Wenn zwei Mädels shoppen gehen

Wir haben uns schon einige Wochen auf diesen Tag vorbereitet und hart trainiert dafür. Lange Spaziergänge durch Parks und Felder, haben unsere Beine gestählt. Ebenso Kampfsport und ausgedehnte Joggingstunden. Auch unsere Geldbeutel sind gut trainiert, gefüllt mit allerlei buntem Papiergeld. So gerüstet stürzen wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück in den Weihnachtswahn. Ohne Toyota. Dafür mit dem Bus. Kämpfen werden wir hoffentlich nicht müssen. Auch, wenn der Gang durch die Menge durchaus eine Art Kampf sein mag.

Weihnachten bedeutet mir schon immer sehr viel. Und Yuki auch. Trotz unserer japanischen Wurzeln sind wir auch typische Kinder des Westens. Und auch wenn wir (auf dem Papier) Buddhisten sind, so mögen wir diesen Brauch sehr. Ich tauche gern in diese magische Zeit der Besinnung ein. Nur mit dem Kommerz kann ich nicht. Und dem Winterblues der Menschen.

Die Lichter der Großstadt stechen mir in die Augen. Weihnachtlich bunt, grell. Mit allerlei Tand überladene Tannen an jeder Ecke. Schnell sind wir im Weihnachtsstress.
Menschen hasten an uns vorbei. Einigen steht die Verzweiflung im Gesicht geschrieben.
„Die last minute Käufer“, murmele ich und Yuki nickt.
Wir haben unsere Geschenke schon lange gekauft.
„Hey, Karate-Chick!“, dröhnt eine burschikose Stimme an mein Ohr.
Eine Freundin im Tomboy-Look bahnt sich einen Weg durch die Menge und drückt uns die Luft aus den Rippen.
„Na ihr Süßen“, sagt sie. „Was treibt euch in den Wahnsinn?“
„Du, wenn du mich nicht gleich loslässt“, sage ich und kitzele sie frech.
Sie lacht und lässt uns gehen.
„Ich warte auf meine Frau“, verkündet sie. „Sie hatte heute Dienst und wir müssen für ihre Mutter noch ein Geschenk besorgen.“
Wir wünschen ihr viel Spaß und frohe Weihnachten.
„Bis bald im Training“, ruft sie uns nach.

Tapfer marschieren wir durch die Massen. Wie Königinnen fühlen wir uns nicht. Auch, wenn der Straßenname dies gern hätte.
Im Glaspalast der Galeria-Kaufhof lockt reduzierte Unterwäsche. Aber davon haben wir genug. Karierte Schlafanzüge und Söckchen wecken unser Interesse.
„Sexy Look“, haucht Yuki mir neckend ins Ohr. „Darin bist du bestimmt unwiderstehlich.“
Ich werfe mich in Pose. Das Mädel neben uns lacht.
„Mein Freund mag sowas nicht“, sagt sie und ihr Blick verdüstert sich kurz. „Ich kaufe ihn trotzdem. Umtauschen kann ich ihn immer noch.“
„Ja, das solltest du wirklich machen“, erwidere ich.
Sie hat verstanden und presst die Lippen zusammen. Glücklich ist sie nicht.
Die wenigsten Menschen scheinen das momentan zu sein. Ich kann es spüren. Warum das so ist, habe ich nie verstanden. Sollte Weihnachten nicht ein Fest der Freude sein?
Das Mädel hat sich entschieden und strebt zur Kasse. Sie zögert, kommt zurück.
„Danke“, sagt sie mit Tränen in den Augen.
Wieder draußen im Gewühl schaut mich Yuki fragend an.
„Was war das denn?“, will sie wissen. „Glaubst du wirklich, sie trennt sich?“
„Ja“, sage ich. „Sie hat eben eine Entscheidung getroffen.“

Wir bummeln weiter.
Yuki zieht mich in eine Douglas-Filiale.
Nur Minuten später taumeln wir halb betäubt nach draußen und ringen verzweifelt nach Luft.
„Das war keine gute Idee“, sagt Yuki. „Tut mir echt Leid.“
Wir gehen weiter.
„Schon okay, Elfchen“, sage ich. „Ich finde dich auch ohne Parfüm dufte.“
Der saure Duft nach Glühwein beißt in meine Nase.
Yuki würgt.
Mit angehaltenem Atem retten wir uns in ein Juweliergeschäft.
Sofort sind wir von süßen Weihnachtsklängen und dem nicht minder klebrigen Lächeln eines Anzugträgers umgeben. Um unsere Ruhe zu haben spielen wir das Touristenspiel und sprechen Japanisch.
Der Anzug ist verwirrt und fragt auf Deutsch nach unseren Wünschen.
Wir antworten mit absichtlich schlechtem Englisch.
Er versteht uns nicht und wir haben Zeit gewonnen.
In Ruhe schauen wir uns um. Die Preise in dem Laden sprengen unser Budget. Nach 5 Minuten verbeugen wir uns freundlich und gehen. Gekauft haben wir nichts.

