Kann denn Liebe Sünde sein?

Stuttgart kommt nicht zur Ruhe und auch in Köln wird demonstriert. Für Gott und gegen die anderen. Die anderen, das sind wir. Lesben und Schwule und ein Entwurf für einen Bildungsplan. Im April soll es wieder eine Demo in Stuttgart geben. Aber schon im Vorfeld wird diskutiert. Zeit für mich einen kurzen Rückblick zu machen, der das wahre Gesicht der Demonstranten zeigt.

„Gott liebt dich, aber er mag Sünde nicht“, stand auf einem Plakat. Dieser Spruch soll betroffen machen, aber er verfehlt sein Ziel. Wer sich die Demonstranten gegen den Stuttgarter Bildungsplan genau anschaut weiß schnell wessen Geistes Kind sie sind. Ja, es sind auch christliche Fundamentalisten für die ich aber jeden Respekt verloren habe. Zumindest für jene Biedermänner, die als Brandstifter durch die Straßen ziehen.

Brandstifter nun nicht im Sinn von Feuer legen, das kann man auch mit Worten tun. Allein schon die Forderung den Begriff „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Bildungsplan durch „Toleranz von Schwulen und Lesben“ zu ersetzen, zeigt klar wohin der Weg uns führt. Isolation statt Integration. Ausgrenzung statt friedliches Miteinander. Und das rechte Lager jubelt.

Die Protestbewegung ist ganz klar von Faschisten unterwandert, die sowieso gegen jeden und alles sind. Einmal mehr sind sie die Volksverhetzer und haben aus der Vergangenheit nichts gelernt. Dumm nur, dass die Rechten schon immer schwule Führer in den eigenen Reihen hatten. Der 1991 an AIDS gestorbene Michael Kühnen gehörte dazu.

Auffällig sind vor allem junge Menschen, wie schon bei der missglückten Kampagne des AfD. Statt Toleranz zu üben, statt für eine buntere Welt zu sein, wird mit Plakaten „zum Schutz der eigenen und meist noch ungeborenen Kinder“ demonstriert. Nichts weiter als Fanatiker, die sich einmal mehr als besorgte Gutmenschen tarnen, um über andere zu hetzen.

Die folgende Szene ist nicht erfunden. Sie geschah zwischen den Reden und der Boxernase und zeigt wie Menschen denken, wofür sie stehen. Und sie zeigt ein anderes Gesicht. Voller Angst und Intoleranz. Daher möchte ich sie im Vorfeld der neuen Demo bringen. Um aufzuklären.

Ein alter Mann weit über achtzig Jahre alt, tritt einer Gruppe von Demonstranten entgegen. Er ist Pfarrer im Ruhestand und will es nun genauer wissen.
„Was verstehen Sie unter Sünde?“, fragt er eine junge Frau. „Was ist an der Liebe falsch? Gott liebt alle Menschen. Auch jene, die unter dem Deckmantel der Religion mit solchen Plakaten durch die Gegend laufen.“
Die junge Frau wird rot, die Sache ist ihr unangenehm. Aber sie weiß nicht viel zu sagen.
Mehr Leute bleiben stehen, der alte Mann spricht weiter.
„Die menschenverachtende Haltung, die hier an den Tag gelegt wird, widerspricht allen christlichen Geboten. Sie grenzen andere Menschen aus, die wie Sie an Gott und die Kirche glauben.“

„Aber in der Bibel steht, dass Gott keine Homosexuellen will“, beginnt ein Eiferer.
Die Menge nickt und der Pfarrer holt tief Luft.
„Womit Sie nun ihr wahres Gesicht zeigen“, sagt er. „Ihnen geht es nicht um den Bildungsplan und Kinder, Sie wollen gegen Homosexuelle hetzen. Und da ist jedes Mittel recht.“

