Wer die Nachtigall stört

Mir war es immer schon egal, wie andere Menschen mich sehen. Ich weiß, wie ich bin. Aber wissen andere das auch? Selbstbewusst als Frau zu sein kommt bei anderen Menschen nicht gut an. In meinem Fall wird das mit Aggressivität verwechselt, da ich mich gut wehren kann. Beispiel gefällig?

Ich bin 12 Jahre alt. Ein junges Mädchen, auf dem Weg nach Hause. Klein, schmal, blass.
Meine Freundinnen sind bereits alle weg. Natalie ist krank.
Ich höre Musik, japanische Klänge.
In Gedanken gehe ich bereits die Hausaufgaben durch und freue mich auf ein neues Buch.
Aber die Realität ist anders. Kalt und brutal holt sie mich ein.
Wer die Nachtigall stört.

Vor mir haben gleich drei Jungs einen anderen umringt. Sie stoßen ihn, reden auf ihn ein.
Der Kleine hat Angst, er mag vielleicht sechs oder sieben sein. Niemand steht ihm bei.
Kalter Zorn steigt in mir auf und ich nehme die Kopfhörer ab.
„Los gib uns Geld!“, höre ich den Anführer sagen. „Du hast zu zahlen sonst …“
Er lässt die Drohung unausgesprochen und schaut seine Freunde grinsend an.
Die Fratze der Gewalt.

„Lasst den Jungen los“, sage ich und gehe auf die Gruppe zu.
Überrascht schauen die drei mich an.
„Was willst du denn hier?“, will der Anführer wissen. „Zieh bloß Leine!“
Die drei sind etwas älter. Ich habe sie schon gesehen.
Dunkle Augen mustern mich.
Der Kleine weint.

„Wie wäre es, wenn du uns auch dein Geld gibst?“, sagt der Anführer nun. „Dann könnte ich die Sache ganz schnell vergessen.“
„Wie wäre es, wenn du sehr schnell von hier verschwindest?“, erwidere ich. „Dann könntest du den Tag ohne Schmerzen überstehen.“
Sein Mund klappt nach unten. Blöd schaut er mich an. Überrascht lässt er den kleinen Jungen los.
Ich winke ihn heran, streiche ihm über den Kopf.
Der Kleine schluckt und schluchzt, kann sich kaum beruhigen.
„Haben die das schon öfter gemacht?“, frage ich. „Wollen die immer Geld von dir?“
Er nickt und ich auch.

Zivilcouragiert handelt, wer bereit ist, trotz drohender Nachteile für die eigene Person, als Einzelner (seltener als Mitglied einer Gruppe) einzutreten für die Wahrung humaner und demokratischer Werte, für die Integrität und die legitimen, kollektiven, primär nicht-materiellen Interessen vor allem anderer Personen, aber auch des Handelnden selbst. (Quelle Wikipedia)

Ich habe gehandelt. Couragiert und effektiv. Eigentlich hatte ich keine Chance, aber genau die habe ich genutzt.
Ein kleines, zorniges Mädchen gegen drei wirklich aggressive Jungs.
Dem Anführer habe ich zwei Finger gebrochen. Seine Freunde liefen davon.
Courage ist anders.

Und diese (Zivil)Courage zieht sich durch mein ganzes Leben, durch jedes noch so kleine Feld. Egal ob Schule, Beruf, oder Liebe.
Meine Courage, mein Selbstbewusstsein hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin.
Eine Frau die gern Gedichte liest und schreibt, aber bei Ungerechtigkeit niemals schweigt. Feuer und Eis. Wild und doch sanft.
Aggressiv ist anders. Ich mische mich nur ein. Für andere. Gegen Dummheit und Gewalt.
Das ist meine Natur. Und das ist gut so.

