Das andere Mädchen

Die „Box“ war übervoll an diesem Abend. Streit lag in der Luft, Lena konnte es riechen.
Lena war die Head-Security des Frauenclubs, der einem lesbischen Ehepaar gehörte.
Und vorwiegend Lesben bevölkerten den Club.
Lena war keine Lesbe. Dafür Deutsche Karate-Meisterin.
Ihr Team bestand aus zwei Mädels, die beide mehr oder weniger schlagkräftig waren.
Und das mussten sie sein. Auch Frauen sind nicht immer nett.

Lena hatte den Job durch Zufall bekommen. Damals, vor zwei Jahren nach der Trennung von ihrem Mann.
Ihr kleines Sportgeschäft war bankrott gewesen. Unterhalt gab es daher nicht.
Aber Lena konnte immer noch gut kicken, sie war noch immer eine Powerfrau.
Im Training gab es ein neues Frauenpaar, das unbedingt Karate lernen wollte.
Lena war dort Trainerin und das seit vielen Jahren.
„Wir haben einen Frauenclub“, erzählten die beiden stolz. „Aber auch Probleme, die wir allein nicht lösen können.“
„Karate kann dabei helfen“, hatte Lena gesagt. „Aber von heute auf morgen geht das nicht.“

Die Frauen redeten und spontan luden sie Lena ein.
„Du hast doch kein Problem damit?“
„Nein“, sagte Lena. „Aber ich bleibe auf meiner Seite. Ihr habt doch kein Problem damit?“
Das Lachen verebbte, der Respekt blieb.
Der Abend verlief gut, Lena gefiel die Bar. Und die Mädels waren super.
Mehr aus Spaß half sie bei einem Live-Konzert als Security aus und lernte noch mehr nette Leute kennen.
Ab diesem Tag hatte sie einen neuen Job und schnell suchte sie ein Team.

Der Abend war warm. Viel zu warm für eine Stadt.
An der Tür der „Box“ war es zu Problemen gekommen. Angetrunkene Frauen hatten randaliert und Lena hatte für Ruhe gesorgt.
Zufrieden sah sie sich um und wollte die Bar wieder betreten.
Plötzlich waren schnelle Schritte hinter ihr.
Hilfesuchend kam ein Mädchen auf Lena zu. Ihr Gesicht stark angeschwollenn, die Nase blutig. Zwei Männer folgten.
„Bitte …“, die Stimme des Mädchens versagte und sie fiel auf die Knie.

Kalte Augen trafen auf Lena, die sich schützend vor das Mädchen stellte.
„Verpiss dich“, sagte der Größere. „Das hier geht nur uns was an. Der Lesbe werde ich …“
„Du wirst nichts“, sagte Lena bestimmt. „Außer ganz schnell von hier verschwinden.“
Der Mann lachte und Lenas Mädels traten neben sie.
„Bist du irre?“, wollte der Mann wissen und ging auf Lena zu. „Weißt du eigentlich wer ich bin?“
Lena blieben zwei Sekunden. Dann begann der Kampf.

Polizei und Krankenwagen sammelten die Männer ein.
Lena war Siegerin geblieben, was keine Überraschung war.
Das Mädchen musste ärztlich behandelt werden.
„Ich bin Hiromi“, stellte sie sich vor. Und ich möchte mich herzlich bedanken.“
In einem Club war es zum Eklat gekommen, als sie mit der Freundin des Schlägers sprach.
Hiromi und das Mädchen kannten sich von der Schule. Nichts weiter, als ein harmloses Gespräch.
Aber Eifersucht kann viel zerstören. Auch ein Gesicht.

Hiromi war Japanerin, aber in Deutschland aufgewachsen.
Ihr Aussehen machte sie anders und ihre Liebe zu Frauen.
Viele Männer konnten damit nicht. Und auch nicht allzuviele Frauen.
Sie war stets das andere Mädchen gewesen, die unbeliebte Frau.
Lena hatte ihr an diesem Abend das Leben gerettet. Der Schläger war der Polizei bekannt.
Und er war nicht nett.

Hiromis Wunden heilten schnell. Was blieb war ihre verletzte Seele.
Lena kümmerte sich um sie.
In Intensivkursen baute sie nicht nur Hiromis Selbstbewusstsein auf.
Nach einem knappen Jahr konnte das Mädchen ebenfalls gut kicken.
Und Mann war ab sofort kein Problem.

