Starke Frauen braucht das Land

Meine Freundin Linda hat gerufen und alle sind gekommen. Ein Lehrgang mit einem Krav Maga Experten soll es sein. Der Name Krav Maga bedeutet „Kontaktkampf“, ist also wie für mich gemacht. Krav Maga ist ein israelisches, modernes, eklektisches Selbstverteidigungssystem, das Schlag- und Tritttechniken präferiert, aber auch Grifftechniken, Hebel und Bodenkampf beinhaltet. (Quelle Wikipedia)

Der Q3 ist guter Dinge und schnurrt die Kilometer ab. Ilka und Amelie begleiten uns, wir haben viel zu erzählen. Linda mit Frau fährt voraus. Uns folgen noch ein Dutzend weitere Frauen. Das wird den Experten sicher freuen. Aber er weiß wer und was wir sind. Keine Gefahr.

Ein Fitness Center mit Dojo ist unser Ziel. Erwartungsvoll parken wir die Wagen.
Yuki ist aufgeregt.
„Krav Maga ist so anders“, hat sie gesagt. „Hoffentlich blamieren wir uns nicht.“
Ich muss schmunzeln.
„Wir wollen lernen“, sage ich. „Egal, was wir bereits können, wie gut wir auch sind, bei Krav Maga werden wir Anfänger sein. Wie bei so vielen Dingen im Leben.“
Linda schaut mich skeptisch an.
„Aber du hältst dich zurück?“, will sie wissen. „Nicht, dass du dich mit dem Trainer prügelst.“
Ich schenke ihr meinen unschuldigsten Blick und alle müssen lachen.

Der Trainer ist nett. Polizist, um die fünfzig, graue Haare, aber superfit.
„Ich trainiere Krav Maga schon fast dreißig Jahre“, sagt er.
Der Satz wirkt bescheiden, beiläufig. Das mag ich. Angeber sind mir zuwider.
So einer ist er nicht.
Eine nach der anderen erzählt ihm ihren Werdegang. Die Hälfte der Mädels gehört zu Linda, die haben alle was los.
Der Rest sind Freundinnen. Aber Krav Maga ist für alle neu.
Ilka ist die einzig Unsportliche, Amelie ist in Jiu-Jitsu fit.
Der Trainer nickt und wendet sich Yuki zu.
„Ich kann nicht viel“, sagt sie. Nur, was mir Mayumi so beigebracht hat.“
Kann sie nicht herrlich lügen?

„Und was genau ist das?“, will der Trainer wissen. Ich mag ihn Daniel nennen, aber so heißt er nicht.
„Ach etwas Karate, Aikdio und Kung Fu“, antworte ich. „Wobei ich im Wing Chun auch noch Anfängerin bin.“
„Die den Trainer auf die Matte legt, wenn sie nur will“, sagt Linda. „Nimm dich bloß vor der Süßen da in Acht, die ist schneller, als die Polizei erlaubt.“
Linda kennt Daniel von der Polizeiausbildung. Sie war einst seine Schülerin.
Und Schülerin bin ich an diesem Wochenende auch, das mache ich sofort klar.
„Ich mag lernen“, sage ich. „Sehen, was an Krav Maga so anders ist. Wobei ich es ja schon etwas kenne.“
Der Trainer nickt und findet das gut.

Der Freitag Abend dient nicht nur zum kennenlernen. Wir trainieren aber nur eine Stunde lang. Viel Theorie, etwas Geschichte, Taktik.
Ich finde das gut. Der Mann versteht seine Kunst.
Wir essen gemeinsam zu Abend und gehen früh zu Bett. Das Training wird zeitig beginnen.
Insgesamt 8 volle Stunden plus Pausen üben wir am nächsten Tag. Einige Mädels machen fast schlapp. Linda, Yuki und ich halten besser durch. Und doch fordert uns das unbekannte System. Spaß steht im Vordergrund. Der Trainer beweist viel Humor. Wir wirbeln uns gegenseitig über die Matte.
Der Samstag endet mit viel Lachen, Massagen durch Frau und einem heißem Bad. Danach gibt es Abendessen.

