Journalismus, Mord und Poesie

Das Rauschen im (virtuellen) Blätterwald geht mir seit Jahren auf die Nerven. Gemeint sind nicht die Blätter von Bäumen, das klingt meist wunderschön. Vielmehr sind es die Medien, die ich an den Pranger stelle. Für ihr Schweigen, aber auch für unnötigen Lärm. Gezielt werden wir mit dünnen Fakten bombardiert, mit Mord, Tod und Gewalt. Und natürlich mit solch hochinteressanten Themen wie dem Dschungelcamp. Genüsslich berichten Reporter über (ehemalige) Möchtgern-Prominente und ihren Hang zur Selbstdarstellung. Gierig stürzt sich der Kleingeist auf solche Themen, lenken sie doch vom ungeliebten Alltag ab.

Egal ob nun Syrien, Afghanistan, oder Iran, Mord und Totschlag muss her. Wen interessieren schon die schönen Dinge? So zumindest müssen Reporter und Chefredakteure denken, die uns täglich mit diesem Schmutz besudeln. Ihr Zwang dies zu tun kann nur gesteuert sein. Welcher vernünfitige, liebende und an Kunst interessierte Mensch würde sonst so handeln? Natürlich besteht die Welt nicht nur aus Glück und Harmonie. Schöngeredet wird zuviel auf dieser Welt. Aber wer sich Nachrichten gezielt anschaut, wer eine Zeitung aufmerksam liest, der wird schnell erkennen was ich meine. Negative Schlagzeilen überwiegen. Sie werden uns als meist kommentarloser Einheitsbrei serviert, der schwer verdaulich in unseren Bäuchen liegt.

Und dann gibt es die Witzbolde, die Homophoben und die sarkastischen Schreiberlinge. Die mag ich besonders gern … aufs Korn nehmen. Aktuell ist es ein gewisser David Hugendick von der ZEIT online. Er macht sich über Julia Engelmann Gedanken. Wie, kennt ihr nicht? Doch kennt ihr! Julia Engelmanns youtube-Spot sprengt seit Wochen jeden Rahmen. Die Studentin der Psychologie ist quasi über Nacht mit diesem Beitrag  berühmt geworden. Ihr Poetry-Slam-Text ist beindruckend, in die Tagesschau hat er es nie geschafft. Auch nicht ins heute-Journal. Dafür nun immerhin ins Oberstübchen eines von der ZEIT Gesegneten. Und der findet den wohl nicht so gut.

Der Herr Hugendick hat natürlich Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Und er betreut bei der ZEIT den Schwerpunkt Literatur. Natürlich macht ihn das zum Fachmann, wie alle Germanisten. Aber witzig ist anders werter Herr. Wer sich profilieren muss, der schmiert solche Zeilen an die Wand. Dabei ist Graffiti meist Kunst. Hugendicks Worte nicht. Süffisant macht er sich Gedanken über die Botschaften in Julia Engelmanns Poetry-Slam-Text. Befremdlich wirke es, wenn eine Autorin sich bereits mit 21 Jahren großmütterlich um ihren narrativen Nachlass sorge.

Ich muss zugeben, ich habe bei diesem Satz tief Luft geholt. Er zeigt wieder deutlich, wo Deutschland in Bezug auf Gleichberechtigung steht. Mann bestimmt also nach wie vor. Auch über die Worte und den Bauch von Frau. Klar, ohne seinen Erguss geht es nun mal nicht. Ohne die geistigen Ergüsse von Menschen wie Hugendick schon. Vielleicht sollte er probeweise das Ressort wechseln und über Kommunalpolitik schreiben. Bestimmt fiele ihm auch zur Sanierung von Abwässerkanälen, das eine oder andere sprachliche Glanzstückchen ein. Und es röche dann weniger streng. Auf jeden Fall würde ihm bestimmt ein Durchmarsch gelingen.

„Man sollte ja immerhin über jeden Zwanzigjährigen froh sein, der lieber übernächtigt auf Dächern rumstehe, anstatt von einer Karriere in einer Unternehmensberatung zu träumen“, fabuliert Hugendick. Ich überlege kurz, wo er in diesem Alter war. Aber ich kann es mir denken. Und das liegt am Stallgeruch. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn ebenfalls auf Dächern stehen und unterdrücke den Impuls zu rufen „Spring!“ Das wäre schließlich gemein. Wobei Menschen wie Hugendick immer weich fallen und gut schwimmen können. Allerdings nie gegen den Strom. Menschen wie er suhlen sich im Ätzbrei eigener (Fremd)Worte, die sie im Studium in sich hineingewürgt haben und die sie nun zum Besten geben.

