Deutschland du mein Jammerland

In meinem noch nicht allzu langen Leben habe ich schon viele Menschen getroffen.
Nicht alle waren mit mir kompatibel, nicht alle habe ich gemocht.
Fast allen gemeinsam ist eine Sache, die mich nachdenklich macht, die Unsitte zu jammern, etwas NICHT tun zu wollen, da sie ein Problem sehen.

Wie komme ich darauf, was will ich damit sagen?
Viele Menschen beginnen eine Antwort mit den Worten: „Das Problem ist …“
Und an genau dieser Stelle fange ich an laut zu schreien und möchte die Person am Kragen packen. Auf keinen Fall bin ich daran interessiert etwas über Probleme zu erfahren. Ich möchte eine Amtwort, eine Lösung haben! Das einzige Problem dieser Menschen sind sie selbst und wie sie etwas angehen. Nämlich negativ!
Aber muss das wirklich sein?

Menschen unterscheiden sich in Optimisten und Pessimisten.
Die Optimisten sind lösungsorientiert, Pessimisten sind problemorientiert. Sie haben ihr Gehirn dahingehend progammiert alles nur grau und problematisch zu sehen. Das Essen ist zu heiß und das Glas halb leer. Die Lösung? Essen abkühlen lassen, oder weniger heiß kochen und das Glas nachfüllen. Fertig.

Für den Pessimist ist der Tag dann bereits gelaufen. Er hat das ja alles bereits genau so und nicht anders erwartet.  Der Optimist freut sich über die dampfenden Nudeln, gibt es ihm doch Zeit sein Glas nachzufüllen. Alles ganz einfach, alles kein Problem. Pessimismus verhindert Erfolge und schränkt unsere Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung ein. Was wir alle brauchen sind Visionen, ein klares Ziel. Dann wird auch das scheinbar Unmögliche möglich. Wenn man überzeugt ist, etwas nicht erreichen zu können, dann ist es unerreichbar.

„Das Problem sind meine dicken Oberschenkel“, sagt eine Bekannte zu mir, als sie die tolle Jeans nicht kaufen kann.
„Abnehmen“, sage ich ungerührt. „Treib Sport und iss weniger Süßigkeiten.“
„Aber das Problem sind doch meine Knie“, erwidert sie. „Ich war schon bei so vielen Ärzten …“
„Dein einziges Problem ist dein Übergewicht“, erkläre ich ihr. “ Das belastet deine Gelenke zu sehr. Beweg dich einfach mehr, fang heute damit an.“
Bin ich kalt und herzlos? Nein, ich habe nur die Wahrheit gesagt und sehe Dinge anders.
Sie wiegt locker 20 Kilo zuviel und das aus Liebeskummer. Ein Schutzpanzer aus Fett für die arme Seele und das verwundete Herz. Aber abnehmen will sie nicht. Auch dafür hat sie tausend Gründe.

„Wer etwas will findet Wege, wer etwas nicht will findet Gründe“, lautet ein Zitat. Und das sollte sich bitte jeder auf die Fahne schreiben.
Ich sehe schon die Finger auf mich zeigen und kenne die Fragen bereits.
Ja, auch ich will viele Dinge nicht. Aber ich mache daraus kein Problem.
Als bestes Beispiel dient mein Blog. Über japanische Kochrezepte soll ich schreiben. Oder noch mehr über Japan erzählen, eine ganz Serie aus meiner kleinen Reihe machen.
Kein Ding für mich. Nur habe ich dazu keine Lust. Viele Beiträge entstehen aus dem Bauch, oder beschreiben mein reales Leben, das ich gern ansatzweise mit meinen LeserInnen teile. Viel mehr wird es von mir kaum geben. Mein Widerwille gegen jede von Art von Zwang erwacht sofort, wenn Menschen (scheinbar) etwas von mir fordern. Auch, wenn es nur Bitten sind.

