Das Ideal der Einfachheit

Ich habe so meine Probleme mit japanischen Autoren. Vor allem, wenn sie Männer sind. Gleiches gilt für japanische (Horror) Filme und deren oft verstörende Bilder. Asiaten, Japaner denken anders, als Europäer. Gewalt, Tod, Leid, die Geisterwelt, sind oft zentrale Themen ihrer Werke. Ich nehme mich da nicht aus, auch in mir gibt es diese Bilder. Aber es gibt Autoren, die können auch über Liebe schreiben. Haruki Murakami gehört dazu. Mit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, ist ihm erneut ein großes Werk gelungen. Dem Verlag mit der Übersetzung des Titels nicht.

Yuki hat das Buch letztes Jahr in Japan gekauft. Natürlich im Original. Vor einigen Tagen erzählte sie mir aufgeregt, dass es am 10.Januar 2014 auch auf Deutsch erscheinen wird. Unter genau diesem Titel. Nun ist bzw. war es ihr Beruf, japanische Texte ins Deutsche zu übersetzen. Wer nun glaubt, dass das einfach sei, der mag es gern versuchen. Drei Alphabete, Kanji-Zeichen, die verschiedene Bedeutungen haben können, machen das recht schwer. Natürlich wollte ich sofort ihre Version des Titels wissen. Aber Yuki hat nur gelacht. Sie habe keine Idee, wie man den vernünftig übersetzen könne, hat sie gesagt. Von daher passe der gewählte Titel zum Inhalt schon.

Ich habe den Titel analysiert. Spontan störte mich das Wort „farblos.“ Für mich ist es ein Bruch im Satz. Er klingt nicht. Farblos zerstört die Satzmelodie. Auch Yuki ist der gleichen Meinung. Wir stimmen aber darin überein, dass farblos wichtig ist. Das Wort beschreibt, was der Leser von Herrn Tazaki erwarten kann. Und das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Yuki ist ein großer Fan von Haruki Murakami. Sie hat alle seine Bücher. Natürlich muss ich die auch lesen. Bei seinem neuen Werk fiel mir das sehr leicht. Es war frei von voluminösen und abstrakten Bildern, frei von abgehobenen Szenen in einer verrückten Welt.

Vier Jahre war es still um den Autor geworden. Vier Jahre, in denen keine fliegenden Fische vom Himmel regneten und sich zu Imaginationslawinen türmten. Haruki Murakamis Visionen erschaffen opulente Gebilde vor den Augen seiner Leser. Aber sie nehmen ihnen manchmal den Raum für eigene Bilder. Und genau das hat der Autor offenbar erkannt. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ist erfrischend einfach geschrieben. Da gibt es unendlich viel Raum für Leser wie mich. Raum, den ich mit meinen Bildern füllen kann, die der Autor geschickt provoziert.

Mir stellt sich nun die Frage warum Haruki Murakami plötzlich wieder einfach schreibt. Sind ihm die großen Worte ausgegangen? Auf der Strecke geblieben vielleicht, in einem jener Bahnhöfe, die sein Held Tazaki täglich optimiert. Yuki war damals enttäuscht von seinem neuen Buch, sie hatte sich mehr versprochen. Aber nachdem sie tiefer in die Welt des Herrn Tazaki eintauchte, nachdem auch ich einige Kapitel gelesen hatte, reifte langsam etwas in ihr. Und so wenig ich die WELT (online) mag, so begeistert war ich von einem kurzen Satz. „Das Ideal der Einfachheit“ beschreibt Haruki Murakamis neues Werk nüchtern und klar. Zwar ist das nichts anderes, als der Titel eines anderes Werks – Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biografie -, aber er passt einfach perfekt.

Wir werden uns das Buch auch auf Deutsch zu kaufen, was vornehmlich an Ursula Gräfe liegt, Haruki Murakamis grandioser Übersetzerin. Denn die Frau ist einfach gut.

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13 Kommentare zu “Das Ideal der Einfachheit

  1. Dann wäre doch “Die Pilgerjahre des einfachen Herrn Tazaki” ein famoser Titel gewesen. Oder des unscheinbaren. Oder des stillen. Egal, gekauft wird es trotzdem. Vor allem nach der Empfehlung zweier Fachfrauen.

    • Ich achte sehr stark auf Satzmelodien. „Die Pilgerjahre des Herrn Tazaki”, wäre perfekt. Das klingt! Aber ohne „farblos“ passt es einfach nicht. Der Leser glaubt dann an eine spirituelle Reise. Das ist sie auch, aber nicht zu (einem) Gott, oder Buddha. Herr Tazaki pilgert zu sich selbst. Ganz einfach.

      Das Werk erinnert mich an meine Vergleiche mit Hemmingway und ausschmückend schreibenden Autoren. Beides ist gut! Aber einfach ist manchmal besser 😀

  2. Ich finde, dass Übersetzungen immer ein schwieriges Thema sind – egal ob von Büchern, Filmen oder Live-Sendungen. Am extremsten fällt es mir immer im Kino auf, weil bei uns die Filme in Originalton mit Untertitel laufen: da kann ich dann manchmal nur den Kopf schütteln, wie gewisse Aussagen übersetzt werden. *lach* Ich bin dann ja gespannt, ob Ihr mit der gesamten Übersetzung des Buches zufrieden seid.
    Liebe Grüsse
    Charlotte

    • Ursula Gräfe ist eine tolle Übersetzerin! Sie hat schon mehrere seiner Werke übertragen und das immer richtig gut.

      Ich schaue mir mittlerweile (fast!) alle Filme im Original an. Bei Chinesich ist das witzig 😀 Die sprechen dann entweder Mandarin, oder Kantonesisch und es gibt die englischen Untertitel. Ich vermute, dass die grauselig sind. Aber ich kann nur einige Worte Mandarin.

      Schwy­zer­dütsch kann ich übrigens recht gut verstehen und lesen. Ich bin was deutsche Dialekte betrifft sehr sprachbegabt.

  3. Ich lese Bücher ja eigentlich auch lieber im Original, wenn das geht – bei Japanisch ist mir das aber leider nicht möglich. Danke für die Empfehlung einer guten Übersetzerin, dann kann ich demnächst beim Bücherkauf darauf achten!

  4. Er ist für mich unabhängig von Übersetzungen oder Synchronisationen aller Kunst/Schreib/Filmarten (das wäre eine andere Diskussion, aber weil fast jeder es gleich empfindet, eigentlich Zeitverschwendung ;O) ))) ein grandioser Autor Dichter Wortsammler. Er schafft es egal welches Buch, (ähm außer Kafka am Strand) die Sprache in eine bildliche Sinfonie zu bringen, so dass ich nun gespannt bin auf das neue Buch ;O)!

  5. Na, vielleicht greife ich auch einmal dazu. Wie du ja vielleicht noch weißt, habe ich mit „Welt“literatur oft meine Schwierigkeiten … (Obwohl das Lesen von Knutschbüchern momentan doch sehr zurückgegangen ist 😉 )

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