Friede sei mit euch – Von Toleranz und Akzeptanz

Die Demonstration ist vorbei, die Reihen lichten sich. Gegner und Befürworter des umstrittenen Bildungsplans gehen nach Hause.
Dazwischen liegen Stunden geprägt von wenig Toleranz. Meine Mädels beruhigen sich nur mit Mühe, die Provokationen waren fast zuviel. Wir durften Zeuge eines massiven Polizeiaufgebots werden, das am Stuttgarter Schlossplatz eine größere Anzahl von Gegendemonstranten einkesselte und abführte.

Dabei hatte der Morgen so schön und friedlich begonnen. Frühstück der Frauen, mit Spaß und und frohen Gesichtern. Ilka und Amelie waren ebenso da, wie meine Freundin Linda mit ihrer Frau. Und noch ein halbes Dutzend mehr. Friedlich gestimmt machen wir uns auf den Weg und werden schon am Bahnhof Zeuge von Kontrollen. Da wir keine Schilder tragen ernten wir lediglich schräge Blicke, aber die Beamten lassen uns in Ruhe. Wir machen uns auf den Weg zum Marktplatz, noch immer gut gelaunt.

Auffällig viele Menschen sind heute unterwegs, Anhänger beider Lager. Bunte Schals und Plakate weisen die Befürworter des Bildungsplans aus. Alles ist friedlich, so muss das sein.
„Dreckslebsen!“, ertönt plötzlich eine Stimme, der männliches Gelächter folgt.
Eine Gruppe junger Männer macht obszöne Gesten.
Randalierer, das ist sofort klar. Das sind keine Aktivisten.
Ich tausche einen Blick mit Linda. Sie nickt, sie weiß Bescheid.

Die Männer bleiben stehen und versperren uns den Weg. Kapuzenpullis, kurze Haare, Springerstiefel. Alle wirken durchtrainiert und schauen uns herausfordernd an.
„Für Lesben ist der Durchgang gesperrt“, höre ich den Anführer sagen.
Er mag Mitte Zwanzig sein. Boxernase. Ich bin gewarnt.
„Lassen Sie uns bitte durch“, sagt Linda höflich und geht auf ihn zu.
„Sonst was?“, höhnt der Boxer und lässt die Finger knacken. „Aber ich sag dir was Lesbe, du gibst mir ’nen Kuss und ihr dürft vorbei.“
Wieder lachen seine Kumpels und machen Front gegen uns.
Als Polizei auftaucht entspannt sich die Lage. Die Männer spritzen auseinander.
„Das war knapp“, sagt Linda. „Wir müssen aufpassen, die suchen Streit.“

Wir gehen weiter, ernster als zuvor. Immer wieder sehen wir Bekannte.
Die Unterstützung für den Bildungsplan ist hoch. Auch heterosexuelle Familien sind auf unserer Seite. Und es sind überraschend viele.
Unsere Stimmung wird wieder besser, als die Redner kommen.
Vertreter von Landeselternbeirat, Landesschülersprecherbeirat und der Bildungsgewerkschaft GEW sprechen sich für den Bildungsplan aus. Jubel brandet für den schwulen CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann und die grüne Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch auf. Seltene Einigkeit. Aber so ist es gut.

Alles bleibt friedlich.
Wir diskutieren mit den Menschen. Einige Gegner haben zögernd das Gespräch gesucht.
Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern legt ihre Ängste dar.
Yuki geht in die Hocke und lächelt.
„Darf ich den Kindern ein Stück Schokolade geben?“, fragt sie leise.
Die Mutter ist verblüfft und nickt. Ihr Mann will etwas sagen, aber sie schüttelt nur den Kopf.
„Wo kommst du her Tante?“, will das Mädchen wissen. „Du siehst so anders aus.“
„Wir sind in Japan geboren“, erwidert Yuki. Sie deutet auf mich. „Und schau, das da ist meine Ehefrau.“
Ich winke dem blonden Mädchen zu und sie winkt freundlich zurück.
Verständnis kann so einfach sein.

„Sie sind … veheiratet?“, dehnt der Mann und schluckt. Er bemüht sich, das erkenne ich an.
„Mehr oder weniger“, erwidere ich. „Eingetragene Lebenspartnerschaft wird das genannt, mehr lässt das Gesetz nicht zu.“
„Werden Sie auch Kinder haben?“, will er wissen. „Und wie soll das gehen?“
„Sie haben Angst davor, dass wir Kinder für uns gewinnen wollen?“, will ich wissen. „Davor brauchen Sie keine Angst zu haben, die wenigsten Kinder aus gleichgeschlechtlichen Ehen werden jemals homosexuell.“
„Wir wollen uns eigentlich nur informieren“, lässt die Frau uns wissen. „Wir haben keine Probleme mit …“
Sie beißt sich auf die Unterlippe und wird rot.
„Wir sind so normal, wie sie auch“, erkläre ich ihr. „Auch wir wollen nur das Recht auf Liebe. Und wir werben für Toleranz. Umd mehr geht es nicht.“
Der Tag scheint friedlich zu enden, wir haben neue Freunde gewonnen. Und das finde ich gut.

