Heimat, die ich meine

Eine Reise durch den Wahnsinn geht zu Ende. Aber diesmal nicht mit 500 PS. Standesgemäß im Toyota. Wir sind zurück und erschöpft falle ich aufs Sofa. Yuki schläft in meinen Armen ein. Ich schaue mich um. Endlich zu Hause. Aber wo ist das? Ich weiß es nicht mehr. Eine nie gekannte Melancholie hat mich erfasst. Mich, die immer positiv denkende, stets lebenbejahende Kämpferin.
Zwei Wochen zuvor …

Wir haben Weihnachten bei meinen Eltern in Düsseldorf gefeiert. Es waren wahrhaft tolle Tage. Sehr japanisch und auch sehr deutsch. Wir haben Familie pur genossen. So viel, wie schon lange nicht mehr. Auch Yukis Eltern waren da. Und wir wieder die kleinen Mädchen. Umhegt, umsorgt, behütet.
Unsere Eltern können miteinander. Tiefer Respekt und Freundschaft prägen diese Beziehung. Dabei könnten vor allem unsere Väter unterschiedlicher nicht sein. Der Philosoph trifft den Rhetoriker.
Worüber die Beiden immer sprechen weiß ich nicht. Aber sie verstehen sich blendend.
Ich habe meine Eltern vermisst. Wie sehr habe ich selbst eine Weile nicht gewusst. Düsseldorf ist immer eine Zeitreise für mich. Heimat.
Das Haus meiner Eltern könnte japanischer nicht sein. Meine Mama hat es mit viel Liebe eingerichtet. Hier habe ich meine Kindheit verbracht, überall schweben die Erinnerungen.
Aber das Haus ist verkauft. Dieses Weihnachten ist auch ein Abschied und nun werde ich doch sentimental.

Familie bedeutet Yuki und mir sehr viel. Da sind wir typisch japanisch. Und wir haben kein deutsches Wort geredet in all der Zeit.
Der Umzug meiner Eltern nach Stuttgart ist beschlossene Sache. Ein passendes Haus bereits gekauft. Ende Januar wird es soweit sein. Dann werde ich mich den fürsorglichen Augen meines Vaters, Lehrers und Mentors nicht mehr entziehen können.
Natürlich hat er Schwächen bei meinen Kanji- und Kampfsport-Kenntnissen festgestellt. Wie könnte es auch anders sein?
In Japan wäre mein Papa ein Großmeister. Er lebt diesen Sport, atmet und denkt ihn. Ich dagegen kämpfe nur.
„Die Philosophie, der Geist des Zen wird auch dich berühren“, hat er mir vor Jahren schon gesagt. „Leere deinen Geist und lass dich erfüllen.“
Aber in meinem Kopf schwirren immer tausend Dinge. Worte, Musik, Fragmente. Chaos pur.
Und ich habe eine neue Marotte: Ohne Schreibblock und Stift gehe ich keinen Meter mehr. Auf diese Weise gehen keine Worte mehr verloren.

In Papas Keller-Dojo üben wir Aikido. Er macht mit mir was er will.
„Konzentrier dich“, sagt er mahnend. „Du kannst das doch viel besser.“
Ich wechsle ins Wing-Chun, in den berühmten alle Sportarten vermischenden Mayumi-Stil.
Yuki schaut interessiert zu.
Mein Papa ist wirklich gut! Er kombiniert Karate mit Aikido. Und das perfekt. Aber diesmal kann er mich nicht schlagen. Ich bin zu schnell. Die Lektion endet unentschieden.
Dann ist Yuki an der Reihe.
Sie gibt sich große Mühe. Immerhin trainiert sie erst seit einigen Jahren. Das Meiste habe ich ihr beigebracht.
Die Unterschiede werden offensichtlich. Da tanzt eine Elfe vor meinen Augen. Spielerisch, leichtfüßig, wunderschön.
Ich sehe den Beiden lächelnd zu, gehe ins Spagat und dehne mich.
Mein Papa liebt Yuki wie eine zweite Tochter.
„Ich kann dich gut verstehen“, hat er mir einmal gesagt. „Sie ist einzigartig. Pass immer gut auf sie auf.“
Und das werde ich.

Es ist unser letzter Tag in Düsseldorf. Ich werde das Haus nicht wiedersehen.
Mein Schwiegervater hält eine seiner berühmten Reden. Auch er freut sich auf seinen Freund. Nur ins Dojo geht er nicht. Da sind die beiden Männer grundverschieden. Fitness findet bei ihm in der Muckibude statt. Und im Kopf.
„Eigentlich könntest du auch meine Tochter sein“, hat er einmal zu mir gesagt.
Er mag meine Texte. Vor allem die Haikus. Meinen Blog kennt er nicht.
Unsere Mütter sind seit Jahren schon eng verbunden. Sie telefonieren täglich und freuen sich auf das neue Haus. Sie sprechen über Möbel, Japan und Kinder. Nicht in der Reihenfolge. Mütter eben.
Irgendwann werde ich unruhig. Nicht immer ist so viel Familie ertragbar.
Yuki feixt. Ich liefere ihr einen erbitterten Kampf mit Sofakissen, unterliege aber lachend.
Unsere Eltern schauen lächelnd zu. Sie haben sich an unsere Eskapaden gewöhnt.