23 Kommentare zu “Wer die Nachtigall stört

  1. Wuau… gut so:-) Du sprichst immer wieder Themen an die mich berühren, und auch bestärken in meinem handeln und denken. Lese dich immer wieder gerne. GLG

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    • Selbstverteidigung kann ich lehren. (Zivil)Courage nicht. Aber vielleicht kann mein Blog helfen sie zu bilden. Das wünsche ich mir. Und vielleicht kann ich dann in Frieden mit meiner Elfe im Garten sitzen. Ohne Gewalt, aber gewaltig verliebt 😉

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  2. Manchmal frage ich mich, wo bist du aufgewachsen. Die Episode, ist das eine Zeitungsgeschichte oder Realität. Aber unstrittig ist deine Zivilcourage vorbildlich. Da kann man nichts mehr dazu sagen. Helferin der Armen und Schwachen.

    Mich stört allerdings dein Satz „Selbstbewusst als Frau zu sein kommt bei anderen Menschen nicht gut an“. Ich halte ihn für falsch. Meine Erfahrung ist genau umgekehrt.

    Selbstbewusste Frauen ziehen selbstbewusste Menschen an, denn diese sehen, da ist jemand wie ich. Und somit ist die erste Hürde genommen. Anders gesagt, einer kleinen, zierlichen Frau von 1,58 Meter traut man eine Führungsposition weniger zu, als einer kleinen, zierlichen und selbstbewussten Frau von 1,58 Meter. Das Selbstbewusstsein, das selbstbewusste Auftreten, ist der Schlüssel und es kommt gut an. Zutreffend braucht es hierzu den richtigen Adressaten. Manche wollen lieber einen Schwachmaten, wie sie selbst sind. Hier kommt die selbstbewusste Person nicht an.

    Selbstbewusstsein gehört bekanntlich nicht zu den stabilen Persönlichkeitseigenschaften. Sie hängt auch manchmal an einem dünnen Faden. Insofern gilt es für dich, die Nähe zu den stabil-selbstbewussten Personen zu suchen. Und du wirst sehen, sie erkennen dich als die ihre. Das ist wie bei deinem gaydar.

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    • Ich bin in der Gegend von Düsseldorf aufgewachsen. Aber das wolltest du nicht wissen, das ist schon klar. 😉

      Meine Erfahrungen sind die, dass du als selbstbewusste Frau vor allem bei Mann nie gut ankommst. Nun schere ich (nicht mehr!) alle Männer über einen Kamm. Aber sieh es so: Da steht eine 1,62 Meter kleine Japanerin vor Mann, der sofort leichte Beute wittert. Und die kann ihm nun locker Kontra geben. Wie fühlt er sich dann? Dann greift er sie vielleicht noch an und landet auf dem Hosenboden.

      Die Szene stammt nicht aus der Zeitung. Sie ist in etwa so passiert. Der Junge packte mich und ich ihn ganz selbstbewusst auch. Knack. Aikido kann auch Finger brechen. Notwehr der besonderen Art. Aus heutiger Sicht überzogen, aber mit 12 weißt du das noch nicht.

      Mit jetzt 30 Jahren umgebe ich mich mit anderen Menschen. Ganz selbstbewusst. Und das sind die meisten meiner Mädels auch. Falls nicht, so lehre ich sie das.

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      • Nach meiner Ansicht greift dein Ansatz,

        „Da steht eine 1,62 Meter kleine Japanerin vor Mann, der sofort leichte Beute wittert. Und die kann ihm nun locker Kontra geben. Wie fühlt er sich dann? Dann greift er sie vielleicht noch an“

        nicht, wenn du einem Mann gegenüberstehst, der wie du selbstbewusst und ein Alpha ist.

        Ich habe es ein paar mal so erlebt, dass er dich als wesensverwandt erkennt und dich unterstützt. Kurz Gaydar unter Alphas. Also ich habe das jedenfalls einige male tatsächlich so erlebt.

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  3. Hmmmm. Du würdest mir auch Angst machen und ich bin kein Mann. Wenn mir zu selbstbewusste Menschen, egal ob Mann oder Frau über den Weg laufen, fühle ich mich unterdrückt und herabgesetzt und nicht unbedingt respektiert. Und nein, ich hab nicht immer Bock dagegen anzukämpfen.

    Selbstbewusstsein ist gut. Aber wie immer im Leben macht es die Dosis.

    Zu deiner Geschichte: Respekt

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