Unser Leben im Schrank

Bei Lesben und Schwulen wird oft vom sogenannten „Coming Out“ gesprochen, wenn sie sich Freunden und Familie offenbaren. Gemeint ist damit, dass sie bisher quasi in einem Schrank / Closet gelebt haben. Ihr wahres Ich, ihre Gefühle waren der Welt verborgen. Aber leben wirklich nur Homosexuelle in eben diesem Schrank? Die amerikanische LGBT-Aktivistin Ash Beckham sieht das anders. Sie sagt, und ich stimme ihr zu, dass wir alle unsere Geheimnisse haben.

Vielleicht sind es oft nur Kleinigkeiten über die wir schweigen. Aber es kann auch ein Hirntumor, oder der verlorene Arbeitsplatz sein. Ash spricht von emotionalem Stress, den dieses Schweigen in uns auslöst. Menschen leiden unter diesem Stress. Und Stress macht bekanntlich krank. Von Bluthochdruck über Panikattacken bis hin zur Depression ist alles vertreten. Muss das wirklich sein? Wie Ash sage ich NEIN!

Wenn wir ein (scheinbares) Problem mit uns tragen, sollten wir nach einer Lösung suchen. Und warum suchen wir diese Lösung nicht gemeinsam? Warum verbergen wir ein Geheimnis vor anderen Menschen? Die Antwort ist recht einfach: Damit wir so sind, wie sie es sich wünschen. An dieser Stelle möchte ich meinen LeserInnen Zeit zum Nachdenken geben und die Frage stellen: In welchem Schrank lebst du und warum? Wenn wir ehrlich zu anderen Menschen sind, werden sie ehrlich zu uns sein. Warum soll ich so sein, wie andere Menschen es von mir erwarten? Ich habe meine eigene Geschichte, mein eigenes Leben.

Ash sagt: Coming Outs sind hart. Und damit meint sie alle Coming Outs dieser Welt. Es gibt keine hart und härter. Nur die Frage, ob ich 10 Minuten, 10 Jahre, oder für mein ganzes Leben im Schrank bleiben will. Und ein Schrank ist kein Platz zum leben. Ohne Ash zu kennen, ohne viel über das lesbische Leben zu wissen, bin ich als Teenager aus dem Schrank gekommen. Für mich, als ehrlichen Mensch, war das recht einfach. Ich konnte mit meinen Eltern immer über alles reden und habe das auch immer getan. Unbewusst habe ich so Stress vermieden. Natürlich habe ich meinen armen Eltern damit eine harte Zeit beschert. Aber sie ahnten es ohnehin und dankten mir im Nachhinein für meine Ehrlichkeit. Sie haben es akzeptiert. Nicht sofort. Aber ohne mir Stress zu machen.

Ash war früher eine militante Lesbe. Zu der Sorte gehörte ich nie. Ich bin mehr eine fraulich aussehende Feministin, die ihre Argumente recht schlagkräftig durchsetzen kann. Das nur als Scherz am Rande bemerkt. Aber manchmal müssen wir nicht kämpfen. Ash erzählt in ihrer famosen Rede, wie sie als Bedienung mit kurzen Haaren und einem männlichen Look, diesem vierjährigen Mädchen gegenübrstand. Einem Kind, das in aller Unschuld fragte: „Are you a Boy or a Girl?“ Ein kleines Mädchen in einem rosa Kleid. Keine wirkliche Gegenerin für eine so kampferprobte Lesbe.

Ash hatte verstanden, dass sie gegen dieses Kind nicht kämpfen musste. Sie sagte wörtlich: „Hey, I know it’s kind of confusing. My hair is short like a boys and I wear boys clothes but I am a girl. You know how sometimes you like to wear a pink dress and sometimes you like to wear your comfy jammies. Well I’m more of a comfy jammies kind of girl.“
Das Mädchen habe sie angeschaut, sagte Ash und dann erwidert: „My favourite pajamas are purple with fish. Can i get a kid’s pancake please?“

Muss ich zu dieser Szene mehr sagen? Das Kind hatte seine Information, es teilte seine und ging zur Tagesordnung über. So einfach kann ein „Coming Out“ sein. Ohne Stress. Ash Beckham’s Rede findet sich HIER

Und wann kommst DU aus dem Schank?

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12 Kommentare zu “Unser Leben im Schrank

  1. Die andere Seite gehört aber auch dazu: Wenn Leute aus ihrem Schrank kommen, egal was für ein Schrank das war, sollten wir sie nicht zurückdrängen und die Tür zuhalten, sondern ihnen heraushelfen, zuhören und sie akzeptieren. Es ist super, dass deine Eltern so gut reagiert haben, aber leider habe ich auch schon eine Menge Geschichten von Leuten gehört, deren Eltern oder Freunde überhaupt nicht klarkamen. Sowas macht mich jedes Mal traurig.

    • Ich wünschte mir die Unbekümmertheit dieses kleinen Mädchens bei allen Menschen. Es geht auch nicht nur um das LGBT-Thema. Andersdenkende werden gern abgelehnt. Aber oft glaubt man auch nur, auf Ablehnung zu treffen. Und leidet dann.

      Ich kenne auch viele Geschichten. Einiges habe ich schon in meinen Texten verwendet. Ich versuche Normalität zu vermitteln. Normalität ist das Zauberwort. Nicht schrille Umzüge, keine Gewalt.

  2. Good stuff. We don’t just keep skeletons in our „closets“. We keep stuff we don’t feel like wearing at the moment. Above and beyond sexual preference, it is unnatural to NOT have a closet. You never shine with all your facets at any given time, no precious jewel can do that. So much is situational or seasonal, and we are far more in total than we can be at any given moment.

    • I get your point, Jeff. And some little secrets should be allowed to stay inside. But not if one would suffer of it the whole life. And i am not talking about LGBT right now. Actually what Ash was talking about should run like some fire signal around the world and open up peoples eyes.

      • Yes, I just watched Ash’s talk. Very insightful. I like how she characterizes a closet as „a hard conversation.“ Thanks for including that link. It is easy to see how we can suffer against the energy of trying to be someone we are not, and those closets are conversations with the world–and ourselves–that we need to have.

  3. Ist eine schöne Geschichte von dem Mäutchen,aber man muss in der Gesellschaft noch mehr machen.Wünsche dir einen schönen Tag und einen schönen erden Advent liebe Grüße Gislinde

  4. Da wir ja scheinbar ganz viele Schränke um uns haben, bin ich mir nicht sicher, ob ich alle Schränke verlassen kann. Die Situation zwischen Ash und dem Mädchen zeigt, wie viel Einfluss die Sozialisation schon auf ein kleines Kind hat, aber anders als Erwachsene scheinen Kinder noch flexibler und offener ihren Denkmustern gegenüberzustehen.

    • Kinder denken anders. Sie mögen sich oder eben nicht. Das starre Denken, wird ihnen von Erwachsenen vermittelt, die das wieder von ihren Eltern haben. Ein endloser Prozess, den es zu durchbrechen gilt.

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