Freundinnen

Wenn Elke an Daniela dachte kribbelte es bei ihr. Selbst heute noch nach mehr als zehn Jahren. Sie hatten sich im Studium kennengelernt. Es war Leidenschaft gewesen und fast die große Liebe. Aber leider nur fast.

Elke biss sich auf die Lippen. Gedankenverloren strich ihre Hand über Danielas Bild.
Das strahlende Lächeln, der intensive Blick ging unter die Haut.
Was mochte aus ihr geworden sein?
Aus dem Kinderzimmer drang der übliche Lärm. Max und Sofie stritten sich wieder.
Elke hatte Frank geheiratet und nicht Daniela. Frank war die sichere Lösung. Kein Gerede, kein Fingerzeigen. Aber auch keine Liebe. Zumindest nicht von ihrer Seite.
Dabei war Frank ein durchaus netter Kerl, sah gut aus und hatte beruflichen Erfolg. Als Liebehaber taugte er nicht viel, aber Elke stöhnte falsch und schwieg. Hauptsache es war schnell vorbei.
Aber etwas war nicht vorbei. Nie. Die Sehnsucht nach Daniela.

Elke hatte heimliche Affairen mit anderen Frauen. Dort holte sie sich das, was sie zu Hause nicht hatte. Aber die Einsamkeit blieb.
Max und Sofie waren schwierige Kinder.
Elkes Leben geriet aus den Fugen. Zuerst war es nur eine Tablette, dann zwei. Beruhigungsmittel, um den Kinderlärm zu ertragen. Und Frank.
Elke wurde süchtig, die Tabletten mehr.
Nach einer Entziehungskur nahm sie Schlaftabletten. Aber auch den Selbstmordversuch überlebte sie.

Danach war alles anders.
Frank kümmerte sich mehr und wollte noch ein Kind. Er hatte nichts verstanden und Elke schwieg.
Die Pille schützte. Nicht immer ist Chemie böse.
Aber Elke ertrug Frank nicht mehr. Seine Stöße trafen sie wie Schläge. Sie starb jeden Tag ein bisschen mehr. Kleine Tode, am Rande ewiger Pein.
Sie verweigerte sich und Frank nahm sie härter.
„Wo bist du?“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.
Danielas Bild verschwamm vor ihren Augen.
Dann kam Frank.

Als Oberkommissarin Daniela Berger am Tatort eintraf bot sich ihr das übliche Bild.
Verstörte Kinder, ein blutender Ehemann und eine völlig verängstige Frau.
Im ersten Augenblick erkannte Daniela sie nicht, dann traf sie die Erinnerung wie eine Ohrfeige.
„Elke? Elke … bist du das?“
Die Angesprochene blickte auf, der Wahnsinn glomm in ihren Augen.
Daniela war mit wenigen Schritten bei ihr.
„Was ist hier passiert?“, wollte sie von den Streifenbeamten wissen, die zuerst eingetroffen waren.

„Der Ehemann hat den Notruf gewählt“, sagte einer der Beamten. „Seine Frau habe ihn angegriffen und …“
„Womit?“
Daniela sah sich um und sah die Nachttischlampe am Boden.
„Raus hier!“, herrschte sie ihre Kollegen an. „Ich will mit der Frau allein sprechen.“
Ohne sich weiter um die Beamten zu kümmern ging setzte sich Daniela neben Elke und nahm ihre Hand.
„Was machst du denn für Sachen, Süße“, flüsterte sie. „Sprich mit mir, sag mir, was hier passiert ist. Bitte!“

Elke erwachte wie aus einem Traum, als Daniela sie berührte. Ein lange vermisstes Glücksgefühl breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Ihr Blick klärte sich und sie sah in Danielas strahlende Augen.
„Du … bist hier!“, stammelte sie fassungslos. „Aber wie …, warum …?“
Daniela strich ihr übers Gesicht und trocknete den Tränenstrom.
„Ich bin erst seit 2 Monaten wieder in der Stadt“, sagte sie. „Davor habe ich in Frankfurt gearbeitet. Weißt du, Jura ist toll. Aber Polizistin zu sein noch besser. Magst du mit mir reden? Ich bin auf deiner Seite.“

Und Elke erzählte. Wie feige sie gewesen war. Von ihrer Ehe, von dem ungeliebten Mann, von den Kindern. Und von den Tabletten.
„Ich ertrage ihn nicht mehr“, flüsterte sie. „Er will immer nur Sex. Jede Nacht! Und noch ein Kind! Ich … ich kann das alles nicht mehr. Hilf mir!“
Daniela holte tief Luft. In ihrer Kehle hatte sich ein Kloß gebildet.
„Warum hast du ihn geschlagen?“, wollte sie wissen. „Hat er Gewalt angewendet?“
Elkes Blick trübte sich, sie sackte in sich zusammmen.
„Er soll aufhören“, murmelte sie. „Nicht …“

Daniela sprang auf.
„Doc!“, rief sie, „Notfall, schaffen Sie ihren Hintern zu mir her!“
Der Gerichtsmediziner stürmte in den Raum und erfasste mit einem Blick die Lage.
„Schock“, stellte er fest. „Die Frau muss ins Krankenhaus, sofort.
Er stutzte kurz und deutete auf einige Verfärbungen an Elkes Armen.
„Es ist noch zu früh, aber gehen Sie mal von Gewalt in der Ehe aus, Frau Berger.“
„Schon gesehen“, sagte Daniela eisig. „Das wird der Kerl bereuen!“

Im Krankenhaus stellten die Ärzte deutliche Spuren von Gewaltanwendung fest. Frank hatte Elke vergewaltigt.
Seine Rechtfertigung war billig, sie habe nicht mehr mit ihm schlafen wollen und er doch das Recht dazu.
Der Rest war Formsache. Es gab keine Strafe für Elke, die bekam Frank.
Elke wurde Notwehr zugesprochen. Aber auch die Kinder. Und davor hatte sie Angst.
Die neue Wohnung war groß, aber ohne Wärme. Dafür ohne Mann. Und das war gut so.
Elke bemühte sich machte eine Therapie und kleine Fortschritte.

Daniela besuchte sie täglich. Sie kam prima mit den Kindern zurecht. Und mit Elke.
Was vor zehn Jahren so unschön endete fing wieder an schön zu werden.
Elke fand zu sich zurück, zu ihrem wahren Selbst. Und zu Daniela.
„Ich war so dumm“, flüsterte Elke in Danielas Armen. „Und feige.“
„Und ich eine Närrin“, erwiderte Daniela. „Ich hätte um dich kämpfen müssen.“
Plötzlich war das Leben einfach, die Kinder nur etwas wilder.
Daniela hatte das im Griff. Locker. Und Max und Sofie waren stolz auf nun zwei Mütter.
Elke und Daniela heiraten ein Jahr später. Freundinnen, Geliebte, Partnerinnen für die Ewigkeit. Und so war es gut.

19 Kommentare zu “Freundinnen

      • Auch ich fand den Text schockierend und schön zugleich. Vor allem aber auch die Erklärung deines hier genutzten Namens – das berührte mich sehr.

        Der jetzige Text riss mich aber genauso vom Hocker. Es ist deine Art zu schreiben.

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    • Dankeschön, liebe moma 🙂

      Solche Kurzgeschichten sind schnell geschrieben. Entstanden aus einem Bild, einer Idee, einem Wort. Dieser Text ist eigentlich nur angerissen, fast möchte man ihn als Exposee bezeichnen. Mehr gibt der Blog nicht her, tiefer ins Schreiben einsteigen mag ich zur Zeit nicht mehr.

      Liebe Grüße zurück 🙂

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