Es war wieder ein heißer Abend, Lena stand vor der Bar.
Hiromi trat neben sie.
„Vor einem Jahr hast du mich gerettet“, sagte sie leise. „Erinnerst du dich noch daran? Du warst mein rettender Engel, meine Schutzheilige der Nacht.“
Lena schmunzelte bei Hiromis Worten.
„Als Heilige habe ich mich noch nie gesehen“, erwiderte sie. „Mehr als Männerkickerin.“
„Aber du magst doch Männer, oder nicht?“, wollte Hiromi von ihr wissen.
Lena nickte zögernd. Sie ahnte wohin das Gespräch sie führte. Aber sie nahm es in Kauf.
„Ich mochte sie, ja. Ich liebte meinen Mann. Aber das ist eine Weile her. Weißt du, auch ich komme mir momentan anders vor.“
„Du bist, was du bist“, sagte Hiromi leise. „Und wenn du magst kannst du das immer sein.“
Und Lena mochte, es war nur ein kleiner Schritt.

Lena und Hiromi haben geheiratet und sind noch immer ein Paar.
Sie sind beide anders, aber in Liebe vereint. Und Liebe ist alles was zählt. Auch bei den anderen Mädchen.

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14 Kommentare zu “Das andere Mädchen

  1. Nicht die schönste Art, sich kennenzulernen, aber dafür um so echter…Aggressive Männer habe ich auch schon zu spüren bekommen und auch da war es das schöne Gesicht. Ich verstehe gar nicht, warum man der Person, die man doch angeblich liebt nicht das Vertrauen entgegen bringt, sich mit einem anderen Menschen zu unterhalten, egal ob die Person nun besonders attraktiv ist oder nicht.

    • Diesmal war es „nur“ eine Geschichte, mit durchaus realem Hintergrund. Gewalt gegen andere Menschen beschränkt sich nicht auf Schwule und Lesben, Gewalt ist immer da.

      In der Frauenszene ist die Eifersucht oft riesengroß und bei Männerpaaren dürfte das ähnlich sein. Der Partner wird als Besitz betrachtet, speziell vom dominanten Part. Oft ist viel Unsicherheit vorhanden, Unsicherheit dem eigenen, kleinen Ich gegenüber.

      Bei Yuki und mir gibt es keine Eifersucht. Wir versuchen unser Leben auch immer anderen zu vermitteln. Leider nicht immer mit Erfolg.

      • Für mich gilt schon immer, dass ich nur die Partnerin haben will, die auch mich will und somit ist Eifersucht unnötig. So sehe ich das zumindest.

        Oh, von einem Mann wurde ich bisher noch nie bedrängt, weil ich mit dem ebenfalls männlichen Partner sprach, sondern immer, wenn ich mit einer Frau sprach und ihr Freund damit ein Problem hatte. Aber gut, das gehört dazu und ich gehe damit doch recht souverän mit um.

      • Gewalt ist niemals eine Lösung, da gebe ich dir Recht. Aber du hast sie bestimmt schon erlebt, wenn auch nicht am eigenen Leib.

        Frauen wie Hiromi und Lena, die beide ein reales Vorbild haben, sind doppelt gefährdet. Die eine weil sie zweifach anders war, die andere wegen ihrem Job.

      • In der Tat konnte ich eigentlich Gewalt aus dem Weg gehen, das Geraufe im Sandkasten zähle ich nicht mit, denn das hat für mich nichts mit eigentlicher Gewalt zu tun. Bedroht wurde ich auch, aber ich kam immer heil davon. Mitbekommen habe ich sie auch und war dann immer dabei, die Streitenden auseinander zu ziehen und gleichzeitig die Security zu rufen.

  2. Eifersucht ist ein ganz furchtbar hässliches Gefühl, dass sowohl beim eifersüchtigen Part als auch bei dem (der) Betroffenen viel Unheil anrichten kann. Inzwischen bin ich ja überzeugt, dass Eifersucht nur da entstehen kann, wo das Vertrauen (auch in sich) und/oder die Vertrautheit fehlen.Mit diesem Wissen ist es mir schon ein paar Mal leichter gefallen, gewisse Entscheidungen zu treffen. 🙂 Schön erzählt, die Geschichte!
    Ganz liebe Grüsse
    Charlotte

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