Wenn aus Stärke Schwäche wird

Vor einigen Tagen habe ich mich nach dem Training  mit meiner Freundin Linda getroffen, die zusammen mit ihrer Frau ein kleines Security Büro betreibt. Ja, Linda die Wen-Do Lehrerin. Wir hatten schon mehrfach darüber geredet, ob ich bei ihr als Trainerin arbeiten soll. Nun kann  ich kein Wen-Do. Dafür richtig gut Aikido, Karate und auch Wing Chun.
Linda hat mehrere Angestellte. Eigentlich Selbstständige, denen sie Aufträge vermittelt. Die meisten sind Frauen. Richtig starke Mädels! Von der Jura Studentin bis zur Verkäuferin ist alles dabei. Und wer verdient sich nicht gern noch etwas Geld dazu? Auch einen Mann gibt es. Nun kann sie schlecht einen Mann in einen Club für Frauen schicken, aber sie betreut auch eine Bar für schwule Männer.

In der Auswahl ihrer MitarbeiterInnen ist Linda sehr pingelig. Jede/r wird von ihr genau geprüft, befragt und ausgiebigst durchleuchtet. So auch mit einem zweiten Mann, den sie in ihr Team aufnehmen wollte. Und an der Stelle kam ich ins Spiel. Warum ich? Nun ist Linda Frau genug um Entscheidungen allein zu treffen. Es ging ihr um eine zweite Meinung. Sie stellte mir den potentiellen Mitarbeiter also vor, den ich in diesem Artikel Robert nennen möchte. Robert ist Student, 25 Jahre alt, Kickboxer und sehr von sich überzeugt. Er war um die 1 Meter 80 groß und ich schätzte ihn auf 75 kg.

Robert war nicht unsympathisch, allerdings überheblich.
„Karate ist ein nur ein Sport für alte Männer“, sagte er und lachte. „Das System ist doch schon seit Jahren überholt. Genau wie Judo. Dieses Kittelreißen ist vielleicht für Kinder als Einstiegssport geeignet. Jiu Jitsu und all dieser Kram ist auch nur was für Bodenakrobaten. Das bringt doch alles nix. Kickoxen ist so viel effektiver.“
Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion. Die kam nicht, Linda und ich schauten uns nur lächelnd an. Das gefiel Robert nicht.
„Ich bin früher Boxer gewesen“, fuhr er fort. „Und ich kann richtig gut schlagen. Schaut her!“
Ich musste lachen, als er uns voller Stolz einige Boxkombinationen zeigte und aufgeregt hin und her tänzelte. Linda schaute mich bezeichnend an, Yuki warf mir einen warnenden Blick zu.
Robert wirkte konsterniert, beleidigt.
„Warum lachst du?“, fragte er. „Ich war Jugendmeister im Boxen, so schnell macht mir keiner etwas vor.“

Dann zeigte er uns, wie gelenkig er war und setzte zu einigen spektakulären High Kicks an.
Sofort fiel mir Film-Karate ein. Die dort gezeigten Schläge und Kicks mögen toll fürs Auge sein. Effektiv sind sie nicht. Sie werden für die Kamera einstudiert, ein Filmkampf ist besserer Tanz.
„So wird das nichts“, erklärte ich ihm. „Boxen oder Kicks helfen dir bei einem Handgemenge auf engstem Raum nicht weiter Was machst du, wenn dich jemand in eine Ecke drängt, oder du beengt durch Tische, Stühle, oder viele Menschen bist?“
Ich ging auf ihn zu und fasste seinen Arm.
„Wir sind umringt von zwei bis drei Dutzend Menschen, sagte ich. „Du hast keinen Platz. Ich bin größer als du, kräftig. Also angenommen, okay? Was machst du?“
Robert dachte nach und nickte dann.
„Soweit lasse ich es nicht kommen“, sagte er. „Ich sorge durch meine reine Präsenz dafür …“
„Ich stehe doch schon direkt vor dir“, unterbrach ich ihn. „Du hast mich nicht kommen sehen und ich mache nun Ärger. Was machst du? Wehr mich ab!“
Robert zögerte und ich hatte meinen ersten Punkt gemacht.
Regel Nr. 1: Verunsichere dein Gegenüber! Wer das als Besucher / Gast mit einem Security macht, hat bereits halb gewonnen.
„Ich will dir jetzt nicht weh tun“, wich Robert aus. „Außerdem bin ich viel stärker als du.“

An dieser Stelle unterbreche ich meinen Bericht und  möchte einiges über die „Roberts“ dieser Welt erzählen. Menschen wie Robert sind selbstbewusst. Aber ihre pure Kraft verleitet sie dazu Situationen falsch einzuschätzen. Natürlich hat Robert Recht wenn er sagt, dass die bloße Anwesenheit eines Security für Ruhe und Sicherheit sorgen sollte. Nur ist dem eben nicht immer so. Und dann gilt es gezielt und ohne viel Reden ein- und auch durchzugreifen. Robert kann das nicht, das war mir schon nach seiner Antwort klar. Aber ich musste es ihm noch beweisen.