Zu guter Letzt macht er sich Gedanken darüber, ob nicht jede Generation die Massagelyrik bekäme, die sie verdiene. Bei diesem nur als zynisch zu bezeichnenden Auswurf wird mir richtig übel. Ich frage mich ernsthaft, was Hugendick widerfahren sein muss, was ihn so negativ geprägt hat. Da steht eine junge Frau, fast noch ein Mädchen und schenkt uns wundervolle Worte. Und das mit 21 Jahren. Sie denkt, sie dichtet, sorgt sich. Ja, Frauen sorgen sich, das ist ihre Natur. Und lieber benutze ich ihre Worte zur Seelenmassage, als weiter im journalistischen Abfall zu lesen.

Mir graut es davor, wenn Menschen wie Hugendick den ZEITgeist vermitteln wollen. Und der besteht wie immer nur aus Mord, Hass und Gewalt. Nie aus den schönen Dingen des Lebens. Daher muss es ihm ein Bedürfnis gewesen sein, auch Julias Lyrik zu zerreden. Glaubt er wenigstens. Lassen wir ihn in diesem Wahn. Julias Worte sind gewaltig und schön. Hugendicks Artikel nicht. Julias Worte werden die ZEIT überdauern, sie sind soviel mehr als nur „Noch ’n Gedicht.“

16 Kommentare zu “Journalismus, Mord und Poesie

  1. Hm. Ich habe jetzt das Youtube-Video nicht angeschaut (muss ich bei Gelegenheit nachholen), aber den Kommentar gelesen, und ich sehe darin nicht die Frauenfeindlichkeit, die dich so stört. Höchstens eine gewisse Herablassung des Alters gegenüber der Jugend, aber die ist älter als die Schrift. Wahrscheinlich hat sich schon Homo Erectus über die Jugend von heute aufgeregt.

    Dass er ihren Text kritisiert, ist sein Job – der Text ist Literatur, der Mann ist Literaturkritiker. Dass du anderer Meinung bist, ist OK. Dir gefällt der Text, ihm nicht so richtig – na und? Das heißt nicht, dass eine eurer Meinungen besser ist als die andere, erst recht nicht bei etwas so subjektivem wie Kunst. Und ihr habt beide das Recht, diese Meinung zu vertreten. Ohne gleich dem anderen den Selbstmord zu wünschen.

    Das nämlich ist eine Aussage, vor der es mir graut.

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    • Literaturkritik ist eine Sache. Sich über das Lebensgefühl einer ganzen Generation derart zu erheben etwas völlig anderes. Ein Poetry-Slam ist keine Literatur. Und doch Julias Aussagen wertvoller, als sein germanistisch studierter Erguss.

      Selbstmord soll der werte Herr nicht begehen, das hast du falsch verstanden. Vielleicht hätte ich mich deutlicher ausdrücken sollen, als ich ihn vor meinem geistigen Auge in jene Flüssigkeiten springen sah, die durch Kanäle fließen.

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      • Ein Poetry-Slam ist keine Literatur? Ja, was ist Poesie denn dann?

        Ich habe mir das Video jetzt angesehen, und während ich Herrn Hugendicks Einschätzung auch nicht unbedingt teile und finde, dass er den Text an manchen Stellen schlicht falsch verstanden hat, kann ich trotzdem in seinem Artikel nicht die gleiche Aggression finden wie in deinem Blogpost. Ich finde immer noch, dass er das Recht hat, seine Kritik an einem veröffentlichten Text öffentlich zu machen, ohne dafür als Person angegriffen zu werden.

        Was seine Einschätzung der „Jugend von heute“ betrifft: Das ist doch kalter Kaffee. Die „Jugend von heute“ war schon vor zweieinhalbtausend Jahren unambitioniert, ungebildet und uninteressant, sehr zum Leidwesen des armen Sokrates, der Ähnliches äußerte. Im Übrigen merkt Hugendick explizit an, dass nicht nur Leute aus Julia Engelmanns Generation, sondern Leute allen Alters diesen Text gut finden. Wenn, dann meint er also auch seine Generation mit.

        Ich verstehe einfach nicht, warum du dich von ihm so angegriffen fühlst. Er findet einen Text doof, den du gut findest – na und? Er glaubt, daraus eine gesellschaftliche Stimmung ablesen zu können, die du nicht empfindest? Dann bist du entweder eine Minderheit, oder er irrt sich. Auch da wäre er nicht der erste. Ist er so diskursbestimmend, dass man das nur geraderücken kann, indem man ihn persönlich angreift? Gäbe es da nicht lohnendere Ziele?

        Und wenn du seine Aussage so unzutreffend findest: Solltest du dann nicht lieber in der Sache argumentieren und analysieren, wo seine Kritik falsch liegt und warum? Würde das den Diskurs nicht weiter bringen als ihm nur zu unterstellen, dass er keine Ahnung hat und der von ihm besprochene Text sowieso weit über seinem Niveau ist?

