Der neue Sex – Wege zur Lust

Bei meiner täglichen Recherche durch die Medien bin ich auf einen Beitrag im Focus gestoßen. Dort geht es um die Technik des neuen Sex. Gemeint ist dabei der Sex zwischen Mann und Frau, der offensichtlich in die Jahre gekommen ist. Wie sonst soll ich den etwas reißerischen Titel deuten. Die Sexologin Anne-Marlene Henning erklärt (mir), wo die weibliche Prostata liegt und will (mir) Wege aus der Sexflaute zeigen. Ich lerne außerdem, dass es beim Penis nur wichtig sei, wie Mann ihn einsetzt.

Spätestens an dieser Stelle sollte ich als Lesbe mit dem Lesen aufhören. Weder habe ich eine Sexflaute, noch interessiert es mich wo meine angebliche Prostata liegt. Über die paar Zentimeter mehr von Mann kann ich ohnehin nur lachen. Daher ist es mir auch egal, wie Mann sie einsetzt. Aber tapfer wie ich bin lese ich den Artikel zu Ende. Anne-Marlene Henning scheibt, dass Paare offenbar nicht viel über die Geschlechtsteile von Frau wissen. Und wer nicht wisse wie sich etwas stimulieren lasse, der könne dort auch nichts richtig spüren.

Ich lasse die Worte auf mich wirken, aber irgendwie verstehe ich sie nicht. Haben Hetero-Paare etwas Sex im Dunkeln? Wäscht sich eine Hetero-Frau etwa nie? Jede dritte Frau bekäme aus reiner Unkenntnis nie einen Orgasmus, auch nicht mit Selbtfriedigung, erklärt (mir) die Sexologin weiter. Und nur jede zehnte Frau erreiche den Höhepunkt bei der Penetration. Ich muss schmunzeln. Irgendwie habe ich das schon immer geahnt. Es deckt sich auch mit Berichten von Hetero-Freundinnen. Als Lesbe habe ich all diese „Probleme“ nicht. Bin ich etwa nicht reif für die Technik des neuen Sex? Das muss ich genauer wissen und lese weiter.

Frau, so erfahre ich, sei es nicht angeboren ständig zu kommen. Gut, das will ich auch nicht. Aber die Erregung sei uns angeboren, nicht aber die Lust und der Spaß damit. Und da Frauen kein Testosteron haben fiele es uns schwerer den Anfang zu finden. Die gute Sexologin hält Selbststimulation für wichtig, helfe sie doch die Sexualität mit Genuss und Spaß zu erleben. Quasi als Lerneffekt. An der Stelle muss ich eine Pause machen. Ich denke darüber nach, ob Anne-Marlene Henning vielleicht die legendäre Doktor Sommer der BRAVO ist. Dann fällt mir ein, dass Doktor Sommer ja ein Mann war, bzw. ein Team.

Immerhin weiß Doktor Sommer, dass 75 bis 80 Prozent aller Mädchen Selbstbefriedigung nutzen. Im Durchschnitt etwa 2 bis 3 Mal pro Woche. Im Alter von 13 habe sich fast die Hälfte aller dchen selbstbefriedigt. Interessant, denke ich mir. Die beiden Aussagen passen ja nun so überhaupt nicht zusammen. Nein, die gute Anne-Marlene Henning kann unmöglich zum Doktor Sommer Team gehören. Ich glaube auch nicht (mehr), dass sie viel Ahnung von ihrem Fachgebiet hat. Oder Doktor Sommer lügt. Ich bin entsetzt und mein mir bewahrtes Jungmädchenherz bricht.

Ich rufe nach meiner Frau und frage sie, was sie von dem Artikel hält. Yuki liest zuerst schweigend. Dann grinst sie und schüttelt den Kopf. Mit der Bemerkung „Sex sells“, will sie wieder verschwinden. Ich bitte sie noch zu bleiben. Und gemeinsam schauen wir uns die Videos zum Beitrag an. Wir erfahren, dass die sexuelle Lust mit Dauer der Beziehung abnehme. Es sei vorbei mit dem Knistern, dem Begehren und alles werde friedlicher, vertrauensvoller und harmonischer. Hilfsmittel seien nun angesagt. Stimulationen. Sogar von Pornos ist die Rede.

Ich schaue Yuki an und sie mich. Nein, wir wollen keinen Porno schauen. Und wir mögen unsere friedliche, vertrauensvolle und harmonische Beziehung sehr. Zu guter Letzt hören wir noch von der Langsamkeit im Bett. Ist dieser alte Hut etwa die angepriesene Technik des neuen Sex? Ich beschließe gleich morgen eine Liebesschule zu gründen und meine lesbischen Liebesweisheiten für gutes Geld an die Hetero-Welt zu verkaufen. Das wäre dann mein Weg zur Lust.

14 Kommentare zu “Der neue Sex – Wege zur Lust

  1. Naja, es ist der Focus. Wahrheiten oder gar differenzierte Auseinandersetzung würde ich mir da nicht erwarten.
    Es bleibt halt auf Stammtischniveau. Wie der Focus.
    Wer Derartiges als Unterstützung zum besseren Liebesleben braucht, ist Lichtjahre von Erfüllung und Hingabe entfernt.

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  2. Na, seitenlange Abhandlungen könnte man dazu wohl schreiben 😀 Und (Sex)umfragen sind in die Tonne zu treten, weil an ihnen fast ausschließlich Menschen teilnehmen, die im ausgeschreibenen Thema ihre Probleme haben. Alles Mumpitz.
    Dennoch bleibt sicher eines: gehen wir mal vom Mittvierzigersein aus, dann wurden unsere Eltern noch von Oswald Kolle aufgeklärt, während unsere Kinder in einer extrem übersexualisierten Welt leben. Weder das eine, noch das andere bringt eine „gesunde“ im Sinne von „erwachsener, lebendiger“ Sexualität hervor, wenn man keinen Anspruch auf eigene Wahrheit und eigene Bedürfnisse entwickelt. Ich habe meiner 9jährigen Tochter den Unterschied zwischen Sexualität und Pornografie erklärt. Weil sie mit beidem ganz automatisch früh in Kontakt kommen wird. Man kann die Welle nicht aufhalten, man kann sie nur reiten.
    Und ansonsten: Lust ist das, was im Kopf stattfindet und sich dann nach unten schlängelt. In meinem Kopf hat der Penis per se einen feinen Platz, deshalb freue ich mich auch, ihn zwischen die Beine zu bekommen. Seelenlos wäre er deplaziert, als rein mechanisches Instrument überflüssig. Lust ist ein spielerisches Instrument. Man kann sanfte Weisen und wilden Rock darauf spielen, Klassik, einen Sommernachtstraum inszenieren oder den gesamten, schweren Gefangenenchor. Und manche/r liebt halt Schlager oder Volksmusik und verpasst das schöne breite Spektrum der Begehrlichkeiten. Die – jenseits von Geschlecht und Alter – wundervolle Spielkinder sind. Wenn man sie denn lässt.
    Meine 2 Pence und einen wundervollen Tag für Dich!

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  3. Ich komme in 10 bis 15 Jahren auf dein Angebot zurück, wenn ich ein paar Jährchen verheiratet bin und meine unvermeidliche Flaute im Bett ansteht und Pornos und Spielzeug nicht mehr helfen. Ich danke im Namen der Heterowelt dem Focus, der uns mal wieder klar macht, was eben Sache ist und dir, die rechtzeitig eingreift, um unser Sexleben zu retten.

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