Auch mir sind echte Probleme wohlbekannt. Aber ich gehe sie anders an.
Ein Problem ist für mich ein Gegner. Den gilt es zu besiegen.
Ich muss und werde ihn also analysieren, um seinen Schwachpunkt, die Lösung zu erkennen. Dann erst schlage ich zu, sprich löse das Problem.
Aber was bei anderen Menschen Jahre dauert, mache ich in Minuten, Stunden, Tagen. Dann marschiere ich los und nach vorn.
Wo ist nun das Problem?

Ich soll mich selbst besiegen, höre ich LeserInnen sagen und gegen meinen Widerwillen kämpfen. Aber warum sollte ich das tun? Warum soll ich von meinen Ziel abweichen?
Mein Ziel ist klar, meine Vision ungebrochen. Wer, oder was mich daran hindert, blende ich aus. Klingt hart? Ist aber fair. Und keine Angst, ich bin kein roher Trampel.
Auf meinem Weg gibt es keine Leichen, nur Begegnungen am Straßenrand. Wer mir folgen will darf das gern machen. Nur aufhalten sollte man mich nie.
Hat wer damit ein Problem?

„Ach ich kann das alles nicht“, höre ich viele Menschen sagen und brechen dann in Tränen aus.
„Wenn du wüsstest, was ich schon alles erlebt habe“, jammern andere und laufen stets im Kreis. Freundinnen sind, oder waren unglücklich veliebt, konnten sich aber nicht trennen. „Ich liebe sie / ihn doch so sehr“, ist der Standardspruch. Und da wird mir schlecht. Das sind alles nur Gründe, um etwas nicht zu tun.
Ich helfe anderen gern, ich bin ein Optimist. Aber irgendwann hat auch meine Geduld ein Ende, irgendwann ist es auch mir genug.
Die Bekannte mit dem Liebeskummer hat das bereits gespürt. Als wir sie mieden, hat sie 5 Kilo abgenommen. Aus Kummer, wie sie sagt.  Im Internet sind Dinge weniger kompliziert. Hier kann ich entscheiden, wen ich lese, was und warum. Schon vor Monaten habe nich von einigen Jammerblogs radikal getrennt. Ich konnte das weinerliche Geschreibsel kaum noch ertragen. Egal welchen Rat die Leidenden bekamen, sie schlugen ihn mit Sicherheit aus und flüchteten in ihre bekannte Hölle. Aus purer Angst vor dem unbekannten Himmel nebenan. Ihr einziges Problem: den Hintern zu bewegen und einen kleinen Schritt zu machen! Weg von der negativen Sicht.

„Das ist alles nicht so einfach“, oder „Du stellst dir das so leicht vor! Komm du mal in mein Alter!“, wird mir oft gesagt.
Ich kenne alte Menschen, die anders sind. Die wissen immer einen Rat.
Die Sichtweise dieser Menschen ist heiter. Sie stehen dem Leben positiv gegenüber.
Ich kenne eine im Rollstuhl sitzende Frau, die schon mit mir an der Uni war. Seit einem Verkehrsunfall vor einigen Jahren kann sie ihre Beine kaum noch bewegen.
Früher war sie eine ausgezeichnete Läuferin und in einem Leichtathletikverein aktiv.
Aber diese Frau jammert nicht, das habe ich noch nie von ihr gehört. Stattdessen spielt sie unverzagt Rollstuhl-Basketball und sie ist richtig gut!
Klar hat sie auch so ihre Probleme. Steigungen und Treppen gehören dazu. Aber sie findet immer einen Weg und dreht sich nie im Kreis.
Wenn, dann nur mit dem Rollstuhl und voller Übermut.
Wo also liegt für gesunde Menschen das Problem?

Ein Totschlagargument der besonderen Art ist der subtile Satz „Ich wünsche dir, dass du dich immer frei entscheiden kannst.“
Falls es dem einen oder anderen meiner Leser entgangen ist: Ich bin lesbisch und seit Oktober 2013 mit meiner langjährigen Partnerin verheiratet. Ich habe mich frei für diesen Weg entschieden. Wer glaubt, seine kleinen Problemchen seien mit denen Homosexueller zu vergleichen, der hat mein Mitgefühl. Wir erleben fast täglich Anfeindungen und Homophobie. Dicke Oberschenkel, oder Liebeskummer sind dagegen nur ein Witz. Aber trotzdem bleibt mein Optimismus ungebrochen. Ich sehe meinen Weg und gehe ihn. Ich suche und finde Lösungen, aber jammern werde ich nicht. Mag mir jemand folgen?

