Gar lustig ist das Studentenleben

Als ich nach dem Abitur zur Uni ging war alles anders. Neue Menschen, neue Eindrücke, ein völlig neues Leben. Und doch zum Teil vertraut. Da ich in Düsseldorf studierte brauchte ich keine Wohnung. Und Geld war nie ein Problem. Ich konnte also ganz entspannt lernen. Aber wilde Partys, ein lustig-lockeres Studenleben, habe ich gemieden. Wozu hätte das gut sein sollen? Ich bin durchaus zielorientiert. Was ich erreichen möchte, das gehe ich ohne Umschweife an. Wenn auch auf meine eigene Weise.

Wer nun glaubt ich habe keinen Spaß gehabt, der irrt sich gewaltig. Aber bei mir kam vor dem Vergnügen immer die Arbeit. Ganz klassisch, habe ich nur am Wochenende Party gemacht. Gute Klausuren waren mein Dank. Auch, wenn ich vielleicht einige Jahre länger studierte. Das lag aber weniger an schlechten Noten. Vielmehr fing ich damals dreimal von vorn an. Psychologie, Germanikstik, BWL. Nun habe ich immer schon viel gelesen und Psychologie hat mir am Anfang Spaß gemacht. Aber all diese Theorie, all diese endlosen Stunden vor Büchern, haben mir die Augen geöffnet. Ich habe analysiert und erkannt, dass das kein Weg zum Erfolg für mich wird. Ich denke anders, als viele Menschen. Eine tiefere Beschäftigung mit Depressionen, Borderline und Narzissmus liegt mir nicht. Das liegt weniger an mangelnder Sensibilität, als an meinem unbedingten Lebenswillen. Und der verbietet mir im Meer der Tränen zu schwimmen.

Schon als Teenager habe ich Haikus geschrieben und viel gelesen. Lust auf Literatur, auf Sprache(n), hatte ich schon immer. Germanistik war also meine zweite Wahl. Wie funktionieren Texte, wie funktioniert Sprache? Das hat mich interessiert. Vor allem neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Die Idee war damals, Journalistin zu werden, oder in die Werbebranche zu gehen. Auch Rundfunk und Fernsehen standen zur Wahl. Aber nach zwei Semestern habe ich wieder aufgehört. Es lag an der engen Vernetzung der Universität mit der Wirtschaft. Plötzlich hatte ich meine Chance erkannt. Vor allem die Chance auf Sicherheit. Und die hat in unserer Familie große Tradidtion. Was lag also näher, als auf BWL zu schwenken. Und genau das habe ich getan.

Vielleicht war es in gewisser Weise auch Neugier, die mich so handeln ließ. Trotz einer zum Teil konservativen Einstellung, bin ich vielen Dingen gegenüber aufgeschlossen. Tradition bedeutet mir viel, aber auch die Veränderung. Wie im Karate, habe ich mich weiterentwickelt. Komplexe Zusammenhänge zu analysieren, war für mich kein Problem. Das mache ich ohnehin den ganzen Tag. Ich analysiere Menschen, Texte, Situationen. Selbst meinen Blog. BWL hat mir dabei geholfen diese Fähigkeit noch zu meistern. Aber Spaß sieht anders aus. Dazu gleich mehr.

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser der Name Miyamoto Musashi ein Begriff. Musashi war der vermutlich beste Samurai aller Zeiten, der perfekte Krieger. Er hat unter anderem die Zweischwerttechnik entwickelt und in seinem Leben jedes Duell gewonnen. Und davon hatte er er sehr viele. Musashi war nach heutigen Maßstäben ein wilder Kerl. Ein Killer, ein Kämpfer. Im Alter von dreizehn Jahren, hatte er sein erstes Duell. Siebzehn Jahre lang zog er durch Japan und forderte die Besten der Besten heraus. Mit Ende Zwanzig war er unschlagbar. Und doch verbrachte er sein ganzes Leben damit, seine Technik weiter zu verbessern. Musashi ist für damalige Verhältnisse sehr alt geworden. Und es war eine Krankheit, die ihn besiegte. Kein Mensch hat das jemals vollbracht.

Musashi hat das mit dem besiegen wohl anders gesehen. Er hat, den Tod vor Augen, sein berühmtes Werk „Das Buch der fünf Ringe“ geschrieben. Dieses Werk hat ihn unsterblich gemacht. Auch wenn sein Name einige Zeit in Vergessenheit geriet, so wurde er letztlich wiederentdeckt. Seine Schüler haben Musashis Tradition und Schwertkunkst bewahrt. Einer davon ist mein Vater. Er beherrscht sowohl Kendo, wie auch klassisches Kenjutsu, die alte Schwertkunst. Was hat das nun mit BWL zu tun? Nun, das Buch der fünf Ringe kenne ich seit ich ein kleines Mädchen bin. Ehrfürchtig habe ich es gelesen. Auch, wenn mir damals noch das tiefe Verständnis für die Zeilen fehlte. Nun muss man wissen, dass dieses Werk für japanische Manager so etwas wie Pflichtlektüre ist. Sein Inhalt macht selbst nach vielen hundert Jahren noch Sinn. Zwar werden in der Neuzeit keine Schwerter mehr benutzt, aber der Überlebenskampf in Wirtschaftsunternehmen hat viel mit Schlachten und Duellen zu tun.