Auf dem Weg zum Bahnhof kommt es zum Eklat.
Scheinbar aus dem Nichts ist der Boxer mit seiner Gruppe wieder da.
„Die Lesben“, sagt er und mustert uns von Kopf bis Fuß. „Na wie wärs, wollt ihr nicht mal richtige Männer sehen?“
„Wenn wir das wollen besuchen wir unsere Eltern“, sage ich.
„Was hast du gesagt Schlitzauge?“, zischt der Boxer.
Drohend macht er einen Schritt auf mich zu.
Aber ich muss nichts tun, Linda ist schneller.

Der Boxer wird abwechselnd rot und blass, als sie zwischen seine Beine greift.
Linda hat Kraft und sie weiß, was sie macht.
„Wenn ich jetzt zudrücke wars das“, sagt sie leise. „Dann bist du nur noch ein Eunuch.“
„Ihr lasst uns besser in Ruhe“, ergreife ich das Wort. „Wir suchen keinen Streit und ihr wollt uns nicht testen.“
Leider bleiben meine Worte ungehört, einer der Männer geht auf mich los.
Ich bin milde gestimmt und stelle ihm lediglich ein Bein.
Er kracht zu Boden und bleibt ächzend liegen.
„Lass es“, warne ich und fühle Yuki hinter mir. Sie passt auf.
Die Männer zögern. Ohne Anführer wissen sie nicht weiter.

„Aufhören“, stöhnt der Boxer in Richtung seiner Leute. Und zu Linda gewandt: „Lass mich los, wir gehen ja schon.“
Sie öffnet die Hand und der Mann atmet tief durch.
Er hilft seinem Kumpel auf die Beine und zögert kurz.
Ich schüttele den Kopf.
„Versuchs nicht“, formen meine Lippen und er versteht.
Wenn es nur immer so einfach wäre.

Linda lädt uns alle ein und es wird noch ein toller Frauenabend.
Aber der Boxer mit seinen Leuten geht uns nicht aus dem Sinn. Der Dialekt war nicht schwäbisch sondern aus dem Osten.
„Rechte Provokateure“, vermutet Linda.
Ich schüttele den Kopf.
„Bezahlte Schläger“, sage ich. „Die machen für einige Euro alles.“
„Und von wem kommt das Geld?“, will Ilka wissen. „Etwa von der NSA?“
Wir müssen trotz des ernsten Themas lachen. Aber wir wissen es nicht.

Was ich weiß und wofür ich stehe: Für mehr Toleranz. Für Aufklärung und gegen Hass. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen.

Ein kurzes Video des SWR zeigt die Demonstration. Wer es sehen mag: KLICK

32 Kommentare zu “Friede sei mit euch – Von Toleranz und Akzeptanz

    • Der SWR hatte schon vor Wochen berichtet, seinen Artikel aber überarbeitet. Auf Druck der Gegner. Die großen Medien schweigen, oder berichten recht einseitig. Was da momentan läuft ist mir suspekt.

      Gefällt mir

  1. Leider helfen bei manchen Leuten solche Gespräche nicht, wenn ich an die Boxertypen denke, wenn die an andere als an auch treffen, sind diese anderen zu bedauern.
    Irgendwann, ganz bestimmt, wird das alles ganz normal für alle sein! Wie für viele jetzt schon.

    Gefällt mir

    • Diese Typen waren gesteuert, davon bin ich überzeugt. Leider können sich nicht alle meine Mädels so gut wehren. Und wir wollen auch nicht mit „Fäusten“ kämpfen, aber wir müssen es leider immer wieder tun.

      Gefällt mir

      • Ich versteh schon, aber es gibt genug ungesteuerte, dieser Idioten, leider.
        Wenn es nur mit Fäusten geht, wenn sie körperlich angegriffen werden, dann ist das so. Schrecklich eigentlich.

        Gefällt mir

  2. Mal von den heftigen Situationen abgesehen, mit denen du offensichtlich umzugehen weißt, finde ich es traurig, wenn man sich mal das Video anschaut, dass es eben gerade junge Menschen sind, die da ohne Scham den Unsinn wiederkäuen, den sie offensichtlich auch noch glauben. Ich verstehe gar nicht, wovon sich die Leute bedroht fühlen. Ich verstand es schon letztes Jahr in Frankreich nicht und jetzt hier bei uns noch viel weniger. Und was die bezahlten Schläger angeht, so finden sich da genügend Quellen, die sie bezahlen. Vielleicht von der NSDAP…achne ähm AfD oder anderen finanzstarken Möchtegern-Politikern.
    Schon traurig, dass jede Mini-Nachricht über Ermittlungsfehler und -probleme tausendmal lieber durch die Nachrichten geht, als eine klare Berichterstattung zu den Plänen, die für mich so selbstverständlich sind, dass ich mich frage, warum so etwas erst beschlossen werden muss. Hätte ich einen Lehrbuchverlag, so wären solche Beispiele längst Gang und Gäbe.

