Die Lesbe

Mit sechzehn liegt dir die Welt zu Füßen, mit sechzehn weißt du alles besser. Vor allem, wenn man Mayumi heißt. Und das ist nun mal mein Name.
Erneut gleite ich in der Zeit zurück und sehe ein Bild vor mir. Ein rothaariges Mädchen taucht auf, kurz „Die Lesbe“ genannt. Ihr Name: Karin. Und von Karin will ich heute erzählen.

Der Kuss mit Natalie liegt einige Tage zurück und ich sehe Dinge mit anderen Augen. Wobei es weniger Dinge, als vielmehr Frauen sind. Und die ziehen mich nun magisch an.
Karin ist größer als ich, kräftiger, aber durchaus hübsch. Kurze Haare, dunkler Lippenstift, barsches Auftreten. Ihre Augen sind so grün, wie meine braun sind. Hexenaugen. Aber verhext hat sie mich nicht.
Ich weiß, dass sie eine Lesbe ist. Sie hat es jedem gesagt. Freunde hat sie keine. Jungs in dem Alter sind meist ziemlich dämlich und Mädels meist noch mehr.
In der großen Pause gehe ich auf Karin zu, ich muss unbedingt etwas wissen.
„Hey, ich muss mit dir reden“, sage ich und baue mich vor ihr auf. 1,62 Meter geballte Kraft gegen knapp 1,80 Meter Unsicherheit. Wer hat da wohl gewonnen?
Karin erschrickt, das kann ich deutlich sehen. Mein Ruf als Troublemaker eilt mir voraus.
„Was willst du von mir?“, will sie wissen. „Ich habe keinen Streit mit dir.“
Ich muss lachen und breche das Eis.
„Keine Angst, ich mag nur etwas von dir wissen. Wann und wie hast du gemerkt, dass du auf Frauen stehst?“

Karin bleibt die Luft weg.
„Ohne Umschweife zum Ziel“, stellt sie fest. „Du machst deinem Ruf wirklich alle Ehre.“
„Soll ich etwa um eine Audienz bei dir bitten?“, frage ich. „Beratung für Neu-Lesben, von Frau Karin Sommer.“
Karin fängt schallend an zu lachen.
„Du bist echt unmöglich“, sagt sie mir. „Was also willst du wissen?“
„Alles“, erwidere ich. „Wann du es bemerkt hast, was du fühltest und warum. Und keine Angst, ich will dich nicht anmachen. Weder politisch noch sexuell.“

Die Pause reicht nur zu einem Vorgespräch. Und nach der Schule reden wir weiter.
Ich spüre ein Band und weiß, dass Karin mich versteht. Aber ich empfinde nichts für sie. Außer normalen Gefühlen. Liebe ist anders.
Wir reden täglich, freunden uns an.
Karin taut auf, wird Mitglied meiner kleinen Gruppe.
Plötzlich ist sie akzeptiert und nicht mehr nur schrill.
Natalie freut sich, dass ich noch jemanden zum Reden habe. Über „mein Thema“, wie sie schmunzelt meint.

„Ich war mir nicht sicher“, sagt Karin zu mir. „Es ist schwer in dir zu lesen. Aber anders bist du, das steht fest.“
„Wie ist das mit dir und Männern?“, will ich wissen. „Was empfindest du für sie?“
„Ich hatte zwei Freunde“, erzählt sie mir. „Es war neu, spannend. Aber es war nicht das, was ich wirklich wollte. Dieses Ding, der Penis, ich fühlte mich so reduziert. Und benutzt“, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu. „Das ist mir mit Frauen nie passiert.“
„Ich kann Männer nicht riechen“, sage ich. „Ihr Geruch geht gegen mich, ihr ganzes Verhalten.“
Karin nickt wissend.
„Verhaust du sie aus diesem Grund?“, will sie von mir wissen.
„Ich fange niemals an“, erwidere ich.
„Stimmt“, sagt Karin. „Aber du bist der Grund.“

Karin steht kurz vor dem Abi, ist knapp zwei Jahre älter als ich.
Sie nimmt mich mit in eine Szenebar von der ich noch nie hörte.
Natürlich bin ich etwas aufgeregt, kann mich aber gut beherrschen. Elf Jahre Training hinterlassen Spuren.
Die Mädels sind schrill, laut und manche aggressiv.
„Frischfleisch“, höre ich und verbiege eine Hand, die meinen Hintern fasst.
Gelächter kommt auf, als die Frau schmerzhaft das Gesicht verzieht.
„Wenn hier wer zufasst, werde ich das sein“, höre ich mich sagen. „Ihr habt doch damit kein Problem?“
Clever sein ist anders, aber es hat funktioniert.