Wir beschließen auch weiterhin japanische Touristen zu spielen. Nur die leckeren Zimtwaffeln bestellen wir auf Deutsch.
Ein älteres japanisches Ehepaar spricht uns an. Sie sind aus Tokio und hocherfreut heimische Worte zu hören.
Wir unterhalten uns eine Weile. Sie sind schon zum vierten Mal in Deutschland.
„Ein Vorteil, wenn man Rentner ist“, sagt der Mann.
Ich mustere ihn genauer.
„Ja, ich bin schon 69“, sagt er und lacht.
Die Frau bemerkt die Eheringe an unserer Hand.
Unsere Blicke treffen sich. Sie versteht.
„Meine Nichte lebt in Kalifornien sagt sie leise. „Mit ihrer Frau.“
Der Mann wirkt kurz überrascht und schaut uns abwechselnd an. Dann lächelt er wieder.
„Wir haben leider keine Kinder“, sagt er. „Aber ich wäre stolz darauf solch mutige Töchter zu haben.“
Seine Worte tun mir gut. Und Yuki auch.
Nach einem Abschiedsbild verschwindet das Paar im Weihnachtstrubel.
„Nette Leute“, sagt Yuki. „Schade, dass meine Großeltern nicht so aufgeschlossen sind.“

„Wohin jetzt?“, will ich wissen.
Meine Stimme klingt fremd. Gepresst. Ganz plötzlich ist meine Stimmung auf einem Tiefpunkt angelangt.
Yuki bemerkt es sofort.
„Weg hier“, sagt sie bestimmt. „Wir müssen raus aus diesem Irrsinn.“
Wir retten uns in ein Cafe. Am Fenster und bei heißer Schokolade prallt der Trubel von uns ab. Irgendwie hatten wir uns den Tag anders vorgestellt. Aber auch wir können uns dem allgemeinen Wahnsinn nicht entziehen. Leider.
Zwei angetrunkene Jugendliche taumeln ins Cafe. Älter als Vierzehn sind sie nicht. Sie gröhlen und verlangen nach Bier und Schnaps.
Die Bedienung weist sie ab und auf das Jugendschutzgesetz.
Ich ahne, was nun kommt und eile ihr zu Hilfe. Yuki ist neben mir.
Wir verfrachten die pöbelnden Teenager nach draußen. Dank Aikido kein großes Problem. Einen Tritt in den Hintern bekommen sie von mir noch mit. Das musste einfach sein.
Unter dem Beifall der anderen Gäste gehen wir zu unserem Tisch zurück.
Mein Tag ist gerettet. Yuki verdreht die Augen und lacht.
„Vielen, vielen Dank!“, sagt die Bedienung sichtlich erleichtert. „Wie … wie haben Sie das gemacht?“
„Wir machen Kampfsport“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Kann ich das auch lernen?“, will sie wissen. „Wir haben leider oft Probleme mit solchen Gästen.“
Ich erzähle ihr von Wen-Do und schreibe ihr Lindas Adresse auf.
Wir trinken aus und wollen zahlen. Aber die Bedienung winkt nur ab.
„Geht aufs Haus,“ sagt sie. „Frohe Weihnachten für sie Beide.“

„Wollen wir noch schnell in die Drogerie und dann vielleicht auf unserem Wanderweg spazieren gehen?“, fragt Yuki, als wir zurück im Trubel sind. „Und heute Abend ins Kino?“
„Gute Idee“, erwidere ich. „Und wer weiß, vielleicht treffen wir das Christkind unterwegs.“
Yuki schmiegt sich an mich.
„Da bin ich mir ganz sicher“, sagt sie leise. „Erzähl mir davon, ja?“
Ich überlege kurz.
„Es war einmal …“, fange ich an.

Und 2014 erzähle ich vielleicht in meinem Blog weiter. Fohe Weihnachten, Frieden und einen guten Rutsch ins Jahr 2014. Bis bald ihr da draußen, vergesst mich nicht.

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24 Kommentare zu “Wenn zwei Mädels shoppen gehen

  1. Wie könnten wir dich, die Einblicke in dein Leben und natürlich auch Yuki vergessen? Ich wünsche euch zwei Lieben ein wunderschönes Weihnachtsfest. 😀 fühlt euch lieb umarmt (und nicht so fest).

  2. „In Ruhe schauen wir uns um. Die Preise in dem Laden sprengen unser Budget. Nach 5 Minuten verbeugen wir uns freundlich und gehen. Gekauft haben wir nichts.“
    Wirklich zu gut 🙂 🙂 Frohe Weihnachten und guten Rutsch euch beiden!

  3. Die Trauer von manchen älteren Menschen an Weihnachten kann ich nachvollziehen. Sie fühlen sich noch einsamer als sonst, wenn sie keine Angehörigen mehr haben und feststellen, dass sie an Weihnachten alleine sind, während alle anderen zusammen mit ihren Familien feiern.

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