Der Philosoph Ludwig Marcuse hat einmal gesagt: Jeder große Pessimismus ist Ablehnung einer Zuversicht. Und damit hat er Recht.

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48 Kommentare zu “Deutschland du mein Jammerland

  1. Es gibt ein Buch „A complaint free world“, das mit einem 21-Tage-Experiment verbunden ist. Du bekommst ein Armband, dass du dir z. B. auf den rechten Arm ziehst. Jedes Mal, wenn du dich über etwas beschwerst oder jammerst, musst du es auf den anderen Arm streifen. Ziel ist es, das Armband 21 Tage auf dem selben Handgelenk zu tragen.

    Ich habe es ausprobiert und war bass erstaunt, wie oft ich mich doch auch beklagte. Ich halte mich für die Glas-voll-Frau, aber ertappte mich bei ganz unbewussten Dingen wie z. B. „Du Idiotin“ zu mir zu sagen, wenn etwas schief ging.

    Diese Zeit (ich habe 43 Tage gebraucht), war sehr lehrreich und lässt mich seitdem viel bewusster auf die Dinge achten, die ich sage oder denke. Und:mein Leben hat sich drastisch verändert. Ins Positive. Mein Sohn und ich haben eine wachsende, liebevolle Eltern-Kind-Beziehung, ich bin selbstständig und werde immer erfolgreicher, ich habe einen wunderbaren Mann an meiner Seite und seine Sohn als zweites Kind, dass ich imer haben wollte, dazu gewonnen. Und und und….

    Ich gebe dir recht, dieses ewiges Gejammer geht mir genauso auf den Keks. Für mich gibt es nur noch Lösungen, keine Probleme. Eher Herausforderungen. Deshalb schreibe ich auch auf meinem Blog die Widrigkeiten des Alltags in kleine humorvolle Anekdötchen um. Man kann die Dinge halt auch von einer anderen Seite betrachten.

    Probiert dieses Experiment doch auch mal aus, es ist spannend.

  2. Liebe Tochter, Du hast Recht. Ich bin selbst bekennender Glas-halbleer-Fan. Ja, ich bewundere die Menschen, die immer wieder aufstehen, den Dreck abschütteln und sagen, dass es weiter geht. Die Menschen, denen immer die Sonne aus dem Hintern scheint. Ich bin so nicht. Ich stimme Dir auch zu, dass die Deutschen in ihrer Gesamtheit ein Glas-halbleer-Volk sind. Wenn ich zum Vergleich US-Amerikaner nehme, die gerne ihre „Yes, we can“ Philosophie raushängen lassen.
    Ich muss allerdings feststellen, dass ich mit meinem Glas-halbleer-Ansatz bisher ganz gut gefahren bin. Ich muss auch feststellen, dass Deutschland als Volk (das klingt jetzt etwas nationalistisch, aber Du wirst wissen, was ich meine, wahrscheinlich wäre Land besser) ganz gut gefahren ist. Ja, die Leute jammern, aber am Ende vom Tag machen sie ihre Arbeit und schließen Dinge ab. Bei vielen Glas-halbvoll-Menschen musste ich feststellen, dass da außer heißer Luft nicht viel ist. Anbei ein sehr interessantes Interview aus der Zeit: „Pessimisten haben Recht und Optimisten haben den Spaß“

    http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/01/interview-wolfgang-schmidbauer-optimisten-pessimisten

    • Lieber Wepapa, ich weiß schon wie du bist. Zum Glück nicht ganz so pessimistisch, wie du dich nun selbst beschreibst.