Ich ließ Robert los und tat so, als ob ich wieder zu Yuki ginge. Dann drehte ich mich abrupt um und sprang auf ihn zu. Eine kleine Frau, mit etwas über 50 kg Körpergewicht. Und Robert wich zurück! Das war sein zweiter Fehler.
Linda schnaufte, für sie war der Fall bereits gelaufen.
„Ich bin ein Angreifer“, sagte ich zu Robert. „Angetrunken, ich pöbele Gäste an und beleidige sie. Was machst du, wie hinderst du mich daran?“
Robert sah hilfesuchend in die Runde.
Ich schlug gegen seine Brust. Nicht fest, aber er wich weder aus noch sah er den Schlag kommen. Es war ein Klaps mit der flachen Hand.
„Wehr dich“, forderte ich ihn auf. „Wehr mich ab! Vergiss, dass ich eine Frau bin!“
Yuki verdrehte die Augen, sie ahnte was folgen würde.
Innerhalb von einer Minute nahm ich Robert die Hemmungen sich zu wehren. Ich provozierte ihn so lange, bis er seine Zurückhaltung aufgab.

Ich erspare dem Leser Einzelheiten. Wer mag darf sich aber gern bei youtube einige Videos über Aikido anschauen. Obwohl Robert 20 kg schwerer ist als ich, obwohl viel stärker, hat ihm das nicht geholfen. Im Gegenteil hat er sich durch die angewandte Kraft selbst besiegt. Aikido nutzt die Kraft des Gegners auf effektive Weise aus.

Und bevor nun wieder Kommentare kommen, dass eine Frau keinen Mann besiegen kann: Das ist völliger Quatsch! Es kommt immer auf den Mensch an. Wenn ich natürlich nur abwehre und zurückweiche geht das ins Auge. Außerdem habe ich meinen eigenen Stil. Karate ist auf engem Raum ziemlich unbrauchbar. Wing Chun dagegen nicht. Mit Aikido habe ich auch auf engstem Raum alle Trümpfe in der Hand … UND ich kann dank meiner Kenntnisse anderer Sportarten auch einen Mann richtig außer Gefecht setzen.

Robert war verletzt. Nicht körperlich! Aber sein Stolz hatte doch etwas gelitten. Doch er bewies Größe und bedankte sich bei mir für die Lektion. Und damit bestand er zumindest diesen Test! Er nahm die Niederlage an und erkannte seine Fehler. Eingestellt hat ihn Linda aber nicht.

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Dieser Beitrag dient nicht dazu (m)eine Kampfkunst, oder mich als Person zu idealisieren. Es ist lediglich eine wahre Begebenheit aus meinem Leben, die ich mit meinen LeserInnen teilen möchte. Brutale Stärke, Kraft ist niemals der richtige Weg. Auch der scheinbar Schwache kann große Leistungen vollbringen, sofern „er“ nur will. Das möchte ich damit sagen. Und Mut machen. Vor allem Frau. Damit sie ihr Leben nicht in Passivität verbringt, nicht in Angst.

23 Kommentare zu “Wenn aus Stärke Schwäche wird

  1. Gut geschrieben.
    Das ist ene ziemlich starre Art von Selbstvertrauen, die von dem Mann demonstriert werden sollte. Eine Art vonKraft, die auf der Überzeugung von der eigenen Stärke beruhrt und gerade deshlab auf wackligem Boden steht.

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  2. Hahaha, die Situation kenn ich nur zu gut. Die hab ich schon erlebt als ich 8 Jahre alt war und im Judotraining ein Zuschauer (Mitte 20, großer Kerl) zu meiner Trainerin, (nur brauner Gürtel) sagte, Judo wäre doch Blödsinn und würde ich gar nicht helfen, wenn ein Kerl wie ER sie angreifen würde. Die beiden haben das dann ausprobiert. Es hat 8 Sekunden gedauert, bis er auf dem Rücken lag. Sein Ego war danach echt im Eimer und er trollte sich mit knallroter Rübe.

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  3. Ich hab übrigens früher mit dem deutschen Meister trainiert. Bis 60 Kilo, Taek-won-do. Wir haben viele Sparrings gemacht und er war mir über, ein totales Ausnahmetalent. Aber in meiner Taek-won-do Gruppe war meine Schlagstärke 75% der Männer überlegen.

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