Generation App

Als Orson Welles im Jahr 1938 das Buch „Krieg der Welten“ als Hörspiel im Radio brachte, brach in Teilen der USA Panik aus.
Viele Hörer glaubten an eine Live-Reportage und einen Angriff von Aliens. Wir aufgeklärten Menschen müssen darüber natürlich lächeln.
Aliens? Wie dumm von Orson Welles. Aliens führen keinen Krieg. Sie müssen auch nicht kommen, sie sind schon lange da!

Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut euch einfach um.
Schaut auf die Straßen, in die Busse, in die Schulen. Schaut euch die eigenen Häuser an!
Schaut in die Kinderzimmer, in die Küche. Eure Lieben sind nur noch Schatten ihrer selbst.
Ausgetauscht vor Jahr und Tag. Leere Hüllen ohne Seele.

Yuki glaubt mir nicht. Sie fasst sich an den Kopf und lacht.
Ich werde ihr das Gegenteil beweisen!
Der neue SUV erwacht zum Leben und wir fahren in die Stadt. Unterwegs scheint alles normal zu sein, es ist der übliche Wochenendverkehr.
Wir parken und beginnen unsere Runde.
Aber schon die Innenstadt zeigt ein anderes Gesicht.

Eine schweigende Menge marschiert vor uns auf und ab. Sie sind überall!
Den Blick fest auf eine kleine, oft farbige Box gerichtet, die man auch Handy, oder Smartphone nennt.
Auffällig ist, dass es trotz gesenktem Blick keine Zusammenstöße gibt.
Ich erhasche einen Blick auf ein Display. Dort ist wirklich ein Stadtplan zu sehen, der die Besitzerin leitet.
„Stadtplan-App“, sagt Yuki. „Ist doch ein alter Hut.“

Das muss ich genauer wissen und schaue mir auch die anderen Handys an.
Schwer ist das nicht, wir werden von der Menge ignoriert.
Mich gruselt es, als ich die nackte Wahrheit erkenne.
Die Menschen werden gesteuert.
Nur wer sagt, dass das noch Menschen sind?

Die schweigende Menge macht mir Angst. Und Yuki schaut mich komisch an.
Einsilbig gehen wir in einen Shop und schauen uns bunte Oberteile an.
Die Verkäuferin schenkt uns keinen Blick. Apathisch tippt sie Zahlencodes in ein Gerät.
„Das ist die Preis-App“, sagt sie monoton.
Kann sie Gedanken lesen?

„Die Kassen-App ist um die Ecke“, höre ich sie sagen, als wir fündig geworden sind. „Haben Sie einen schönen Tag.“
Panik überkommt mich, ich muss hier raus!
Die Oberteile sind mir plötzlich egal. Ich fühle mich nicht wohl.
Heute bin ich das Alien in einer mir fremden Welt.
Suchen sie vielleicht schon nach mir?

„Lass uns nach Hause fahren“, sage ich zu Yuki und schaue meine Elfe an.
„Nach links“, sagt Yuki mit gesenktem Blick. „Die Ausgang-App ist wirklich toll. Magst du sie mal sehen?“
Mein Herz steht still, ich bin entsetzt.
„Ja“, sagt Yuki leise. „Wir sind alle gut vernetzt. „Wehr dich nicht länger meine Süße. Komm zu uns. Jetzt. Zur Generation App.“
Ich laufe los, die Menge hebt den Blick.
Nur fort von hier, es gibt kein Zurück.
„Die Supermarkt-App hat Sonderangebote angezeigt“, höre ich Yuki hinter mir rufen.

Ihre Stimme verhallt und macht einem Summton Platz, der sich tief in meine Ohren bohrt.
Ich will schreien, um Hilfe rufen. Aber etwas verschließt meinen Mund.
„Guten Morgen Süße“, höre ich eine silberhelle Stimme.
Es duftet nach Yuki und fühlt sich auch so an.
Erleichtert schlage ich die Augen auf.
„Wir könnten mal den Ton der Wecker-App ändern“, sagt Yuki und lacht mich an.
„Da gibt es weitaus bessere Klänge. Erst gestern habe ich dieses neue Generation App Portal gefunden. Da gibt es supertolle Sachen …“

22 Kommentare zu “Generation App

  1. Das gruselige an diesem Beitrag ist, dass er die Wirklichkeit ziemlich gut beschreibt. Wie viele Schritte trennen uns noch vor einer vollkommenen „Appisierung“? Ich selber habe es auch bei mir beobachtet, wie oft ich das Handy in der Hand habe und arbeite jetzt dagegen – schlimm genug, dass ich das überhaupt tun muss.
    Überall wo man hinschaut, Handys in der Hand. Besonders fällt es mir im Zug oder Bus auf. Stöpsel im Ohr, Musikhörend, Handy vor der Nase. Man schließt die Umwelt komplett aus.
    Ich denke an damals, wenn ich Zug gefahren bin und die Menschen interessiert die Landschaft draußen beobachtet oder sich fremde Menschen rege unterhalten haben.
    Wo ist das hin?
    Es ist schon traurig… Eine Invasion von innen, sozusagen…