      Ich denke es ist okay für viele Menschen, wenn sie nicht gleich ultimativen Erfolg erwarten und Dinge langsamer angehen. Primär geht es mir aber um die wirklichen Jammerer, die ALLES, aber auch wirklich alles von der negativen Seite sehen. Das Wetter, egal ob heiß, oder kalt, den Job, das schmutzige Auto.

      Ich gebe dir Recht bezüglich mancher Berufsoptimisten. Das sind nur Clowns, selbst gelacht haben die noch nie. Und doch kann jeder Mensch seinen Beitrag zum eigenen Optimismus leisten. In kleinen Dingen, oder Schritten. Und die führen auch zum Ziel.

      • Die wirklichen Jammerer sind meiner Meinung nach die Menschen, die keine richtigen Probleme haben. Sobald sie richtige Probleme haben entscheidet sich sehr schnell, ob sie entweder realisieren, dass sie bisher alle mit ihrem Jammern genervt haben und ihre Prioritäten wieder in den richtigen Kontext bekommen oder unter der Last zusammen brechen. Zum Glück ist meiner Erfahrung nach meistens ersterer Fall eingetreten und es ist immer wieder faszinierend, wie diese Menschen auf einmal zäh sind und kämpfen können.

  3. Dein Artikel gibt mir den Eindruck, dass Du noch sehr jung bist, noch keine bedrohlichen Lebenskrisen erlebt hast und Du Deine Welt in Schwarz und Weiß einteilst. Ich arbeite ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission in Hamburg und erlebe dort, dass es viele Menschen gibt, die nicht stark sind, die sich mühsam durch das Leben auf der Straße „kämpfen“. Für diese Menschen gibt es viele Gründe, warum sie es nicht schaffen, warum sie trotz allem Optimismus (den es auch unter ihnen gibt) ganz unten sind und bleiben. Bei meiner Arbeit in der BM habe ich gelernt, auch mit mir milder und verständnisvoller umzugehen. Manchmal wollen die Menschen, die „Ja, aber“ sagen, gar keine Lösung sondern erstmal einfach nur mit ihrem Problem angenommen werden. Da reicht dann ein liebes Wort oder ein Umarmung. Das hätte Deiner Freundin sicherlich auch gut getan. Sie auszugrenzen und ihren Gewichtsverlust noch als eigenes Verdienst darzustellen, ist nicht der richtige Weg und hat mMn nichts mit Freundschaft zu tun.

    • Auf einen solchen Einwand habe ich gewartet. Vielen Dank dafür. Ja ich bin erst 30 Jahre jung. Oder schon, oder wie auch immer. Und ja, ich war schon in (lebens)bedrohlichen Situationen und habe sie auf meine Art gemeistert. Wovor sollte ich mich fürchten und warum?

      Ich erlebe meine Welt aktiv und überwiegend positiv. Ich sorge dafür, dass mein Weg ein Ziel hat, oder der Weg zum Ziel wird. Ich kenne Menschen mit Lebenskrisen, die sie oft selbst verschuldet haben. Stichwort: Betrügerische Insolvenz. Statt sich aus dem Sumpf zu befreien, versank die Person im Selbstmitleid. „Ach, was wäre wenn gewesen …“

      Natürlich gibt es immer Gründe, warum ein Mensch dies oder das aus eigener Kraft nicht kann. Dann gilt es um Hilfe zu bitten, oder zu helfen. Aber ich habe bei „armen Menschen“ mehr Optimismus erlebt, als bei so manchen Reichen, die sich um ihre Pfründe scheren und den neuen Porsche und und und …

      Die Bekannte ist ein hoffnungsloser Fall. Glaub mir bitte, wenn ich sage, dass wir uns oft und intensiv um sie gekümmert haben. Wir Mädels gehen da sehr liebevoll miteinander um. Aber ich trete auch bewusst auf Zehen und das kann ich richtig gut! Es scheint gewirkt zu haben, sie nimmt weiter ab 😀

      Du beziehst dich mit deinem Kommentar aber nur auf einen kleinen Teil meiner Worte. Wie siehst du die Welt? Ist ein Glas für dich halb voll, oder leer?