Daniel erzählt von der Polizei und warum er Trainer ist.
„Ich gebe gern mein Wissen weiter“, sagt er und schaut Linda an. „Sie war übrigens meine beste Schülerin. Zu schade, dass sie den Dienst quittiert hat.“
„Du solltest Trainerin werden“, sagt er mir. „Du hast ein riesiges Talent.“
„Kann man damit viel Geld verdienen?“, frage ich im Scherz. „Geld, um eine Familie zu gründen, mit Kindern und Haus?“
„Nein“, erwidert er. „Dazu braucht es einen anderen Beruf. Aber als Nebenjob in der Freizeit ist es gut. Und es muss ja kein Krav Maga sein.“
„Du bist von deinem System nicht felsenfest überzeugt?“, will ich wissen.
Daniel lacht und erkennt die Ironie.
„Schon, aber das werden wir morgen testen.“
Ich habe Prüfungen schon immer gemocht.

Ein halbes Dutzend Polizistinnen verstärkt uns am nächsten Tag. Frauen seiner Schülergruppe.
Die Mädels sind gut drauf und freuen sich auf uns. Zu sechst gehen sie am Nachmittag auf jede von uns los.
Das ist abgesprochen und gehört beim Krav Maga dazu.
Linda wirbelt und zaubert, muss sich aber kurz vor Ende der Runde der Übermacht beugen.
Lachend ergibt sie sich.
Auch dem Rest geht es nicht viel besser.
Die arme Ilka liegt schon nach Sekunden am Boden und dann in Amelies Armen.
Liebe, die ich meine.

Yuki ist an der Reihe und genießerisch sehe ich meine Elfe tanzen.
Die Mädels fliegen, Krav Maga ist das nicht.
„Du schummelst“, wirft Daniel prompt ein und ich muss feixen. „Diese Würfe gibt es im Krav Maga nicht.“
Yuki lacht und winkt mich auf die Matte.
„Lass die Dicke da ran“, neckt sie mich. „Die hat sowieso zu viel Schokolade auf den Rippen.“
Ich analysiere die mit Handschuhen und Kopfschutz vermummten Polizistinnen und habe einen Plan.
Sie greifen an und Sekunden später liegen sie japsend auf dem Rücken.
Maikäfer flieg.

Ich gebe mich unschuldig und schaue gespielt verlegen auf meine Hände.
„Danke für die Lektion“, sagt eine Beamtin. „Wir waren ja gewarnt. Würdst du es uns noch einmal zeigen?“
Es ist kein Krav Maga, was ich da mache. Nur wenig ist umsetzbar für mich. Mein Aikido ist schneller.
Und doch habe ich eine Menge Spaß und nehme neue Erkenntnisse mit. Vor allem aber neue Freunde.
Die Mädels sind keine Schwestern. Nur eine outet sich als bisexuell. Etwas verschämt zwar, aber tapfer.
Der Regenbogen leuchtet.

Linda lädt die Beamtinnen und Daniel zu einem Gegenbesuch ein. Sie nehmen dankend an.
Und ich soll dann Aikido unterrichten.
Wir fahren noch am Sonntagabend zurück. Und kommen mit viel Verspätung an.
Der Grund ist so einfach, wie blamabel: Es liegt am Motor des Q3. Der geht nämlich auf der Rückfahrt kaputt.
Es raucht und knallt, dann ist es still.
Wolf mit Team muss uns holen.

Er kommt in einem neuen SUV, den wir zum Test behalten dürfen.
Leider ist er nicht Rot und mehr darf ich vorerst nicht darüber sagen. Der Wagen kommt erst auf den Markt.
Aber ich darf ans Steuer. Wolf fährt im Abschlepper zurück.
Weit mehr als 400 PS beschleunigen auf über 250 km/h. Und das mit vier Personen.
Freiheit, die ich meine! Ich berichte dann davon.

Zu Hause angekommen kann ich nicht schlafen. Der Laptop blinkt und flinke Finger tippen.
Erst nach 1 Uhr gehe ich endlich zu Bett.
Neben mir liegt meine Elfe und sanft fällt der Vorhang der Nacht.
Auch starke Frauen müssen schlafen. Und morgen ist ein neuer Tag.