Worte fliegen, ein Disput entbrennt. Aber außer rechter Hetze und falschen Bibelsprüchen kommt von den Gegnern nichts.
Die junge Frau verschwindet schließlich in der Menge und die Gruppe löst sich auf. Gegen den alten Mann ist kein Kraut gewachsen. Und lächelnd schaut er uns an.
„Geben Sie den Menschen Zeit“, sagt er leise. „Sie haben einfach nur Angst. „Aber hüten Sie sich vor den Rechten! Ich habe einige bekannte Neo-Nazis gesehen. Und das macht mich wirklich traurig. Wissen Sie, ich bin 1932 geboren und habe als Kind den Terror erlebt. Das, was Menschen mit anderen Menschen machen. Und das darf nie mehr geschehen!“

Wir unterhalten uns, er sagt uns wer er ist.
„Buddhismus ist cool“, benutzt er die Worte seiner Enkelin, wie er uns augenzwinkernd erzählt.
„Und wir gehen auch in Kirchen“, erzähle ich. „Auch, wenn wir unseren eigenen Glauben haben, der eben etwas anders ist. So, wie wir.“
Der alte Pfarrer nickt und findet das gut.
Wo wäre auch das Problem?

Ein Mann um die Vierzig tritt auf uns zu, er hat die Diskussion verfolgt. Ohrring, Drei-Tage-Bart, freundliches Gesicht.
„Ich finde es immer witzig, wenn diese angeblichen Gegner der Bildungsreform sich ganz schnell als das outen, was sie wirklich sind“, sagt er. „Ich kann die Bedenken durchaus verstehen, keine Frage. Unser Problem liegt auch nicht auf Landesebene, es zieht sich durch die Gesellschaft fort. Und aus Berlin kommen keine klaren Zeichen.“

„Schwule Sau!“, erklingt eine Stimme und eine Gruppe junger Männer lacht. Halbe Kinder noch, keine Gefahr.
Und dann wieder doch. In diesem Alter wird die Meinung geprägt. Und die zeugt von wenig Toleranz.
„Ich glaube nicht, dass Schweine schwul sind“, erwidert der Mann und lacht dem Sprecher ins Gesicht. „Und wenn doch, wo ist das Problem?“
„Schwul sein ist unmoralisch!“, ruft der Jugendliche und die ganze Gruppe nickt.

„Ich glaube die größte Unmoral liegt in deinem verwerflichen Verhalten“, erwidert der Mann. „Wer hat dir das beigebracht? Du dir selbst, oder rechte Kreise?“
„Ich bin doch kein Nazi!“, empört sich der Junge. „Aber mein Papa sagt, dass die Schwulen nicht bestimmen dürfen, was in den Schulen geschieht. Und dass die gefälligst weg von uns bleiben sollen.“
„Und was ist mit den Lesben?“, frage ich und lächele ihn an. „Müssen wir auch draußen bleiben?“
„Was …, wie jetzt?“, stottert der junge Mann. „Nee ich … ich muss jetzt gehen.“
Auch dumme Sprüche sind eine Gefahr.

Der Drei-Tage-Bart macht eine umfassende Geste.
„Ich halte diese Demonstrationen für höchst bedenklich. Viele sind nur um zu hetzen hier. Sie zeigen aber auch eine höchst pathologische Gestörtheit, oder einen abgrundtief bösartigen Charakter. Vor solchen negativen Vorbildern sollten Kinder dringend geschützt werden.“

Der alte Pfarrer wiegt den Kopf. So ganz ist er nicht einverstanden.
„Ich sehe das nicht so radikal“, sagt er. „Aber Sie haben in gewisser Weise auch recht. Wir brauchen Vielfalt, Aufklärung, Toleranz. Wir brauchen keine Ausgrenzung anderer.
Für mich sind alle Menschen gleich. Gott liebt alle Menschen. Und Liebe kann niemals Sünde sein.“

24 Kommentare zu “Kann denn Liebe Sünde sein?

    • Ich habe gezögert diese Begegnung zu (be)schreiben. Aber mit einigen Wochen Abstand und neuen Infos muss ich einfach auf das rechte Lager hinweisen und vor allem die mehr positiven Aspekte dieses Samstags zeigen. Wünschen würde ich mir aber, dass mehr Vertreter der Kirche gegen Intoleranz aufstehen und diesen Scheinheiligen die Grenzen zeigen.