      • Danke für Deine ausführliche Antwort! Ich bin auf jeden Fall ein „Halb-Voll“-Typ, überwiegend optimistisch. Doch auch für mich gibt es Situationen, die ich mit „Ja, aber“ beantworten muss: Beispiel: Ich würde viel lieber in Hannover wohnen, aber so lange mein Vater in einem Pflegeheim in Hamburg lebt, kann ich das nicht. Ich würde auch gerne abnehmen, sportlicher sein, aber da gibt es den inneren Schweinehund, der nicht so leicht zu überwinden ist. Und kennst Du das Gefühl, wenn man einen Brief erhält, von dem man Schlimmes erwartet, vor dem Brief sitzt, die Hände zittern vor Angst und man traut sich nicht ihn zu öffnen? Ist alles ganz einfach: Brief nehmen, aufreißen, lesen, der Inhalt wird einen nicht umbringen. Ja, das stimmt, aber so einfach ist das nicht, wenn man unter Depressionen leidet.
        Ich bin seit vielen Jahren Buddhistin (Theravada). Das hat mir geholfen, mich mit meinen Fehlern anzunehmen. Ich habe gelernt, mir meine Schwächen zu verzeihen. Mein Ziel ist nicht der Optimismus sondern der Innere Frieden. Der Optimismus bringt einen nicht automatisch weiter. Viele Menschen sind enttäuscht vom Leben, haben gekämpft und mangels Erfolg resigniert. Depressionen und andere psychische Krankheiten halten einen in einem „Ja, aber“ gefangen. Ja, man lebt besser, wenn man optimistisch bleibt. Aber so einfach ist das nicht. Und der Druck, immer nur positiv zu denken, hat schon manchen in die Depression getrieben.

      • Auch ich bin Buddisthin, wie meine ganze Familie. Aber es ist Zen-Buddhismus in der Tradition der Samurai. Seit meiner Jugend bin ich anders und erkämpfe mir meinen Weg. Gegen Widerstand und Dummheit, gegen die Gewalt von Mann. Dabei trete ich nicht nur auf Zehen, gewalttätig bin ich aber nicht.

        Depressionen sind mir fremd, Selbstzweifel gehe ich an und überwinde sie. Melancholie kennt jeder Mensch, sie ist auch mir nicht fremd. Aber ich lenke sie, wie im Aikido, in die richtigen Bahnen und verfasse dann ein Gedicht. Und so gehe ich mit meinen ganzen Leben um. Ich habe ein Ziel, analysiere und handele dann.

        Optimistin zu sein sollte natürlich niemals in Druck ausufern, das ist der falsche Weg. Aber selbst wenn ich es einen Tag lang nicht wäre, so gäbe es ein allerliebstes Elfenwesen, das mich zum Lachen bringt: Meine Yuki 🙂

        Und ich freue mich zu hören, dass dein Glas halb voll ist. Prost! 🙂

  4. Wo es jetzt so ernsthaft zugeht, dann noch meinen seriösen Senf dazu:
    – Vieles ist eine Sache der Sichtweise. Ein bisschen lässt sich das lernen.
    – Anderen etwas vorzujammern tut manchmal auch gut. Ich sage das aktuell aus eigener Erfahrung. Der momentane Stress lässt sich besser ertragen, wenn ich einigen auch etwas vorjammern kann. Bedauern oder Mitleid kriegen tut dann gut, vielleicht kriege ich auch ein aufmunterndes Wort mit. Und dann geht es wieder weiter, in die nächste Runde. Ich bin mir bewusst, ich jammere auf hohem Niveau.
    – Es gibt Menschen, da habe ich das Gefühl, die werden unglücklich, wenn es ihnen gut geht. Da ist der Umgang schwierig. Und Bedürfnis nach Distanz legitim.

    • Jeder jammert irgendwann im Leben. Das ist kein Problem. Mir geht es aber um jene abolsut negative Grundeinstellung, die viele Menschen zeigen. Und so sehe ich dich nicht.