    Gefällt mir

    • Ich schaute auch eben ziemlich entsetzt auf das Video. Die zwei jungen Damen, wissen die eigentlich was sie für ein Unsinn von sich gaben. Und bei dem Herrn, der Liebe als ein Gräuel vor Gott bezeichnete, ich bin fassungslos…
      Ihr lieben Regenbogenkriegerinnen, macht weiter so, ich habe den größten Respekt vor euch. Ich tue hier in lippischer Provinz alles, was in meiner Macht steht, daß Liebe endlich allgemein gültig ist. Und gleichberechtigt.

      Gefällt mir

    • Ich lasse mich nie provozieren, lieber Ben. Aber so ein gestelltes Bein zur rechten Zeit … 😉 Scherz beiseite. Wir wollen vor allem genau jene Jugend erreichen und aufklären. Diese junge Familie von der ich schrieb war tief verunsichert. Sie suchten das Gespräch und haben verstanden. Leider schlug uns aber auch blanker Hass entgegen. Diese Leute haben mein Mitgefühl. Wie sehr müssen sie sich selbst ablehnen, um andere derart zu abzuwerten.

      Die Schläger sind meiner Meinung nach nicht von Rechts gekommen. Aber das kann ich leider nicht beweisen.

      Gefällt mir

      • Sie müssen ja gar nicht selbst rechtsgesinnt sein, um von der AfD „gemietet“ zu werden…
        Jene jungen Leute sind das beste Beispiel dafür, warum wir die Lehrpläne schnellstmöglich abändern müssen, damit diese Dummheit ihnen ausgetrieben wird.

        Gefällt mir

      • Detektiv Ben auf heißer Spur. Die Zeit wird zeigen, wer sie waren. Bis dahin unterrichtet Linda fleißig ihr Wen-Do.

        Ich hoffe, dass Stuttgart Schule macht und endlich ein bunter Ruck durch dieses Land geht.

        Gefällt mir

  3. Da entdeckt man in der Menge Schilder bezüglich christlicher Werte – da musste ich schmunzeln, denn welche Werte sind das? Wenn man hinter die Mauern der Kirche blickt, entdeckt man schnell Dinge, von den man lieber nichts wüsste.
    Bei den Schlägertypen hattet ihr Glück, dass ihr euch wehren könnt.

    Gefällt mir

    • Der Buddhismus ist allen anderen Religionen gegenüber tolerant. Mit christlichen Werten hat diese Demonstration wenig zu tun, die war und ist gesteuert.

      Ich bin mir nicht sicher, was die Typen bezwecken wollten. Aber bei Frauen reicht oft schon ein Stoß, der nicht nur körperlich verletzen kann.

      Gefällt mir

  4. Ich konnte das Video noch nicht sehen, aber was muss dass für ein Scheisstag für die „Boxer“ gewesen sein. Der ganze Weg nach Stuggy und dann gibt es von „Lesben“ aufs Maul bzw auf die Eier. Die Boxernase muss wahrscheinlich erst einmal in Therapie, danach in ein Camp für Männlichkeit. Ich lach‘ mich schlapp. Wenn Du sie das nächste Mal triffst, frag sie doch mal nach Ernst Röhm.

    Gefällt mir

  5. Ein wenig sollte man bei aller Regenbogen- und Gegenregenbogenaktivität auch an die Kinder denken. Denn im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt und somit eine Art Freiheitsentzug vorliegt.
    Hirnphysiologische Gegebenheiten weisen auf die Bedeutung gegengeschlechtlicher Erziehung und damit auf die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit gegengeschlechtlicher Spiegelung für spätere Stressverarbeitung, Bindungsfähigkeit und emotionale Zwischenmenschlichkeit hin.
    [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014]

    Gefällt mir

  6. Kommt Zeit, kommt Toleranz. Bei manchen dauert es einfach etwas länger. Was diese Schlägertypen betrifft: solche gibt es auf jeder Demonstration. Die hoffen nur darauf, in irgendeiner Form Unfrieden stiften zu können. Bei uns in der Schweiz sind die dann meistens noch feige vermummt…arme Würstchen.
    Ihr macht das gut, dranbleiben, informieren, Euer Leben leben!
    Liebe Grüsse
    Charlotte

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s