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  1. Traurig, dass immer wieder Leute auf solche Dummschwätzerei hereinfallen. Und tröstend, dass sich dem immer wieder Leute wie ihr oder dieser Pfarrer entgegenstellen, um aufzuklären, Hände zu reichen, Augen zu öffnen. Ich hoffe, es wirkt nachhaltig.

    Was die Bibel betrifft, muss man die homophoben Sätze übrigens mit der Lupe suchen (und die richtige Übersetzung verwenden). Diejenigen, die zur Umverteilung des Reichtums an Arme auffordern, springen einem dagegen alle paar Seiten entgegen. Wieviele von den „bibeltreuen“ Hetzern haben ihr zweites Hemd dem geschenkt, der keines hat? Wieviele von ihnen haben ihren Schuldnern alles erlassen, haben die Armen gespeist, haben die Ausgestoßenen aufgenommen? Denen geht es doch nicht um die Bibel, sondern um ihre persönliche Engstirnigkeit. Ich wünschte, sie wären wenigstens ehrlich genug, um das zuzugeben.

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    • Ich habe mir diese (angeblichen) Bibelzitate schon vor Jahren angeschaut. Vermutlich liegt es wirklich an der Übersetzung. Alles andere kommt von den Menschen selbst und ihrer Angst vor dem, was sie nicht kennen.

      Mittlerweile weiß ich, dass bei den Demos Rechte waren. Denen geht es wirklich nur um Volksverhetzung. Und was die Fundis betrifft, da bin ich echt traurig. In der modernen und aufgeklärten Welt sollte Platz für ALLE Menschen sein. Aber liebt schaut man weg und einen Pilcher-Film, statt z. B. für zwei Frauen und ihr Recht auf Kind(er) zu voten.

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      • Ja, das ist wirklich traurig 😦 Umso dringender ist es nötig, schon den Kindern beizubringen, dass Vielfalt erstens existiert und zweitens nicht nur OK, sondern auch bereichernd ist. Wenn Unwissen Angst verursacht und Angst zu Hass führt, dann müssen wir Wissen verbreiten.

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    • Es ist Angst. Und diese Angst zieht sich durch alle Kreise. Angst vor dem Heute, dem Morgen, dem Tag, der Nacht. Angst vor Fremden, vor einer anderen Sprache und vor Menschen die anders sind. Du musst auch klar sehen, wer denn solche Zitate nutzt und warum. Ich gestehe jedem Menschen das Recht auf den eigenen Glauben zu. Aber die Fundis machen das nicht. Nur sie haben recht, alle anderen liegen falsch.

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  2. Die intolerante bis hin zur extremen Haltung, die gewisse Menschen bei manchen Theme an den Tag legen, macht mich immer wieder fassungslos. Und was ich ganz schlimm finde ist, diese dann noch unter dem Deckmäntelchen irgend einer Religion zu rechtfertigen, anstatt sich einzugestehen, dass die eigene Unwissenheit, die Ängste vor dem Unbekannten oder der Druck aus der eigenen kleinen Welt, in der man lebt, die Ursache dafür sind. Pfui, kann ich da nur sagen – Grösse zeigen ist anders!!!

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    • Die Rechten sind dabei nicht die eigentliche Gefahr. Aber sie erhalten durch diese Proteste Zuwachs, da sie sich geschickt positionieren. Leider kannst du mit vielen „christlichen“ Eiferern nicht diskutieren. Denen steht der blanke Hass im Gesicht. Und ich weiß einfach nicht warum.

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  3. Die Welt braucht mehr Pfarrer, die so tolerant und aufgeschlossen sind! 😄 Jesus hat außerdem „Sünder“ laut der Bibel beschützt. In der Bibel wird ein Vorfall mit einer Ehebrecherin geschildert, die gesteinigt werden sollte. Jesus hat dann zu der hasserfüllten Menge gesagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, möge den ersten Stein werfen.“ Dadurch hat sich keiner mehr getraut, sie zu steinigen.

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