  5. Du hast ja schrecklich recht. Es ist so. Die Leute sind hier überwiegend subdepressiv. Es fehlt die Resilienz, die Fähigkeit, mit Veränderungen umgehen zu können, meinte letzthin ein Freund.

    Meines Erachtens ist diese Jammerkultur Ausdruck des in Deutschland vorwiegenden Protestantismus. Es ist diese protestantische Grundhaltung, dass wir als Christen über diese Erde immer im doppelten Leid gehen, wir haben Teil an allem Jammer durch den alle Welt geht und haben zugleich Teil an dem besonderen Kreuzesweg, den der Herr nur die seinen führt. M. E. ist das Ausdruck davon, dass der Protestantismus ja letztendlich u. a. eine Reaktion auf katholische barocke Lebensfreude ist.

    Wobei das Thema ja weitergeht. Wer in der Jammerkultur nicht mitmacht, wird als unernst nicht ernst genommen; es wird unterstellt die erforderliche Reife fehle.

    …… und wie ist es in Japan?

      • Aber diese Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Widrigkeiten mag zwar mehr Würde zeigen, bleibt aber gleichwohl eine Gleichgültigkeit im Sinne der schwäbischen Hausfrau und ihrem „Ha no, des isch halt so!“ Was sich insbesondere bei den jap. Bemühungen der Bewältigung des Unfalls und Störfälle in Fukushima zeigte. Mir persönlich gefällt da das amerikanische „yes we can“ doch am besten. Diesen Refrain aus Bob der Baumeister hat mir bei den eine zeitlang allgegenwärtig dudelnden Kinderkassetten immer gefallen.

      • Shouganai hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, nur mit einer gelasseneren Sicht der Dinge. Das muss man nicht mögen, hilft aber manchmal weiter. In Japan wird wesentlich weniger gejammert, das gehört nicht zum guten Ton.

        Das Problem in Deutschland liegt nicht an den Protestanten, oder Katholiken. Es scheint mir ein deutsches Problem zu sein. Und das fängt bei den Medien an und hört bei der Politik auf. Oder war es umgekehrt? Wer weiß …

        Ich dagegen kann. Und du auch. Wir alle können! Guten Tag 🙂

    • Herrscht in den USA der Protestantismus nicht viel mehr vor als in Deutschland? Da habe ich keine Jammerkultur feststellen können. Ist nicht eher der Calvinismus das Gegenteil der Jammerkultur und Antrieb die Dinge anzupacken und zu einem erfolgreichen Ende zu bringen?

      Habe auch meine Zweifel, ob es außerhalb einer Barockkirsche mit der katholischen Lebensfreude noch soweit her ist. Vielleicht in Limburg 😉

      • Schon richtig erkannt, der amerikanische Protestantismus ist charakteristisch calvinistisch, er hat vor allem die Kirchen im angloamerikanischen Raum nachhaltig geprägt hat und dürfte letztlich Ausgangspunkt oder eine Wurzel des „yes we can“ sein.
        Aber ich teile das Unverständnis, wieso die katholische Kirche nicht den Mut hatte, sich in der Tradition barocker Kirchen zu Limburg zu bekennen.

    • Der Barock ist eine Reaktion auf die Verbissenheiten der Konfessionskriege. Schon rein historisch.

      Die Sicht des Protestantismus ist dann aber auch ein paar…äh, Jahrzehnte überholt. wenn sie überhaupt zutrifft. ich für mein teil, als bewusster und beruflich engagierter Protestant bin bisher wieder einfach noch doppelt im Leid gegangen.

      Wenn deine These stimmte, müssten die Skandinavier (überwiegend lutherisch) noch größere Jammerer sein (oder kommen die Jammer-Lappen aus Finnland? 😉 ) und die Schweizer und Niederländer noch viel stärker, als größtenteils reformiert geprägte Länder (bzw. deren Insassen.)
      Überdies wären die Bayern es dann weniger, weil katholischer?
      Ne, dann schon lieber an Mentalitäten ‚glauben‘.

