Liebesbrief an eine Frau

Verrücke Ideen waren schon immer meine Spezialität. Verrückt zu sein muss nicht bedeuten, im Sommer barfuß durch den Regen zu gehen. Das ist eher normal für mich. Aber an die eigene Frau einen Liebesbrief zu schreiben, das ist dann vielleicht doch etwas verrückt. Aber was soll ich machen, ich habe solche Ideen. Diesmal war der Auslöser von ganz besonderer Art. Und darüber möchte ich heute schreiben.

Vor einigen Jahren bin ich auf youtube unter einem Video über den vielleicht romantischsten Eintrag meines Lebens gestolpert. Ein (junger) Mann erklärt der Kontoinhaberin darin, wie sehr er sich Sorgen um sie mache.  Meine weibliche Neugier war sofort geweckt und ich googelte ihr Profil. Sie war eine junge Frau von 21. Eigentlich noch ein Mädchen. Tief verletzt und traurig. Ihre Liebe war zerbrochen und all ihr Leben ohne Sinn. Auf ihrer Webseite schrieb sie sogar von Suizid, was mich besonders traurig machte.

Ihr Name war Anne und sie hatte die vermutlich wundervollste Sammlung von mystischer Musik auf ihrer Seite, die ich jemals gesehen bzw. gehört hatte. In wirklich herzbewegenden Kommentaren offenbarte sich ihr der an Leukämie erkrankte junge Mann. Beide waren Amerikaner, wenn auch aus unterschiedlichen Bundesstaaten. Kennengelernt hatten sie sich offenbar schon vor einer Weile in einem Forum für Fantasy-Geschichten und er war ihr nun auch zu youtube gefolgt.

„Liebe Anne“, schrieb er ihr.

„Wir haben uns noch nie getroffen. Aber wir kennen uns doch schon eine Weile.
Ich habe dir diesen Brief geschrieben und ihn mit einen Umschlag aus Liebe verpackt.
Hab bitte keine Angst, ich will dir kein Leid zufügen. Ich weiß genau, was du durchmachst und wie verletzt du zur Zeit bist.
Du fragst dich, warum du noch weiterleben sollst. Für wen. Wer sich noch für dich interessiert.
Liebe Anne, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen: ich interessiere mich für dich! Gib bitte nicht auf, hörst du?
Wirf dein kostbares Leben nicht weg. Halte durch! Für mich!
Ich kämpfe seit 5 Jahren um mein Leben und kenne alle Höhen und Tiefen dieser Welt. Ich bin zur Zeit im Krankenhaus und werde im Dezember entlassen.
Wie du weißt, habe ich Leukämie und kann nicht geheilt werden. Aber ich schaue nach vorn. Zu dir. Wirst du auf mich warten? Bitte!
Lass mich dich treffen, wenn die Zeit gekommen ist. Lass mich dir die Schönheit dieser Welt zeigen. Magst du sie nicht durch meine Augen sehen?

In Liebe

Jeff

Obwohl ich nicht so leicht in rührselige Stimmung zu versetzen bin, schossen mir die Tränen in die Augen. Dieser kleine Liebesbrief war vor zwei Jahren im September 2011 geschrieben worden. Anne hatte ihm einige Tage später geantworet.

„Lieber Jeff,

ich schaue immer wieder auf deinen Brief. Nie zuvor habe ich einen Umschlag wie diesen gesehen. Und doch ist er vertraut. Ich fürchte mich davor ihn zu öffnen. Etwas tief in mir warnt mich vor der Gefahr. Und dann ist da diese andere Stimme. Sie sagt mir ich müsse mich nicht fürchten. Ich schaue auf dein Bild und frage mich, ob in diesem Brief nicht Antworten liegen. Jene Antworten, die ich so sehr ersehne und brauche. Ich frage mich immer wieder, ob ich ihn öffnen soll.

Liebe Grüße

Anne

Ich musste tief Luft holen. Mach ihn auf, wollte ich rufen, aber die Vergangenheit ändern kann ich nicht.