 

12 Kommentare zu “Starke Frauen braucht das Land

  1. Das klingt nach einer Menge Spaß 🙂

    Du schreibst, dass dein Aikido schneller war als Krav Maga. Liegt das deiner Meinung nach an den Techniken oder eher daran, dass du Aikido einfach schon länger trainiert hast? Und hast du nach diesem Lehrgang Lust bekommen, dich öfter mit Krav Maga zu beschäftigen? Du hast ja mehrfach geschrieben, dass es nicht die eine beste Kampfsportart gibt, aber es gibt bestimmt Sportarten, die dir mehr liegen, und andere, mit denen du nicht so viel anfangen kannst. Wo würdest du Krav Maga sehen?

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    • Ich lebe, denke, atme Karate und Aikido. Das ist bei mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich denke nicht nach, ich analysiere und handele. Verstehst du das? Es ist nicht: Ein Schlag kommt und ich überlege welche Abwehr ich mache, ich weiß die Antwort instinktiv.

      Krav Maga ist eine sehr effektive, aber so völlig andere Art der Selbstverteidigung. Krav Maga im militärischen Bereich soll, ja MUSS verletzen, den Gegner blitzschnell außer Gefecht setzen. Es ist recht hart.

      Aikido ist weich, es nutzt die Energie des Gegners aus. Die Mädels haben ja mich angegriffen, die Abwehr war kinderleicht. Klar war das unfair von mir, aber auch Spaß. Denn jedes System hat seine Grenzen.

      Yuki und ich haben vor über 2 Jahren mit Karate aufgehört. Wenn machen / üben wir das nur ab und an zu Hause. Wir betreiben 2 x pro Woche aktiv Wing Chun Kung Fu und zusätzlich Aikido. Und aus dem Mix Karate – Aikido – Wing Chun, entsteht mein unverwechselbarer Stil.

      Krav Maga ist für Anfänger besser zu lernen, da es instinktive Techniken nutzt. Es ist ja nichts anderes als eine Mischung anderer Techniken, die ich alle kenne. Langfristig halte ich Wing Chun für besser. Aber das kommt immer auf die jeweiligen Ziele an. Schneller ist auf jeden Fall Krav Maga zu lernen.

      Auf den Punkt gebracht: Krav Maga ist für den absoluten Nahkampf gedacht, wenn absolut nichts anderes mehr geht. Keine Kicks, keine Hebel, keine Würfe, nur noch „rohe Gewalt.“ Die Ideen daraus habe ich mitgenommen. Wobei sind wir ehrlich, ich mit meinen 1,62 und 52 kg, werde kaum mit jemand ringen 😉

      Was mir nicht liegt sind alle Kung Fu Stile, die meiner Meinung nach überflüssige (Show)Bewegungen haben. Karate hat das auf das Wesentliche reduziert.

      Ja, ich mag und werde mich weiter mit Krav Maga befassen. Um zu sehen, was ich vielleicht noch lernen kann. Wenn du mit der Idee spielst Krav Maga für dich zu entdecken: Klares JA! von mir.

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      • Nein, sicher nicht. Ich bin zwar selber eher unsportlich, aber ich finde es total spannend, über Kampfsport zu lesen. Es ist toll, dass du so viel darüber weißt, und vor allem, dass du auch so lebendig davon erzählst 🙂

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      • Was vielleicht noch zu erwähnen wäre:

        Sowohl Aikido, Karate und Wing Chun sind traditionelle Sportarten. Alles läuft recht förmlich und mit viel Disziplin ab. Das ist alles schön und gut und fördert den wahren Geist.

        Krav Maga ist lockerer. Es gibt dort keine Wettkämpfe und eigentlich auch keine Regeln. Es dient lediglich zur Selbstverteidigung der eigenen Person, oder von anderen Menschen.

        Mit zunehmenden Alter komme ich mehr und mehr zu dem Schluss 1. weniger zu kicken und 2. effektiv und schnell zu sein. Da ich sowieso unkompliziert bin, hat sich Krav Maga angeboten.

        Natürlich kenne ich nur wenig davon, bin aber trotzdem nicht mit jeder Technik einverstanden. Muss ich aber auch nicht sein. Falls es dich interessiert: Bei youtube gibt es sehr schöne Trainingvideos, die einen ersten Ein- und Überblick geben.

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