      Oder national begründete kulturelle Prägungen. Dass die dann irgendwie religiöse Wurzeln haben, lässt sich dann nicht bestreiten.

      • Das sehe ich anders.

        Ein letzter noch: Luther möchte mit seiner Lehre von der totalen Demütigung des Menschen dem Christen einerseits jegliche Allüren in punkto Heilsgeschichte austreiben, er will ihm aber andererseits auch etwas an die Hand geben, damit er durch wahre Frömmigkeit die notwendige Gewissheit erlangt. Insofern muss der Christ jammern und an sich gänzlich verzweifeln, als Zeichen dafür, dass er mit all seinem Vermögen, mit seinem Willen oder seinen Kräften nichts für sein Heil und seine Seligkeit zu erwirken vermag, sondern hierin durch und durch von Gottes Willen abhängig ist. Solange der Mensch noch überzeugt ist, er könne aus sich selbst heraus etwas für seine Seligkeit bewirken, fehlt es ihm nach Luther an der erforderlichen Demut vor Gott.
        …. und sowas ist kulturell prägend! insofern sehe ich es anders.

      • Luther hat in „De servo arbitrio“ bestritten, dass der Mensch in Bezug auf sein Heil keine Wahl hat, sondern dass alles an Gott liegt. (Die Aporien die er sich damit einhandelt, – da führt jetzt zu weit.)

        Ansonsten ist „Frömmigkei“ etwas, was Luther zutiefst verabscheute. Vielleicht haben da seine Epigonen etwas verpfuscht. Außerdem ist es dann doch das Wort von außen, das rettet. Damit gerade nicht die Innerlichkeit wieder die Oberhand bekommt.

        Was bleibt, ist „pecca fortiter“ Nicht gerade eine Hymne ans Jammern.

        „Wenn deine These stimmte, müssten die Skandinavier (überwiegend lutherisch) noch größere Jammerer sein.“ Belege? Die stehen noch aus.

  6. @ theomix

    „Sündige tapfer!“

    Es gibt eine uralte Studie aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts von Max Weber der die höhere Suizidrate bei Protestanten damit erklärte, dass sie mit dieser lutherischen Aussage wegen fehlender Beichtangebote nicht zurecht kämen (übrigens eine der ersten empirisch-analytischen Soziologiestudien überhaupt).

    PS: Mit Skandinavier kenne ich mich nicht aus!

    • Und Bayern? Die jammern weniger? (Außer in Mittel- und Oberfranken.)
      Und Jammern ist die Vorstufe zum Suizid. Na ja.
      Damit du Recht bekommst, suche ich jetzt mal den dumpf-brütenden, suizidgefährdeten Protestanten in mir. :mrgreen:

      • ACHTUNG SARKASMUS: Zahnärzte sollen die am stärksten für Suizid gefährdete Berufsgruppe sein. Ich tippe, dass die in der Mehrzahl Protestanten sind. Am besten skandinavische Protestanten. Mag vielleicht auch mit der Dunkelheit im Winterhalbjahr zu tun haben. Wir sollten auch die Orthodoxen nicht vergessen. Ich meine gelesen zu haben, dass die Lebenserwartung eines russ. Mannes gerade einmal 55 ist, da sich so viele zu Tode saufen. Als russisch-stämmiger, protestantischer Zahnarzt in Skandinavien hat man wahrscheinlich nur ein kurzes Leben vor sich.

      • Wahrscheinlich gibt es gar keine russisch-stämmigen, protestantischen Zahnärzte in Skandinavien – die haben sich schon während ihres Studiums in Wodka oder Badeseen ertränkl.