Sanfte Augen streicheln meine Seele.
„Hallo“, sagt das Mädchen. „Ich bin Jenny.“
Ich flirte mit ihr, als ob es selbstverständlich wäre.
Auch sie ist älter als ich, was mich nicht stört.
Scheu sein ist anders.
Karin schüttelt immer wieder den Kopf und gibt mir Zeichen.
„Gut machst du das“, soll mir das sagen.
Ich bin dankbar und höre auf mein Gefühl.
Am nächsten Tag schlafe ich mit Jenny.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, erklärt mir Karin in der Schule. „Diesen Weg wirst du für immer gehen.“
Ich fühle mich gut. So gut, wie noch nie. Jennys Küsse brennen auf meinen Lippen.
Es ist nur eine kurze, heftige Affäre. Jenny hilft mir mich zu finden. Aber sie kann mir nicht folgen. Ich bin zu stark für sie.
Karin wird meine zweite, beste Freundin. Das Bindeglied, zu einer anderen Welt. Eine Wegweiserin und Wegbegleiterin. Und das ist sie heute noch.
Wir haben niemals Sex gehabt. Es gab nie ein Verlangen. Unsere Freundschaft ist anders, schwesterlich, pur. Am Sonntag hat sie uns besucht. Mit ihrer Frau und den beiden Mädchen, die alles andere als lesbisch sind.
Regenbogenkriegerinnen unter sich. Freundinnen für immer.

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25 Kommentare zu “Die Lesbe

  1. Auch ich lese gespannt diese Einblicke. Und bin immer wieder von Deiner Präsenz beeindruckt, liebe Mayumi. Du mußt eine von den Wesen sein, die sofort einen Raum beherrschen, wenn sie eintreten. Im positiven Sinne.

    • Mein jüngeres Ich war schon ziemlich krass, das steht außer Frage. Dabei zeige ich lediglich meine Schokoladenseite und bin ganz brav und lieb 🙂

      Und du musst dich nicht für Aussagen entschuldigen. Steh dazu und gut. Ich kann damit. Und zwar gut.

    • Sie war Zeugin, wie ich Mann zu Boden befördert habe. Nie grundlos, aber immer provokativ. Stolz bin ich darauf heute nicht, es war eine andere Welt und Zeit. Und ich sechzehn. 😉

  2. Eine Aufklärende Geschichte. Schön.
    Da war ich beziehungsmäßig aber das genaue Gegenteil. Schüchtern undzwar sowas von.
    Vielleicht schreib ich dadrüber mal was wenn ich Lust hab.

    Ps.: Deine Antworten in meinen Blog sind nie verschwunden. Sie sind nur in der Moderationsliste gelandet. Scheinbar passiert das immer bei einer Antwort auf die Antwort? Ich arbeite dran….

    • Mein Ego war immer schon größer, als meine 162 Zentimeter. Das habe ich auch meinem Vater zu verdanken, der mich lange unterrichtet und sanft gefördert hat.

  3. Also, du hattest den Ruf des „Troublemakers“ in der Schule? 😉 Ich habe mich nur in der Grundschulzeit geprügelt und danach nicht mehr. Dass du sehr stark wirkst, ist mir auch nicht entgangen. 🙂 Aber krass, dass du beim ersten Besuch in der Szene angetoucht wurdest. So etwas ist mir noch nie passiert (bis jetzt). Deine Antwort darauf war echt das Beste!!!

    • Vielleicht ist Troublemaker das falsche Wort. Ich hatte ein sehr selbstbewusstes Auftreten. Das erregte den Widerspruch bei diversen Jungs. Die habe ich dann bewusst provoziert. Wenig mädchenhaft, das gebe ich zu.
      Keine Ahnung warum die Frau mir damals an den Hintern griff. Es hat vermutlich etwas mit meinem exotischen Aussehen zu tun. Seit Kindertagen werde ich angestarrt, oder habe entsprechende Bemerkungen gehört. Stört mich wenig, wer blöd schaut, den starre ich nieder. Klappt immer. 😉

      • Meine asiatischen Freundinnen berichten auch immer, dass sie wie Aliens angestarrt werden, dabei ist Köln ja multikulti. Beim Chinaurlaub wurde ich auch viel angestarrt und andauernd wollten Menschen mit mir Fotos machen. Sie haben Kinder oder ältere Leute immer vorgeschickt, damit ich nicht „nein“ sage. Dadurch bin ich auf ganz vielen Familienfotos von Fremden mit drauf. 😉 Wahrscheinlich hängt das mit meinem ganz anderen Erscheinungsbild zusammen (1,78 m, blond, grüne Augen, blass…).

      • In Japan starrt niemand, wir sind zu höflich dafür.
        Eine Blogfreundin, die schon oft in China war, bestätigt genau das. „Langnasen“ sind in China offenbar noch immer eine kleine Sensation. 😉 In Shanghai fielen wir z. B. überhaupt nicht auf. Wie auch? Nur die Sprache unterscheidet uns.

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