haben ein richtiges Fitness Studio im Keller“, sagt er nicht ohne Stolz. „Aber Muskeln schützen nicht vor bösen Buben.“
Ich tausche einen Blick mit Yuki aus und meine Elfe nickt.
„Wir können darüber reden“, sage ich. „Aber es gibt auch wirklich gute Clubs.“
Der Mann winkt ab und schüttelt vehement den Kopf.
„Schon getestet“, sagt er. „Die sind nicht mein Ding. „Ich möchte keine Nummer sein. Ich möchte eine exklusive Leistung. Und dafür zahle ich gut.“

Wir tauschen Handynummern aus. Er will sich melden. Soll er, Geld ist immer gut. Er kommt unseren Plänen damit entgegen. Bis zum Anschlag getunte Autos zu fahren kann ziemlich nervig sein. Das merken wir auf der Rückfahrt wieder, als der Q3 ohne Vorwarnung ins Notprogramm geht. Den Parkplatz erreichen wir mit Mühe und Not. Aber der Audi lebt, er ist nicht tot. Per Handy und mit Wolfs Hilfe reseten wir das Steuergerät. Danach gibt es wieder Leistung pur. Und die rufen wir so lange ab bis wir zu Hause sind.
Nur fliegen ist schöner. Aber ein Audi will kein Opel sein.

Ein Tag im Elfenland kann Jahre im Land der Menschen dauern. Aber ein Tag mit Yuki ist nie genug. Und glücklich bin ich nicht nur an diesen Ostertagen. Seit ich sie kenne weiß ich, was wahre Liebe ist. Mit Magie und ihrem Lachen, hat sie mich verzaubert und in ihre Welt gezogen. Vielleicht ist das der wahre Grund warum ich verliebt in eine Elfe bin.

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21 Kommentare zu “Verliebt in eine Elfe – Teil 2

    • Ja, das war es wirklich. Die Einlage mit der Kampfkunst war so nicht geplant, hat mir aber großen Spaß gemacht. Ich mag gern anderen Menschen etwas vermitteln. Und die alte Dame war mehr als nur interessant!

    • Warte ich schaue mal nach links … Ja, es stimmt! Da sitzt eine neben mir, die heißt Yuki 😉

      Dankeschön für deinen Kommentar und auch liebe Grüße an dich.

  1. Das war wohl ein tolles Osterwochenende. Ein solcher Kampfsport wäre toll für jede Frau, würde ich es können, hätte ich keine Hemmungen alleine weiter abgelegene Strecken zu joggen. Man würde sich sicherer fühlen.
    LG, Emma

    • Es gibt bestimmt auch in deiner Nähe das passende Angebot für Frau(en). Immer mehr Vereine bieten z. B. Kurse für Selbstverteidigung an. Das hat mit traditionellem Karate, oder Taekwon-Do nichts mehr zu tun. Selbst dort hat man mittlerweile erkannt, dass auf der Straße nicht nach Regeln gekämpft wird.

      Z. B. im Krav Maga werden dir intuitive Techniken gelehrt, die du bereits nach wenigen Stunden effektiv anwenden kannst. Der Vorteil: In einen Krav Maga Verein wird nur aufgenommen, wer keine Vorstrafen, also ein sauberes Polizeiliches Führungszeugnis hat.

      Bei Interesse findest du sicherlich auch einen Verein in deiner Nähe. Und glaub mir, es macht riesigen Spaß mit diesen völlig normalen Menschen zu trainieren. Krav Maga ist übrigens reine Selbstverteidigung und kein Kampfsport.

      • Das hört sich interessant an, ich werde mal googeln, ob in der Provinz hier so was geboten wird. Meistens ist die Zeit das Problem, da ich lange arbeite und die Kurse recht früh beginnen.
        Danke dir für den Tipp.

      • Die Kurse beginnen meist zwischen 19 und 20 Uhr. Wenn du Tipps und / oder Hilfe brauchst lass es mich bitte wissen. 🙂

      • Ich schaue mir gerade Videos von Krav Maga an, hatte davon keine Vorstellung. Es wirkt eigentlich simpel auf den ersten Blick. Wenn, dann würde ich lieber einen Frauenkurs besuchen, bei den Videos sehe ich bisher nur Männer. Danke dir, falls was ist, melde ich mich. Im Umkreis wird das schon mal angeboten.

      • Im Krav Maga werden einfache und sehr effektive Techniken gelehrt. In der Regel sind die Gruppen gemischt und du wirst dort auch andere Frauen finden. Krav Maga ist sehr einfach und schnell erlernbar. Und ein Probetraining kostet nichts. Deeskalation steht auch dort im Vordergrund. Schnelle Verteidigung und …weg!

  2. Der letzte Absatz ist ja einfach nur süß! 😊 Auch ich habe mal mit dem Gedanken gespielt, Kinder zu kriegen. Yi Man wollte ja nie Kinder haben. Aber ich denke auch, dass die Gesellschaft dies bezüglich noch nicht weit genug ist. Ich fände es schlimm, wenn man meine Kinder aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung immer diskriminieren würde. 😕
    Du hast ja echt schon einige auf die Matte gelegt. 😁

    • Im Aikidio, Judo, JiuJitsu ist es kein Problem, auch deutlich schwerere Menschen aus dem Gleichgewicht zu bringen.

      Homophobie als blanker Hass, ist es uns bei vielen Gelegenheiten begegnet. Das vorgeschobene Argument Lesben und Schwule würden (ihre) Kinder verderben oder gar missbrauchen zeigt, wie pervers so manche Heterosexuelle denken oder sind. Es ist erschreckend z. B. schwul mit pädophil gleichzusetzen. Aber vermutlich sind es die Kritiker selbst.

      • Das ist genauso dumm, wie allen heterosexuellen Männern zu unterstellen, dass sie pädophil wären. Ich hasse auch dieses Argument, dass Kinder von Schwulen oder Lesben später selbst schwul oder lesbisch werden würden. Was für ein Unfug! 😒 An der Schule, an der ich arbeite, haben wir ein lesbisches Ehepaar mit zwei Töchtern. Obwohl sich die Schule sogar in einem ländlichen Randgebiet von Köln befindet, werden die beiden Mütter voll akzeptiert und sind gut in der Gemeinde intigriert. Das ist mal ein Positiv-Beispiel! 👍

      • Ich kenne viele lesbische (Ehe)Paare, aber nur einen Fall in meiner direkten Umgebung, in dem Mutter und Tochter lesbisch sind: meine Freundin Karin. Und deren Kinder sind es nicht.

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