  7. @Waldstern:
    Das doch ne sehr einfache Deutung von Geschichte. Ich glaube bei Luther hast du was nicht ganz verstanden bzw. nimmst ihn durch eine starke Brille wahr. (Was okay ist, wir alle tragen Brillen. Man muss nur wiessen, welche einem gefällt und man sie deswegen trägt.) Aber egal, was Luther meinte und was er nicht meinte: Er ist nicht Gott, der mit seinen Schriften einen ganzen Kulturkreis geprägt hat. Ich bin überzeugter Lutheraner und erfreue mich an vielen seiner Gedanken, aber soweit würde nicht einmal ich als Überzeugter gehen. Luther ist eine Gestalt des Protestantismus, welcher ein Teil der Menschheit ist. Nicht weniger, nicht mehr. Und der Verweis auf Weber: Ich glaube es ist schwierig, mit soziologischen Ergebnissen zu argumentieren, die so alt sind. Vor allem, da mitlerweile relativ klar ist, dass er vorgefertigten Meinungen über verschiedene Frömmigkeitstypen hatte und mit diesen „neutrale“ Forschungen betrieben hat.
    @nandalya:
    Cooler Artikel. War heut morgen ein guter Start in den Tag.

  8. Dein Problem ist das du nach den Problemen fragst. *fg

    Sofern du die Ursache kennst weshalb der Mensch jammert, geh doch gleich zu Lösung über.
    Jammert o.g. Freundin wegen Liebeskummer, meld sie in einer Singelbörse an. Vor dem Date wird sie schon von ganz allein abnehmen, so past ihr dann auch die schicke Jeans und alle sind Glücklich.

  9. Ich würde unterscheiden, worüber jemand jammert. Kurzer Aufreger sind nicht schlimm und schnell vergessen – man muss ab und an Luft raus lassen. Sich bemitleiden und zig Ausreden suchen, warum man arm dran ist und daran nichts ändern kann – das bringt nichts.
    Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die den Eindruck vermitteln, dass bei ihnen alles perfekt läuft und sie praktisch unfehlbar sind. Das nervt auch, zumal bei näherem Hinsehen schnell durchschaubar ist, dass es nur eine Fassade ist. Ich frage mich, was besser ist. Normale Menschen gibt es ohnehin nicht – für mich gilt jedoch, dass ich mich mit Optimisten umgebe und die Pessimisten eher meide.

    • Wir alle kennen den Moment in dem wir uns Luft machen müssen. Da gebe ich dir Recht. Ich unterscheide auch zwischen wirklich Bedürftigen und notorischen Weinern, deren Glas immer halb leer ist. Wobei genau jene Bedürftigen, die wirklich arm dran sind, meist nicht jammern sondern durchaus optimistisch.

  10. Oh sorry, dann kannst mein Kommentar eigentlich hier weglöschen. Wollte eigentlich rebloggen, aber das hat nicht richtig geklappt. Alles noch ein wenig Neuland, dieses Bloggen… 🙂

  11. Also, deinem Blog folge ich auf jeden Fall schon einmal gerne! 🙂 Kennst du noch die Serie „Ally McBeal“? Lucy Liu hat den anderen in der Serie auch immer ihre ehrliche Meinung ins Gesicht gesagt. Sie war in der Serie echt der Knaller! 😆 Mein Job besteht ja darin, zusammen mit meinen Klienten nach Lösungen zu suchen. 😉

    • Ja, Ally sagt mir was. Mein Job und dein Job unterscheiden sich nicht so stark. Als Unternehmensberaterin analysiere ich Fakten / Zahlen und biete Lösungen an. Als Sensei lehre ich nur, was meine Mädels auch ausführen können und gehe dabei auch auf die Einzelne ein. Aber wehe die heulen rum umd haben „ein Problem!“ Da werde ich zur Teufelin der siebten Hölle! 😀

      • Ich habe es nicht so mit Zahlen. Mathe war nie mein Fach. Für ne 2 im Abi musste ich mich echt anstrengen. 😉 Ich kann es mir bildlich vorstellen, wie du zur Teufelin wirst, wenn jemand rumjammert. 1000 Extraliegestütze usw. 😀

  12. Damit meine ich, dass ich ganz deiner Meinung bin! 😉 Wichtiger als die niederschmetternden Ereignisse selbst, ist der Umgang mit diesen und was man daraus macht.

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