Wir fahren zurück nach Stuttgart und sind dort genau einen Tag. Dann geht es weiter auf eine Reise durch die Republik. Freundinnen wollen besucht werden, die nicht in unserer Nähe wohnen.
München, Mainz und Frankfurt stehen auf dem Programm. Der letzte Besuch ist bei Sabine.
Eigentlich ist es ein Gegenbesuch. Sie ist noch immer glücklich mit ihrer Liebe zu einer Frau.
Da haben sich zwei Menschen gefunden, deren Liebe einzigartig ist. Sabine hat im Herbst den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ist zu ihrer Freundin gezogen. Auch sie hat ihre Heimat gefunden.
Wir unterhalten uns lange, meine Melancholie nimmt zu.
Sabines Tochter lockert die Atmosphäre auf. Die Kleine ist witzig, sehr gut erzogen und sprüht vor Lebensfreude.
„Ich habe jetzt zwei Mamas“, verkündet sie lachend. „Und das finde ich supertoll. Wer kann das schon von sich sagen?“
Wahrheit aus Kindermund. Ich bin gerührt.

Yuki wacht auf und holt mich in die Gegenwart zurück.
„Lass uns ins Bett gehen“, murmelt sie. „Was bin ich froh wieder zu Hause zu sein.“
Aber Zuhause, wo ist das? Ich weiß es nicht mehr.
Japan ist weit und Düsseldorf für immer fern. Wo liegt mein Valinor, wo der Goldene Westen?
Während ich diese Zeilen schreibe läuft Tom Odell im Hintergrund. Immer wieder. „Another Love“, singt er. Und das richtig gut für einen Mann.
Aber ich brauche keine andere Liebe. Die hat mich vor Jahren schon gefunden.
Heimat, die ich meine. Plötzlich weiß ich wieder, wo sie ist: In den Armen meiner Frau.
Ich liebe dich.

37 Kommentare zu “Heimat, die ich meine

  1. Ein guter Beitrag so schön beschrieben von Weihnachten sehr schön ich wünsche dir auch eine schöne Woche hoffentlich gibt es nicht so viel Regen hier in Köln, ist im Moment schlimm liebe Grüße von mir Gislinde

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  2. Meine persönlichen Perlen in diesem Text:
    „Und ich habe eine neue Marotte: Ohne Schreibblock und Stift gehe ich keinen Meter mehr. Auf diese Weise gehen keine Worte mehr verloren.“ (super Vorsatz).

    „Mein Papa liebt Yuki wie eine zweite Tochter.
    “Ich kann dich gut verstehen”, hat er mir einmal gesagt. “Sie ist einzigartig. Pass immer gut auf sie auf.”
    Und das werde ich.“ (Hach…da hab ich Gänsehaut bekommen!).

    “Ich habe jetzt zwei Mamas”, verkündet sie lachend. “Und das finde ich supertoll. Wer kann das schon von sich sagen?” (<3)

    Naja und der letzte Absatz in seiner ganzen Schönheit…solch Liebe kann man sich nur wünschen! 🙂 Haltet sie fest! Ganz fest!

    Knuff dich!

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  3. Ein wunderschöner Text, liebe Mayumi. So persönlich und so bilderinduzierend. Düsseldorf ist für mich immer noch ein wunder Punkt, von dem ich vor nun fast zwei Jahren Abschied nehmen musste. Und es fehlt, wenn es auch für mich nicht die Heimat war, die du beschreibst. Und dein letzter Satz – so oft gehört, so selten gesagt, um so öfter gedacht – treibt mir Tränen in die Augen. Gute, sentimentale Tränen.

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  4. Was für ein schöner stimmungsbeschreibender Bericht.
    Mir gefallen deine beiden letzten Sätze am besten.
    Weil die die absolute Wahrheit sind.
    Heimat ist nicht ein Ort, sondern da wo die Menschen sind die ich liebe.
    Muss nicht für alle Menschen gelten.

    Liebe Grüße an dich und deine Liebste, sina

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    • Du wirst mich nie depressiv sehen. Höchstens wild, zornig. Aber das liest du dann aus dem Text. 😉

      Dankeschön. Ich bin mittlerweile auch bei dir durch den Blog gehuscht und habe fast alles aufgelesen. 😀

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  5. Schön, seid Ihr wohlbehalten wieder zuhause eingetroffen! Und schön, wieder von Dir zu lesen. 🙂
    Das Thema „Heimat“ ist für mich ein fremdes – ich habe an so vielen unterschiedlichen Orten gelebt, dass ich nicht sagen könnte, was Heimat für mich genau bedeutet. Auf jeden Fall fühle ich mich da zuhause, wo ich mich wohlfühle – das ist doch schon mal ein Anfang…
    Herzliche Grüsse
    Charlotte

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