Anne hat den Brief dann doch geöffnet. Symbolisch. Ihre und Jeffs Korrespondenz blieb auch weiter öffentlich. Und aus dem traurigen Mädchen wurde plötzlich eine wundervolle Frau. Auf ihrer Homepage war dann nachzulesen, wie sie Jeff getroffen hatte. Bilder, die Freunde gemacht hatten, zeigten zwei glückliche Menschen. Aus Unbekannten waren Freunde geworden. Annes youtube-Kanal und ihre Webseite gehörte 2 Jahre lang zu meinen regelmäßig besuchten Favoriten. Jeff hat es mit seinem Lebenswillen geschafft Anne das Leben zu retten. Selbst überlebt hat er leider nicht. Er ist vor einer Woche im Alter von 24 Jahren gestorben. Anne hat gestern ihren youtube-Kanal gelöscht. Auf ihrer mittlerweile ebenfalls gelöschten Webseite schrieb sie, was ihr Jeff bedeutet hatte. Und wie sehr er sie beinflusst hat. Und dass sie niemals wieder an Selbstmord denken wird.
„Wenn die Zeit gekommen ist, werde wir uns wiedersehen“, waren ihre letzten Worte. „Bis dahin lebe ich. Durch dich.“

Gestern Abend, als Yuki in der Küche war griff ich zu einem Blatt Papier und schrieb 愛してる。darauf. Ich steckte es in einen Umschlag und rief nach ihr.
„Ein Brief? Für mich?“
Ich nickte und strahlte sie an.
„Was steht drin?“ wollte Yuki wissen.
„Mach halt auf“, erwiderte ich.
„Du bist doof“, kam der übliche Kommentar.
Vorsichtig öffnete sie den Brief, man kann einen Umschlag ja mehrfach verwenden.
„Ich liebe dich auch“, sagte sie dann und fiel mir um den Hals.

Vielleicht sollte ich meiner Frau öfter solche Briefe schreiben. Denn ohne sie kann ich auch nicht leben.

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26 Kommentare zu “Liebesbrief an eine Frau

  1. Das ist mal wieder so eine Sache, bei der ich mehrfach den Kommentar anfange, weil die Worte einfach nicht so klingen, wie ich es fühle…was für ein Glück, dass sich diese zwei Menschen fanden. 🙂

  2. Meine Worte sind erschöpft für heute. Ich bringe nur ein rührseliges „wunderschön“ zustande, wische mir symbolisch das Tränchen aus dem Augenwinkel und ziehe mich jetzt in meine stille Ecke zurück. Danke fürs Teilhabenlassen.

  3. Oh vielen Dank für dieses teilnehmen lassen. Mir fehlen auch grad die Worte. Danke für diesen Post. Das tut gut. Leider sind ja viele Neuigkeiten negativ. Aber dieser Bericht zeigt die Menschlichkeit… und das tut unendlich gut. Und zu dir. Toll dass du deiner Liebsten einen Brief geschrieben hast. Ich mag so was ja total gerne. Meine Freundin hat noch kleine Briefchen die schon über 20 Jahre alt sind. Ich habe ich einmal einen Korb gemacht mit Butterbroten als sie auf Reise musste für unterwegs. Da habe ich bei jedem verpackten Brot oder Getränk einen kleinen Zettel dazu gelegt. Zwischendurch machen wir das auch immer wieder mal;-)
    Liebe Grüsse und danke für das teilen hiervon. moma

    • Wir haben unsere kleinen Liebesbeweise. Selbst Yukis „Du bist doof“, was sie gern sagt. Es ist eben das WIE, das lustige aufblitzen ihrer Augen dabei. Die Idee mit dem Brief spukte schon vage durch meinen Kopf. Der Auslöser war dann wirklich Annes letzter Satz und die Erinnerung an Jeffs „Brief.“

  4. Das ist wirklich ein besonders schöner Eintrag. Wir brauchen immer wieder etwas fürs Herz, gerade dann, wenn die Welt so verrückt spielt, wie gerade jetzt.
    Danke, nandalya ♥

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