        Und noch ein Anstoß: Du wirfst ihm vor, den Text und die Generation der Autorin nur deshalb verrissen zu haben, weil sich Angriff besser verkauft als Lob. In einem Blogbeitrag, der nichts tut als ihn und seine Zunft anzugreifen und zu verreißen…

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      • Ich habe den Grund für meinen Artikel nun mehrfach dargestellt. Ich wiederhole mich ungern, das wirst du sicher verstehen. Du musst lediglich meine Kommentare lesen. Vielen Dank dafür 🙂

        Aber in einer Sache gebe ich dir uneingeschränkt Recht. Ich mag eine Zunft nicht, die lediglich Leid, Mord, Hass und Elend serviert. Steht auch in meinem Artikel. Leider gehst du darauf nicht ein. Und das ist schade.

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  2. Ich sitze hier und kann über deinen Beitrag nur den Kopf schütteln. Ich habe vor ein paar Tagen das Video mit dem Text von Julia Engelmann angehört und ein paar Tage später die Kritik daran von Laura Nunziante (http://wyme.de/das-anagramm-fur-hochkultur-ist-nicht-julia-engelmann/). Ich fand Julia Engelmanns Text einerseits ehrlich und bewegend, aber gleichzeitig auch nicht neu und auch nicht soooo herausragend, wie er von den meisten Leuten derzeit weiterempfohlen wird. Auf deinen Beitrag hin habe ich mir die Kritik von Herrn Hugendick in der ZEIT durchgelesen und rechnete schon mit einer ähnlichen Abrechnung wie der von Laura Nunziante. Aber nein! Herr Hugendick ordnet Julia Engelmanns Text wunderbar treffsicher (und meiner Wahrnehmung nach auch nicht bösartig oder wirklich spöttisch) in den Zeitgeist ein und seine Kritik ist m.E. absolut berechtigt. Rein inhaltlich gesehen ist Hugendicks Text für mich herausragender als der von Julia Engelmann selbst.
    Und die Frauenfeindlichkeit bzw. das ganze Geschlechtergerechtigkeitsthema, das du ansprichst… Das sehe ich so wie 500wörterdiewoche: Ich kann es an keiner Stelle erkennen und finde, du hast dich unnötig reingesteigert. Viele Grüße! Mathilda

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    • Jeder hat eine Meinung und Sichtweise. Vielleicht ging es in meinem Beitrag unter, dass ich die negativ berichtenden Medien insgesamt kritisierte. Hugendicks Verriss kam mir da gerade recht. Der Mann ist Literaturkritiker. Da erwarte ich wirkliche Rezensionen. Und keinen herablassenden Erguss über eine Studentin in einem Poetry-Slam.

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      • Ich würde Hugendicks Artikel auch nicht als „Verriss“ und was“herablassend“ bezeichnen… Mir ist immer noch nicht klar, was dich an ihm speziell so aufregt. Was Medien an sich betrifft…ich habe das in deinem Beitrag schon gelesen, aber dann wird es doch recht schnell konkret und darauf beziehe ich mich auch.

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      • Wir haben offensichtlich ein anderes Verständnis für Worte, ein völlig anderes Sprachgefühl. Konkret ist dieser Satz ein rotes Tuch für mich: „Man sollte ja immerhin über jeden Zwanzigjährigen froh sein, der lieber übernächtigt auf Dächern rumsteht, anstatt von einer Karriere in einer Unternehmensberatung zu träumen.”

        Der Mann sollte seinen Job machen und Bücher kritisieren. Aber vermutlich fürchtet er den Widerstand der Verlage und Autoren, die auch sein Gehalt durch Werbung finanzieren. Julia Engelmann macht das nicht. Sie hatte nur einen Auftritt. Und den fand ich sympathisch und gut. Sie hat damit weder Geld machen wollen noch Aufmerksamkeit gesucht.

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      • Ich fand den Auftritt von.Julia Engelmann auch sympathisch und unterstellen ihr da jaauch gar nicht, Absichten über den Moment hinaus zu haben. Der Schlusssatz von Hugendick war für mich eher zum Schmunzeln, denn ich habe eine ganze Reihe Unternehmensberatungsambitionierter vor Augen und da hat der gute Mann einfach sehr passend verschiedene Lebensentwürfe einander gegenübergestellt 😀

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      • Ich bin den Ambitionierten, wie auch dem Endprodukt begegnet. 😉 Objektiv betrachtet kann Hugendick gut schreiben. Er verschwendet es leider am falschen Objekt. Für mich klingt sein Artikel fast wie ein Manifest gegen (die) Jugend und ein Lebensgefühl. Und gegen Frau. Und da bin ich besonders empfindlich und sehe sehr schnell dunkelrot.

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      • Das ist mir schon klar. Und genau dieses Lebensgefühl geht ihm völlig ab. Darüber würgt er seine Worte. Und ich frage mich warum. Aber das schrieb ich schon. Soll er sich mit Autoren anlegen, wie Reich-Ranicki mit Grass. Nur traut er sich das offenbar nicht. Ich traue mich schon. Sein ZEITgeist wird jeden Monat als Gehalt gezahlt. Das ist sonnenklar.

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