Der Wanderer ohne Ziel

Es ist Sonntag. Ich erwache früh. Erst 7 Uhr. Die Welt liegt noch im Dunkel. Yuki blinzelt und lächelt mich an.
„Ich mag spazieren gehen“, sage ich. „Kommst du mit?“
Yuki nickt und wir ziehen uns an. Dicke Kleidung gegen die Kälte, feste Schuhe, Mützen.
Ich starte den Toyota und wir fahren los. Das Betongrau weicht sattem Grün. Bodennebel wallt.
Wir parken und laufen los. Hand in Hand. Yuki schmiegt sich an mich.
„Wohin gehen wir?“, fragt sie leise.
„Ins Morgen, kleine Elfe.“
„Einfach so, ohne jedes Ziel?“
„Nein. Wir haben ein Ziel.“

Mir fällt eine Geschichte ein von dem Wanderer ohne Ziel.
„Vor langer Zeit lebte im Japan der Shogun-Zeit ein junger Mann. Sein Name war Sasuke. Er war der Sohn eines Fürsten. Ein Prinz, ein Samurai. Sein Vater ließ ihn von den besten Lehrern des Landes ausbilden. Der junge Mann konnte Gedichte schreiben, aber auch einen Gegner mit nur einem Schlag besiegen. Aber im  damaligen Japan gab es keine Kriege mehr. So konnte sich der junge Prinz nur in Duellen messen. Dies war natürlich gefährlich. Weniger für ihn, als für den Frieden. Daher gingen die jungen Krieger dazu über sich nur mit Holzschwertern zu bekämpfen.“
„Kendo?“, fragt Yuki.
„Das gab es damals so noch nicht“, erwidere ich. „Aber auch ein Treffer mit einem Holzschwert kann sehr schmerzhaft sein.“
Wir bleiben stehen und atmen tief ein. Die Luft ist klar. Freundlich winkt Amaterasu-ō-mi-kami, die Sonnengöttin vom Himmel.
„Sasuke war schon bald der größte Krieger des Landes. Vom Norden bis Süden gab es keinen Samurai mehr, der ihn hätte besiegen können. Also fing er an sich mit den Schattenkriegern, den Ninja zu messen. Auch diese besiegte er alle und erwarb sich so großen Respekt.“
„Ist das nicht langweilig immer der Beste zu sein?“, will Yuki wissen. „Musste er nicht immer in Angst leben doch auf einen Besseren zu treffen?“
„Ja“, sage ich. „Sein Vater sah das mit Sorge. Er wollte Sasuke verheiraten damit dieser in Zukunft weniger ans kämpfen dachte. Und so fand sich schon bald die passende Frau: Prinzessin Yuki-onna.“
„Hey!“, unterbricht mich Yuki. „Warum muss ich nun wieder in deiner Geschichte sein?“
Ich blinzele Yuki zu und sie lacht.

„Prinzessin Yuki-onna war eine außergewöhnliche junge Frau. Angeblich soll ihre Mutter eine Elfe gewesen sein. Und wirklich sah sie sehr elfenhaft aus. Zart, zerbrechlich mit fast schneeweißer Haut. Es kam wie es kommen musste, die beiden jungen Menschen verliebten sich. Sicher war das bei der arrangierten Heirat nicht gewesen. Aber Sasuke war fasziniert von seiner klugen Frau. Fast zwei Jahre lang dauerte ihr Glück. Zwei Jahre in denen Sasuke nicht ein einziges Mal zum Schwert gegriffen hatte.“
Ich mache eine Pause, als ein älteres Ehepaar mit ihrem Hund vorbeikommt. Sie grüßen uns freundlich, der Hund wedelt mit dem Schwanz.
„Und wie ging es weiter?“, will Yuki wissen. „Hatten sie viele Kinder und lebten glücklich bis an ihr Ende?“
Ich schüttele den Kopf.
„Nein. Die Ehe blieb kinderlos. Sasuke war darüber sehr betrübt. Aber statt bei seiner Frau zu bleiben zog es ihn fort von ihr. Rast- und ruhelos begann er wieder durchs Land zu wandern.“
„Ich bin ein Wanderer ohne Ziel“, sagte er ihr. „Für einen Augenblick glaubte ich angekommen zu sein. Bei dir, mit dir. Aber so wie der Wind die Wolken treibt, treibt es mich durch die Welt. Und es gibt nichts, was mich hält. Ich wollte bei dir sein. Ein Leben lang. Aber wieder muss ich hinaus.“
Yuki-onna war traurig.
„Liebst du mich denn nicht?“, wollte sie wissen. „Bin ich dir nicht genug?“
„Natürlich liebe ich dich“, sagte Sasuke. „Aber ich muss trotzdem immer wieder gehen.“
„Dann lass mich mit dir gehen“, bat Yuki-onna.
Sasuke dachte nach. Er liebte seine Frau wirklich.
„Vielleicht hast du Recht“, sagte er. „Vielleicht sollten wir wirklich gemeinsam auf die Reise gehen.“

Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Im Winter wurde Yuki-onna sehr krank und die Ärzte gaben ihr nur noch kurze Zeit zu leben.
Sasuke war verzweifelt. Er betete zu den Göttern, flehte sie um Hilfe an.
Als er aus dem Tempel trat sprach ihn eine Frau an. Sie war ganz in Weiß gekleidet. Augen, dunkel wie Kohle schauten Sasuke freundlich an. Ihre Züge wirkten vertraut.“
„Wer bist du?“, wollte Sasuke wissen. „Wie kommst du hierher? Niemand kann an meinen Wachen  vorbei …“
Die Frau lächelte.
„Ich bin hier um zu helfen“, sagte sie leise.
„Helfen?“
Sasuke lachte bitter.
„Meine geliebte Frau stirbt! Selbst die Götter können ihr nicht helfen. Vielleicht bin ich verflucht.“
„Du bist nicht verflucht“, erwiderte die Frau. „Yuki-onna ebenfalls nicht. Aber du weißt, was man sich über sie und ihre Mutter erzählt?“
„Ihre Mutter soll eine Elfe sein“, murmelte Sasuke. „Ich glaube nicht daran. Elfen gibt es nicht.“
Die Frau lachte silberhell und warf die Kapuze ihres Umhangs zurück.
„Elfen gibt es immer dann, wenn du daran glaubst, junger Prinz. Glaubst du an mich? Glaube und ich kann dir helfen. Und meiner Tochter.“
Sasuke schluckte. Fassungslos starrte er die Frau an. Erst jetzt erkannte er die große Ähnlichkeit mit Yuki-onna. Nur die Haarfarbe unterschied die beiden Frauen. Während Yuki-onnas Haare dunkel wie Ebenholz waren, strahlten die der Frau in sillbrig-weißem Glanz.
Sasukes Knie begannen zu zittern, sein Atem stockte kurz.
„Du …, du bist die wahre Yuki-onna, nicht wahr?“, fragte er leise. „Die Schneefrau der Legenden.“
„Vielleicht bin ich das“, sagte die Frau. „Aber eine Legende bin ich nicht. Legenden sind tot. Ich lebe. Soll also deine Frau auch leben? Bist du bereit sie zu retten?“
„Ja!“, sagte Sasuke mit entschlossener Stimme. „Ich bin bereit, Herrin. Sag mir nur was ich tun muss.“
„Bring sie zu mir“, sagte die Yuki-onna. „Bring sie mir und ich rette sie. Aber du wirst einen Preis dafür zahlen müssen.“
„Was verlangst du, Herrin? Silber, Edelsteine, Gold? Sag es, nenne den Preis und ich zahle ihn!“
Die Augen der Schneefrau drangen tief in Sasukes Seele. Plötzlich fühlte er sich schwach.
„Du warst bisher ein Wanderer ohne Ziel“, sagte sie. „Und ein Wanderer wirst du für alle Zeit sein Aber du wirst nun ein Ziel haben. Nur einmal im Jahr werdet ihr euch sehen. Drei kurze Monate werdet ihr ein Paar sein. Aber ihr werdet Kinder haben, das verspreche ich euch.“
Sasuke holte tief Luft. Er verneigte sich tief vor der Schneefrau.
„So sei es, Herrin. Ich bin bereit jeden Preis zu zahlen. Für die Liebe.“

Yuki seufzt ergriffen und schmiegt sich enger an mich.
„Du und deine Geschichten“, flüstert sie mit feuchten Augen.
„Ich bin noch nicht fertig“, sage ich und lächele ihr zu.
Sasuke brachte seine kranke Frau zu dem Tempel. Kaum dass sie ihre Mutter sah, fiel jede Schwäche von ihr ab. Leichtfüßig lief sie auf sie zu und die beiden Frauen umarmten sich.
„Ich bin wieder gesund!“, rief Yuki-onna. „Nun wird alles wieder gut.“
Sie streckte die Arme nach Sasuke aus und dieser ergriff vorsichtig ihre Hand.
Sie war nicht länger kalt.
Die Schneefrau nickte und legte beide Hände auf die des jungen Paares.
„Lebt meine Kinder. Lebt eure Zeit. Du Sasuke wirst von nun an einen neuen Namen tragen. Er soll Fuyu Shōgun – General Winter – lauten.“
Und so geschah es. General Winter kam jedes Jahr mit seiner Frau zusammen. Gemeinsam hatten sie viele Kinder, die wie Blütenblätter fallenden Schneeflocken.

Yuki bleibt stehen und schaute mich lange an.
„Wirst du auch eines Tages von mir gehen?“, will sie wissen.
„Nein Yuki-onna“, flüstere ich. „Wir haben doch ein Ziel.“
Yuki strahlt und das nicht nur im Winter.

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Ich habe diese Geschichte am Sonntag bei unserem Spaziergang erfunden. Verwoben habe ich darin mehrere Legenden und eine Anime Figur. Die Yuki-onna entspricht der westlichen Schneekönigin, General Winter ist Väterchen Frost, über den ich bereits geschrieben hatte. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen LeserInnen meines Blogs bedanken. Durch Kommentare und eure Blogs habt ihr mich inspiriert und mir den Weg zurück ins Schreiben geebnet.

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24 Kommentare zu “Der Wanderer ohne Ziel

  1. So entstehen durch Verweben und Phantasieren neue wundervolle Geschichten. So war es schon immer, wir haben diese Kunst nur größtenteils vergessen. Früher wurden sie mündlich weitergegeben (ich weiß heute noch ominkelsche Geschichten), später gedruckt und heute klappern Tastaturen. Egal auf welche Art und Weise, Hauptsache wir bringen Geschichten zum Leben. Und dir ist das hier famos gelungen. ♥

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