Das letzte Wort heißt Anfang

Das letzte Wort ist geschrieben. Stille kehrt ein. Das letzte Wort heißt ENDE. Zufrieden steht der Autor auf. Ein weiteres Meisterwerk aus seiner Hand. Hand? Nein. 42 Jahre lang war es eine Triumph-Adler Schreibmaschine. Zigfach repariert, unzählige Male gewartet, verrichtete sie treu den Dienst. Bis zu diesem Tag. ENDE steht unter dem letzten Manuskript. Der Autor wird keine weiteren Bücher mehr schreiben. Er ist alt geworden. Alt und müde. Wehmütig streicht er ein letztes Mal über das graue Gehäuse. Ein Abschied für immer.

Samtschwarz kommt die Nacht. Aber es gibt kein Morgen mehr. Vergebens wartet die alte Schreibmaschine. Die Tage vergehen, werden zu Wochen. Sie hofft, bangt. Aber der Autor kommt nicht mehr. Er ist vor wenigen Tagen im Krankenhaus gestorben. Stattdessen kommen Andere. Gierige Finger wühlen, die Schreibmaschine landet im Müll. Regen fällt. Sie leidet. Grobe Männer verletzen sie. Begraben unter allerlei Buntem will sie sterben.

Weiche Hände. Ein Wunder! Jauchzend steht das Mädchen vor dem Altmetall.
„Die will ich haben, Papa! Die und keine andere!“
Kundige Hände zerlegen, reparieren. Dann ist es geschafft.
Fröhlich schaut das Mädchen die Maschine an. Sanft spannt sie ein Blatt ein. Noch ist es leer, unbeschrieben. Die Schreibmaschine erwacht. Das erste Wort ist geschrieben. Es heißt Anfang.

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29 Kommentare zu “Das letzte Wort heißt Anfang

  1. Liebe Nandalya,
    da du dich inspirieren ließest,
    werden wir es durch dich!
    Ich genieße deine Beitraege, diese Frische, Direktheit, Klarheit,
    Aufrichtigkeit und… Phantasie! 🙂

  2. Ich habe sogar eine Reiseschreibmaschine, die ich wohl aber nie auf Reisen mitnehmen werde, außer es wird eine Reise sein, bei der ich keinen Zugriff auf Strom haben werde. Aber das laute Pläng der Tasten regt einen immer wieder an, ein leeres Blatt mit Buchstaben zu füllen. 😀

  3. …schöner blogeintrag♥…

    Ich wünsche Dir einen friedlichen Abend und ein super start ins wochenende 🙂 liebe grüße von mir an dich….Laura♥

  4. Mein Großvater war Redakteur einer großen Zeitung und tippte lange Texte mit einer alten Schreibmaschine. Ich durfte manchmal auf ihr „spielen“ – die Tasten waren so hoch, man musste sie mit viel Kraft runter drücken. Tja, wo sie jetzt ist – keine Ahnung…, es war ein schickes altes Teil und wurde irgendwann durch eine elektrische eingetauscht.

  5. Mir zitterten die Hände, als ich den Text las. Zwar bin ich nicht weitsichtig, doch habe ich mich trotzdem so nah zum Bildschrim gebeugt, dass ich das Gefühl bekam, die digitalen Lettern würden mein emotionales Zentrum für Trauer und Angst elektrisieren. Verlust ist eben unsere größte Angst. Unvergesslich schön hast du diese Angst auf ihren Platz im Kreislauf der Welt verwiesen. Danke, Nandalya, für die Sinnlichkeit deiner Federführung! Ich werde dieses kleine, intensive Meisterwerk mit besten Empfehlungen auf meinen Blog stellen.

      • „Nur“ der ewige Kreislauf der Zeit? Die Zeit ist ein Modell, das wir brauchen. Ohne es könnten wir nicht denken, weil schwer überfordert, oder überhaupt von Wiederholung oder Wiederkehr sprechen. Das Leben aber darf als erwiesen gelten und die Welt dient eben als Gefäß für all solches, was wir wissen, erdenken oder erhoffen können; als Symbol für den Ort, an dem alle Existenz stattfindet. Es ist nicht „nur“ der ewige Kreislauf der Zeit. Es ist so viel mehr, dass unsereins nicht anders kann, als das Wort „Welt“ zu benutzen.

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