Durch Yukis Eltern, haben wir sehr gute Kontakte in die Automobilbranche. So gut, dass wir nach Ende des Studiums sofort in den Beruf eingestiegen sind. Drei lange Jahre habe ich als Assistentin gearbeitet. Zahlen, Statistiken, Bewertungen, Analysen, das war nun meine Welt. Kaffee gekocht haben andere, dafür hatte ich nicht studiert. Zicke und Biest, hat nicht nur Mann mich genannt. Dabei wusste ich nur, was ich wollte. Und wie Musashi, so bin ich zielorientiert meinen Weg gegangen. Vielleicht weniger rücksichtslos. Aber auch mit weniger Regeln behaftet. In gewisser Weise war Musashi vermutlich eine Art von Ninja. Er hat sich wenig an die klassischen Samurai-Regeln gehalten. Hatte er ein Duell, so kam er absichtlich zu spät. Er provozierte sein Gegenüber damit und konnte seine Kämpfe so gewinnen. Nutzte sein Gegner ein Langschwert, benutzte Musashi ein noch längeres Schwert. Oder er setzte zusätzlich ein Kurzschwert ein. Der Kampf mit zwei Schwertern war den Samurai damals noch unbekannt.

BWL hat mir selbst als Berufsanfängerin viel Geld eingebracht. Aber auch meine Kreativität in einem Maß eingeschränkt, die mich erschreckt hat. Meine Liebe zu Kunst, zu Musik und Literatur, haben mich gerettet. BWL war plötzlich nur noch ein Meilenstein auf meinem Weg zur Perfektion. Ein gewonnenes Duell. Nun brauchte ich einen neuen und noch besseren Gegner. Und im Spiegel sah ich mich selbst. Yuki und ich sind im Herbst 2013 zurück auf die Universität gegangen. Auch sie wollte eine Veränderung. Da wir fast alles gemeinsam machen, war das nur die logische Wahl. Ich werde auch dieses Duell meistern und meinen Weg gehen. Bis zur Perfektion. Und irgendwann werde ich die perfekte Kriegerin sein, ein weiblicher Musashi. Mein Kenjutsu werden Worte sein, meine Katana die Feder. Und über allem wird der Regenbogen leuchten.

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5 Kommentare zu “Gar lustig ist das Studentenleben

  1. Wie soll ich den Schnabel halten, wenn hier so gute Texte stehen, die mich auch noch so sehr ansprechen. 😉
    Sprache: kriegst du hin, eine gute Schreibe.
    Und auch der Inhalt.Spannend. Schwertkampf kann ja auch nicht langweilig sein.

  2. Warum spüre ich in deinen Worten ein inneren Kampf ?

    Das nächste Duell wirst du problemlos gewinnen und auch alle weiteren Duelle.
    Die Perfektion. wirst du damit aber nicht erreichen. Dafür must du erstmal
    den Kampf mit dir selbst führen.

    Versuch mal Meditation. Sitz mal 5-6 Stunden ruhig in der Natur ohne dich zu bewegen.
    Kein Handy, kein Buch, kein Reden, nichts…. nur einfach da Sitzen.
    Das ganze min. ein halbes Jahr lang min. 1 mal die Woche.

    Das ist das Werkzeug.

    • Ich führe niemals innere Kämpfe. Lang anhaltende Zweifel sind mir fremd. Aber in mir ist, wie du mittlerweile weißt, der Drang zu kämpfen. Nie gegen mich, mehr für andere. Damit natürlich zum Teil gegen sie. Der Kampf den du spürtest waren Scharmützel aus grauer Vorzeit. Wenn ich mich für einen Weg entscheide gehe ich ihn bis zum Ende. Aber manche Wege enden in einer Sackgasse. So, wie für mich die Psychologie. Also habe ich „kurz mit mir gekämpft :D“ und einen anderen Weg gewählt.

      Mein Papa hat mir Meditation schon als Kind ans Herz gelegt. Er lebt und praktiziert Zen-Buddhismus sein ganzes Leben lang. Es ist nicht so, dass ich nicht meditieren kann, aber es gibt mir nichts. 5 Stunden ruhig zu sitzen wären 5 verlorene Stunden für mein kreatives Wesen. In dieser Zeit kann ich texten, lesen, oder auch trainieren. Und das ist für mich mein Weg zur Perfektion.

  3. Meditieren gibt dir nie eine direkte Antwort.
    Es hilft dir nur eine Antwort zu erkennen die du dir selbst längst gegeben hast.
    Mach einfach weiter… Irgendwann wirst du vor einer Frage stehen wo du die
    Antwort einfach nicht erkennen kannst.

    Und bis dahin wollen wir von euch wissen wer jetzt Fetter im Bett ist. *Hihi*

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