Diagnose: Liebe!

Es ist der Frühherbst 2008. Mir geht es nicht besonders gut. Unruhe hat mich erfasst, ich habe schlecht schlafen. Übernächtigt sitze ich in der Universität. Das ist neu für mich. Freundinnen machen sich Sorgen um mich. Ich winke nur ab. Was wissen die schon von mir? Etwas hat mich mit der Wucht eines Schnellzugs getroffen, etwas dem ich nicht ausweichen kann. Es ist ein Gefühl, das ich nicht kenne, ein Gefühl, das mich nachdenklich macht.

Ich blicke zurück auf mein bisheriges Leben, schaue die Spuren auf meinem Weg. Es war ein wildes Leben. Frech, laut, unangepasst. Lange allein war ich nie. An meiner Seite gab es immer eine Frau. Manche durften mich länger, andere kürzer begleiten. Bereut habe ich Trennungen nie. Immer hatte ich die Kontrolle, immer habe ich bestimmt. Wann es beginnt und wann es endet. Liebe ist ein großes Wort. Ich habe es nie ausgesprochen. Aber ich habe Liebe ausprobiert. Auch mich selbst. Und ich habe mir in der Rolle der Diva gefallen. Sehr sogar. Komm mit mir ins Abenteuerland, Hand in Hand. Ja, ich war da. Nur die wahre Liebe mochte sich nicht zeigen. Sie verbarg sich hinter den Nebeln der Abenddämmerung, tief vergraben im Morgen.

Als Teenager glauben wir an die große Liebe. Dieses absolut große und tolle Gefühl. Wir lernen Menschen kennen, verlieben uns. Beim ersten Mal ist alles toll, aufregend. Bei jeder neuen Liebe ist dieses große Gefühl ein wenig kleiner geworden. Irgendwann lassen wir uns entweder nicht mehr wirklich ein, oder suchen nur noch Abenteuer. Wir zweifeln vielleicht, ob die neue Liebe, die richtige ist, sein kann, sein darf. Wir vergleichen. Äpfel mit Birnen. PatnerIn 1 war so, PartnerIn 2 anders. PartnerIn 3 hatte und PartnerIn 4 konnte … Aber macht das wirklich Sinn? Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch macht auf seine Weise Sinn.

Ich habe mich oft gefragt, ob wir nicht alle ständig auf der Suche nach der großen Liebe sind. Über die(se) Liebe haben schon die alten Poeten geschrieben. Nur, was ist Liebe überhaupt? Als Teenager mit erwachender Sexualität hatte die Liebe für mich noch kein Gesicht und keinen Namen. Ich habe nie vom Märchenprinzen geträumt. Und dass ich Prinzessinnen liebte, wusste ich damals noch nicht. Liebe war also erst einmal ein großes Gefühl in dem ich gebadet habe. Ich wusste instinktiv, da ist so viel mehr im Leben, als Schule, Studium, Arbeit und Sport. Und meine erste Liebe galt keiner Person. Sieht man von der Liebe zu meinen Eltern ab. Meine erste Liebe hieß Karate. Die Liebe zu anderen Menschen musste ich lernen. Stück für Stück.

Im Gegensatz zu all den Zweiflern kannte ich immer meinen Weg. Ich definierte mich niemals über andere Menschen. Und doch war Liebe mehr als nur ein großes Wort. In einer von Gewalt und Kälte geprägten Welt spielt das kleine Glück oft eine große Rolle. Und was liegt näher, als damit die Liebe zu bezeichnen? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!“, heißt es. Viele Menschen machen den Fehler, die eigenen Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte, auf eben jenen Menschen zu übertragen. Ihn so zu sehen, wie es ihnen passt. Das macht wenig Sinn. Es gibt Menschen, die alles hinterfragen und zerreden müssen. Gequält von Selbstzweifeln, Unsicherheit und auch aus purem Egoismus, werden lediglich flüchtige Abenteuer gesucht. Sein Leben teilen? Aber nein! Spaß muss her, Sex in seiner besten Form. Die Liebe leben nur andere. Ist klar.

In gewisser Weise war auch ich eine Spielerin. Mit den Gefühlen anderer gespielt habe ich nie. Aber ich habe mir genommen, was ich wollte. Wirklich geliebt habe ich nie. Eine Buddhistische Weisheit sagt: „In der Liebe heben sich alle Gegensätzlichkeiten des Lebens auf und verlieren sich. Nur in der Liebe sind Einigkeit und Zweisamkeit nicht zu unterscheiden. Nur in der Liebe ist Bewegung und Ruhe in einem. Unser Herz ist immer rastlos, bis es Liebe findet und dann findet es seine Ruhe. Bindung und Freiheit sind sich in der Liebe kein Feind. Denn Liebe ist die größte Freiheit und doch die größte Bindung.“

Im Frühherbst 2008 hat sich die Welt für mich verändert. Auch der letzte Zweifel, alle Unruhe fällt von mir ab. Ohne Ärztin zu sein ist die Diagnose klar. Wann immer ich jetzt an die Liebe denke, hat sie ein Gesicht. Und einen Namen. Yukiko-chan, ich liebe dich!

27 Kommentare zu “Diagnose: Liebe!

  1. “Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!”, heißt es.

    Ich kenne das Zitat anders, und zwar so: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet“.

    Ich mag das buddhistische Zitat über die Liebe.

    Ich wünsche Dir / Euch Beiden gefundenen, in Liebe verbundenen ein schönes Wochenende!

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      • Ihr habt das aber hin bekommen und nur das Zählt! Zwischen meinem Engelchen im hohen Nordosten der Republik und dem Charly in Nordostbayern liegen auch ein paar Kilometerchen, aber die machen wir sehr bald platt. Es wird neue Probleme schaffen, da meine Kinder noch in Nordwest Entfernung irrelevant.
        Es gibt in USA einen Mann, der seine Frau auch gerne bei sich hätte, aber sie ist mal ein paar hundert Kilometer über ihm und mal ein paar tausend Kilometer unter ihm. Das ändert sich auch noch ein paarmal täglich. Dennoch sind sie zusammen, auch wenn sie auf der ISS um die Erde kreist. Also was sind schon Entfernungen. 😀

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      • Wir haben diese Liebe über 2 Jahre und einige hundert Kilometer gehegt und gepflegt. Sie wurde täglich größer. Dann zog ich zu ihr. Da bin ich heute noch 😀 Dir wünsche ich das gleiche Glück. Denn ja, was sind schon ein paar Kilometer? 🙂

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  2. Wunderschöne Geschichte aus eurem Leben.

    Meine erste Partnerin hat mal zu mir gesagt:
    „Liebe ist das einzigste was du nicht logisch berechnen kannst.“
    Anschließend hat sie mich über unseren Mathehausaufgaben geküst
    und es war um mich gesehen….

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  3. Schön geschrieben.
    Nietzsche schrieb: „Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sondern weil wir ans Lieben gewöhnt sind.“ Ich bin am Lesen von Zarathustra, das 2.x nach etwa 40 Jahren, und las gerade über die Liebe. Das Zitat scheint mir zu passen, denn ich schliesse aus diesem und anderen Texten, wie Du das Leben liebst.

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