Starke Frauen: Erinnerung an Doris Lessing

Es gibt Nachrichten, die betroffen machen, die so hart und tief treffen, wie ein Pfeil. Eine solche Nachricht habe ich heute bekommen: Die Schriftstellerin Doris Lessing ist tot. Der Name wird vielleicht nicht jedem Leser etwas sagen. Frauen und Feministinnen vermutlich schon. Ich will an dieser Stelle keinen Nachruf halten, das hat der SPIEGEL schon getan. Und das richtig gut. Ich möchte lediglich über mein Verhältnis zu der großen alten Dame erzählen, was sie mir bedeutet hat.

Ich war 19 Jahre alt. Das Abi war bestanden und ich hatte Zeit. Zeit für mich und die Welt, die mir natürlich nun offen stand. Und da auch ein Alphamädchen nicht immer nur Party macht, habe ich mich in Büchern vergraben. Damals begann ich auf feministischen Pfaden zu wandeln. Was lag also näher, als über Doris Lessing zu stolpern und staunend, ja fast ehrfürchtig zu ihr aufzusehen. Das goldene Notizbuch habe ich verschlungen und immer wieder darin gelesen. Doris Lessing hat mich nicht geprägt. Aber sie hat mir ihre Sicht der Dinge gezeigt.

Nein ich habe nicht alle Werke von Doris Lessing gelesen. Aber was ich las, hat mich bewegt. Ihre Worte waren Tritte in meinen Hintern. Damals begann ich meinen ersten Roman zu schreiben. Ein aus heutiger Sicht wirres Gestammel über Frauenliebe im 19. Jahrhundert. Vermutlich habe ich aus allen mir damals bekannten Werken mehr oder weniger abgekupfert und neu interpretiert. Aber es waren doch meine Worte. Veröffentlicht habe ich sie nicht. Doris Lessing hat mich nicht zum Schreiben gebracht. Aber sie hat meinem rebellischen Geist Nahrung gegeben. Und dafür danke ich ihr.

Sie sei nur Teil des Zeitgeistes gewesen, sagte Doris Lessing. Ehrungen mochte sie eigentlich nicht. Den Nobelpreis für Literatur dann schon. Sie erhielt ihn im Jahr 2008 im Alter von 88 Jahren. „Den Nobelpreis kann man niemandem verleihen, der tot ist, also haben sie sich wahrscheinlich gedacht, die geben ihn mir, bevor ich abkratze.“, sagte sie. Ich war damals stolz auf meine Heldin. Und auch stolz darauf, eine Frau zu sein.

Doris Lessing wollte nicht Teil der Frauenbewegung sein, die die Autorin gern für sich vereinnahmte. Das hat die Feministinnen wenig gestört. Und mich ebenfalls nicht. Ihr zum Teil schroffes Auftreten, ihre Eigenwilligkeit sprach mich an. Das war ich, darin erkannte ich mich wieder. Auch wenn ich vermutlich nie den Literaturnobelpreis bekommen werde, mit dem Schreiben aufhören werde ich niemals mehr.

Ich möchte an dieser Stelle mit einem Zitat der griechischen Dichterin Sappho Abschied nehmen:

„Manch eine wird, das sage ich, in künftigen Zeiten an uns denken.“

An Doris Lessing werde ich mich immer gern erinnern.

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15 Kommentare zu “Starke Frauen: Erinnerung an Doris Lessing

  1. Ich erfuhr es gestern abend, und sofort suchte ich nach ihren Worten – ich kannte sie, hatte sie aber nie gelesen. Erinnern, erinnern, das ist wichtig und schön. Danke für deinen sie würdigenden Beitrag und den Einblick in deine Schreib-Geschichte! Du erstaunst (auch mich) immer wieder.
    Liebe Grüße

    • Ich staune oft über mich selbst, liebe Momo 😉

      Doris Lessing hat mich vermutlich ebenso tief beeindruckt, wie ein Michael Ende oder J.R.R. Tolkien es getan haben. Jede/r auf seine / ihre Weise. Und da gibt es noch mehr.

  2. Ein schöner Nachruf, der keiner sein will 😉 und wer weiß, womöglich wird in vielen (wirklich ewig vielen) Jahrzehnten mal jemand einen solchen Eintrag über eine japanisch-deutsche Schriftstellerin veröffentlichen, die zu Beginn ihrer Karriere gar nicht glaubte, eine Autorin zu werden. 😀

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