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  2. Hat dies auf Red Skies over Paradise rebloggt und kommentierte:
    „[…] Aliens? Wie dumm von Orson Welles. Aliens führen keinen Krieg. Sie müssen auch nicht kommen, sie sind schon lange da! | | Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut euch einfach um. | Schaut auf die Straßen, in die Busse, in die Schulen. Schaut euch die eigenen Häuser an! | Schaut in die Kinderzimmer, in die Küche. Eure Lieben sind nur noch Schatten ihrer selbst. | Ausgetauscht vor Jahr und Tag. Leere Hüllen ohne Seele. […]“

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  3. Es gibt ja viele Artikel, die sich mit diesem allgegenwärtigen Phänomen auseinandersetzen. Deinen finde ich durch die Traumsequenz am gelungensten.

    Am Wochenende sah ich übrigens jede Menge Japanerinnen, Stewardessen einer Airline beim Hotel Eincheck, die in ihrem blauen Uniformen schon ausgesprochen süß aussahen, und als ich auf ihre Smartphones schaute, stellte ich fest, da sind ja lauter japanische Schriftzeichen drauf. Jetzt frage ich mich, da die Japaner bekanntlich kein Alphabet haben und für jedes Wort ein Zeichen, wie funktioniert das.

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      • habe ich geguckt, ihr habt für den Alltag 1.945 Schriftzeichen, nix Alphabet. Es gäbe zwar Transkriptionssysteme. Sie seien aber nicht gebräuchlich, da die Silbenschrift gegenüber der Buchstabenschrift ökonomischer sei, man brauche einfach weniger Silben als Buchstaben. So bleibt die Frage, wie können 26 Buchstabentasten durch 1.945 Schriftzeichentasten auf einem Smartphone ersetzt werden. Das geht doch gar nicht.

        Aber es ist eh zu spät für mich, auch wenn zugegebenermaßen die elegante und vollendete Höflichkeit der japanischen Frau, ihre eigene Ästhetik und ihre unvergleichlich zuvorkommende Art gegenüber dem Mann ein ausgesprochener Grund wären, die 1945 Schriftzeichen zu lernen.

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      • Du hast natürlich recht, ein klassisches Alphabet gibt es nicht. Trotzdem werden die Kanji, Hiragana und Katakana Zeichen als „Alphabete“ bezeichnet.

        Und täusch dich nicht, was japanische Höflichkeit angeht. Immerhin kennst du ja nun auch mich. Und ich kann alles andere als höflich sein 😀

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  4. Wie famos es sich anfühlt, fast gänzlich appstinent zu leben und den Menschen um sich herum offen in die Gesichter zu schauen! Aber ich kenne auch, was Du beschreibst. Wie leer die Augen der Apphängigen doch oft wirken…

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  5. Was man nicht alles in Träumen verarbeitet! 😜 Wie ich schon zuvor einmal erwähnte, stört mich an der Smartphone-Sucht besonders, dass es die zwischenmenschliche Kommunikation stören kann. Viele Menschen, die sich mit Freunden etc. verabreden, schauen während dieser Treffen immer wieder auf ihr Smartphone und sind abgelenkt. Außerdem nehmen viele Menschen aufgrund der Smartphone-Sucht nicht mehr richtig ihre Umgebung wahr und laufen, wie „Aliens“ (für mich Zombies) durch die Gegend und verpassen das Schöne um sich herum. 😉 Auf der anderen Seite gefällt mir auch nicht, dass Apps unseren Alltag so sehr vereinfachen, dass wir selbst nicht mehr so oft nachdenken müssen. Dadurch entsteht auch eine Art Abhängigkeit den Apps gegenüber.

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    • Warte … ich antworte gleich, aber ich muss vorher noch die App XYZ checken. 😀 😀 😀

      Spaß beiseite. Seit ich diesen Beitrag schrieb, hat sich die Handymanie, die Appsucht noch verstärkt. Klar, dass ich auch ein Handy habe. Aber das ist für mich lediglich Mittel zum Zweck. Ich muss beruflich erreichbar sein. Aber im Training bleibt das Teil aus! Oder wenn ich mit Testwagen fahre. Aber dann liegt es sowieso irgendwo. Bei 200 km/h ein Handysummen käme nicht sonderlich gut. Handy aus ist etwas, dass ich auch meinen Schülerinnen sage. Selbstverteidigung gegen die Handysucht. 😉

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      • Sehr gut, dann kommen die Handysüchtigen zu deiner Suchthilfestelle. 😀 Beim Training lade ich mein Handy immer auf, weil es abends vom Konsum schon leer ist. Ohje, ich bin auch handysüchtig. 😤 Das hat aber auch damit zu tun, dass ich seit einiger Zeit einen Blog lese. Und ich bin etwas unter Zeitdruck, da ich alle Einträge bis zum Ende des Jahres gelesen haben möchte, da dann die Bloggerin höchstwahrscheinlich erst einmal mit ihrer Gattin auswandern wird. 😉

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